{"id":991,"date":"2015-12-30T03:36:53","date_gmt":"2015-12-30T03:36:53","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=991"},"modified":"2015-12-30T03:36:53","modified_gmt":"2015-12-30T03:36:53","slug":"fluechtlinge-an-der-hu-berlin-endlich-wieder-ein-bisschen-selbstbewusstsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/fluechtlinge-an-der-hu-berlin-endlich-wieder-ein-bisschen-selbstbewusstsein\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge an der HU Berlin: &#8222;Endlich wieder ein bisschen Selbstbewusstsein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Aufgezeichnet von Carolin Wiedemann<\/em><\/p>\n<p><strong>Ob deutscher, ausl\u00e4ndischer oder gar kein Pass: An der Humboldt Universit\u00e4t Berlin d\u00fcrfen alle als Gasth\u00f6rer an einem Seminar teilnehmen. F\u00fcnf Studierende erz\u00e4hlen ihre Geschichte und warum sie an dem Kurs teilnehmen.<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Woher kommt eigentlich das Konzept des Fl\u00fcchtlings?&#8220;, fragt Nader Talebi auf Englisch in den Seminarraum. &#8222;G\u00e4be es <a class=\"text-link-int\" title=\"Fl\u00fcchtlinge\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/fluechtlinge\/\">Fl\u00fcchtlinge<\/a>, wenn es keine Nationalstaaten g\u00e4be?&#8220;<\/p>\n<p>Einige Studenten heben den Arm. Talebis Kollegin Firoozeh Farvardin \u00fcbersetzt die Frage auf Farsi. Noch mehr Arme im Seminarraum gehen in die H\u00f6he. Vor den gro\u00dfen Fenstern verdunkelt sich an diesem Dienstagnachmittag im November der Berliner Himmel, durch die Scheiben dringt leise das Rattern der Z\u00fcge vom S-Bahnhof Friedrichstra\u00dfe gleich um die Ecke.<\/p>\n<p>Das Seminar &#8222;Spaces of Migration&#8220; ist einer von zwei Kursen des Berliner Instituts f\u00fcr empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), die dieses Semester im Rahmen der Initiative &#8222;Fl\u00fcchtling als Gasth\u00f6rer&#8220; der Humboldt Universit\u00e4t angeboten werden. Auf die 35 Pl\u00e4tze pro Seminar konnten sich Fl\u00fcchtlinge, internationale Studenten und Studenten mit deutschem Pass gleicherma\u00dfen bewerben.<\/p>\n<p>Zwar k\u00f6nnen Teilnehmer, deren Aufenthaltstitel noch nicht gekl\u00e4rt ist oder deren Abschl\u00fcsse nicht anerkannt werden, wie auch an anderen\u00a0<a class=\"text-link-int\" title=\"Hochschulen\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/hochschulen\/\">Hochschulen<\/a> noch keine Credit Points erwerben. Doch was sie in den beiden Seminaren des Berliner Instituts bekommen, ist das Gef\u00fchl, auf Augenh\u00f6he lernen und diskutieren zu k\u00f6nnen: Der Unterricht findet auf Englisch und Farsi sowie auf Englisch und Arabisch statt &#8211; ein Angebot, das bislang wohl einzigartig ist an einer deutschen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Studenten erz\u00e4hlen, wer sie sind und warum sie hier mitmachen.<\/p>\n<p><strong>Saeed K., 37, aus Iran: &#8222;Endlich wieder etwas Selbstbewusstsein&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;In den letzten f\u00fcnf Jahren bin ich an den Geb\u00e4uden der HU immer wieder vorbeigelaufen und habe mich nie getraut hineinzugehen. 2010 wurde ich als einer von 50 iranischen Fl\u00fcchtlingen in Deutschland aufgenommen.In Teheran hatte ich eine Menschenrechtsorganisation mitgegr\u00fcndet und wurde deshalb mehrmals festgenommen und gefoltert. Gegen eine Kaution von 27.000 Euro, die meine Familie in Raten abbezahlt, kam ich beim letzten Mal frei. Sie w\u00fcrden mich trotzdem wieder einsperren. Wei\u00dfe Folter hei\u00dft es, wenn sie dich isolieren, wenn sie dich psychisch fertigmachen.<\/p>\n<p>In Deutschland haben die \u00c4mter weder mein Abitur noch meinen Studienabschluss anerkannt. Ich hatte bislang das Gef\u00fchl, Universit\u00e4ten seien f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge unerreichbar. Doch dann habe ich in einem Verein f\u00fcr junge Fl\u00fcchtlinge von diesem Seminar erfahren, das auch noch in meiner Muttersprache unterrichtet wird. Das gibt uns endlich wieder ein bisschen Selbstbewusstsein. Und auch Kontakt zu deutschen Studenten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Nagi K., 30, aus dem Sudan: &#8222;Ich m\u00f6chte meinen Master fertigmachen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;In Khartum habe ich Internationale Beziehungen studiert. Allerdings ohne Abschluss &#8211; in meiner Masterarbeit schrieb ich \u00fcber die Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs zum Darfur-Konflikt im Sudan, ein Thema, das die Uni nicht anerkennt. Denn die sudanesische Regierung lehnt alle Ermittlungen diesbez\u00fcglich ab. Als Menschenrechtsaktivist wurde ich au\u00dferdem verfolgt und bin schlie\u00dflich geflohen.Doch in Holland wollten mich die Beh\u00f6rden zur\u00fcck in den Sudan abschieben, ich musste untertauchen und ohne Papiere auf der Stra\u00dfe leben. Dort war ich Teil der Bewegung &#8218;We are here&#8216;, die eng mit den Protesten der Gefl\u00fcchteten in Berlin rund um den Oranienplatz zusammenarbeitete. So kam ich dann hierher. Ich bin froh, wieder an der Uni zu sein, und wenn ich endlich einen Aufenthaltstitel bekomme, werde ich hoffentlich meinen Master an der HU fertigmachen. Die Abschlussarbeit habe ich ja bereits geschrieben.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Judith B., 27, aus Deutschland: &#8222;Hier habe mal ich weniger zu sagen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Ich habe viele gefl\u00fcchtete Freunde in Berlin und werde t\u00e4glich Zeugin rassistischer Verh\u00e4ltnisse. Das Seminar bricht manche Hierarchien auf: Dass ich nicht immer alles gleich verstehe, dass ich weniger zu sagen habe als diejenigen, die in dieser Gesellschaft sonst eher nicht geh\u00f6rt werden, stellt Selbstverst\u00e4ndlichkeiten infrage.Hier kommen Menschen mit verschiedensten Erfahrungen zusammen. Und erst deren Austausch macht die Theorien der Migrationswissenschaft, die wir besprechen, lebendig. Das bringt viel mehr als Selbstgespr\u00e4che und B\u00fccher von Leuten wie mir, die relativ bequem am Schreibtisch \u00fcber Menschen schreiben, die nebenan ins n\u00e4chste Lager gepfercht werden und nicht an die Uni d\u00fcrfen. Ich w\u00fcnsche mir mehr solcher R\u00e4ume und w\u00fcrde gern h\u00e4ufiger etwa von m\u00e4nnlichen und weiblichen Freiheitsk\u00e4mpfern, Akademikern und Sozialarbeitern aus anderen L\u00e4ndern lernen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Bashar A., 30, aus Syrien: &#8222;Die Solidarit\u00e4t hat mich aufgefangen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Vor dem Krieg waren wir eine wohlhabende Familie, wir hatten zwei H\u00e4user in unserer Heimatstadt Homs und eine Textilfabrik, die ich nach dem Studium \u00fcbernommen habe. Die Fabrik, die H\u00e4user, alles ist zerst\u00f6rt, das Geld auf der Bank hat seinen Wert verloren. 6000 Euro blieben mir, die ich zur Flucht brauchte. Meine Frau ist in \u00c4gypten, meine Geschwister sind alle verstreut, auf der Flucht auseinandergetrieben.Vor drei Monaten kam ich in Deutschland an, ich besitze gar nichts mehr und bin allein. Doch die Solidarit\u00e4t Einzelner hier hat mich aufgefangen. Ich wohne bei Deutschen, die ich gleich zu Beginn in einem Lager kennenlernte, und hier im Seminar an der HU habe ich Freunde gefunden. Au\u00dferdem lerne ich den deutschen Lebensstil besser kennen. Das ist mir total wichtig, denn meine Zukunft ist hier.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Said Ali H., 32, aus Afghanistan: &#8222;Ich will Professor werden&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Direkt nach der Machtergreifung der Taliban bin ich losgelaufen, mit 15 Jahren, von Afghanistan zu Fu\u00df nach Iran. Dort schlug ich mich mit Arbeit in einer Schuhfabrik durch. Als 2003 die Amerikaner kamen, kehrte ich zur\u00fcck zu meiner Familie und schloss das Gymnasium ab. Aber das Land war korrupt und die Unterdr\u00fcckung noch genauso gro\u00df. Ich musste wieder fliehen.In Aserbaidschan habe ich dann einen Bachelor in englischer Philologie gemacht. Doch ich durfte dort nicht dauerhaft bleiben. Hier in Berlin warte ich seit M\u00e4rz darauf, endlich meinen Asylantrag stellen zu k\u00f6nnen. Ich hasse das Heim, in dem ich wohnen muss. Wir sind bis zu acht M\u00e4nner in einem Raum, es ist immer laut, und ich bin nie allein.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t ist der einzige Ort, an dem ich etwas Entspannung finde. Hoffentlich werden sie meinen Bachelor anerkennen, dann kann ich weiterstudieren und Professor werden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Kiron University: Wo Fl\u00fcchtlinge studieren k\u00f6nnen &#8211; gratis und auf Englisch<\/strong><\/p>\n<p>Mangelnde Deutschkenntnisse, fehlende Unterlagen: Der Weg an die Uni ist vielen Fl\u00fcchtlingen versperrt. Die Kiron University in Berlin erm\u00f6glicht nun ein Studium auf Englisch &#8211; mit kostenlosen Onlinekursen. Der Andrang ist riesig.<\/p>\n<p>Quelle: <span style=\"color: #999999;\"><em>Spiegel.de<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob deutscher, ausl\u00e4ndischer oder gar kein Pass: An der Humboldt Universit\u00e4t Berlin d\u00fcrfen alle als Gasth\u00f6rer an einem Seminar teilnehmen. 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