{"id":918,"date":"2015-09-23T07:36:45","date_gmt":"2015-09-23T07:36:45","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=918"},"modified":"2015-09-23T07:36:45","modified_gmt":"2015-09-23T07:36:45","slug":"fluchterlebnisse-eines-jugendlichen-was-habe-ich-falsch-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/fluchterlebnisse-eines-jugendlichen-was-habe-ich-falsch-gemacht\/","title":{"rendered":"Fluchterlebnisse eines Jugendlichen: Was habe ich falsch gemacht?"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\">Jawad war vier Jahre alt, als er mit seinen Eltern aus Afghanistan fl\u00fcchtete. Nun ist er in Hamburg und hat seine Geschichte aufgeschrieben.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">Hallo, ich bin Jawad. Ich komme aus Afghanistan und ich m\u00f6chte die Geschichte erz\u00e4hlen, wie ich nach Hamburg gekommen bin. Es ist eine lange Geschichte. Dass ich von meinem Land weggegangen bin, war nicht meine Entscheidung. Und es war auch nicht meine Entscheidung, dass ich in diesem Land geboren wurde.<\/p>\n<p class=\"article even\">Als ich vier Jahre alt war, musste ich mit meinen Eltern mein Dorf verlassen \u2013 wegen des Kriegs in Afghanistan. Wir sind in den Iran geflohen. Im Iran war die Situation f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge nicht gut. Wir durften nicht zur Schule gehen, nicht arbeiten und nichts in unserem Namen kaufen. Sie machten Druck, damit wir so schnell wie m\u00f6glich wieder zur\u00fcckgehen. Wenn sie uns auf der Stra\u00dfe gesehen haben, wurden wir kontrolliert.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Im Iran hat mein Vater schwarzgearbeitet. Als ich zehn Jahre alt war, habe auch ich angefangen zu arbeiten. Ich half auf Tomatenfeldern. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich zur Schule gehe, aber es hat nie geklappt. Die Beh\u00f6rden haben das immer abgelehnt. Sp\u00e4ter habe ich als Tierarzthelfer gearbeitet. Dann als Tischler. Ich war Analphabet, aber mein Vater brachte mir ein bisschen Lesen und Schreiben bei.<\/p>\n<p class=\"article even\">Einmal sind wir nach Afghanistan zur\u00fcckgekehrt. Wir waren total m\u00fcde und wollten einfach weg aus dem Iran. In Afghanistan angekommen, waren wir schockiert. Es war immer noch Krieg. Blut, Probleme. Nach zweieinhalb Monaten verlie\u00dfen wir Afghanistan wieder. Wir sind zur\u00fcck in den Iran geflohen. Aber die Situation dort war immer noch schrecklich. Und es wurde noch schrecklicher. Sie kontrollierten \u00fcberall, manchmal auch aus Spa\u00df.<\/p>\n<h6>Angst vor Polizisten und Rassisten<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Ich entschied mich, das Land zu verlassen. Ich habe mich mehrere Monate lang erkundigt und ich fand jemanden, der mir und meinen Freunden half. Wir sind dann in die T\u00fcrkei gekommen. Auch da war es schrecklich. Von der T\u00fcrkei sind wir zu f\u00fcnft mit dem Schlauchboot nach Mytilini gekommen. Dann bin ich weitergegangen nach Athen. Ich wollte in Griechenland bleiben und die Sprache lernen. Ich bin nach Kreta in ein Heim f\u00fcr minderj\u00e4hrige und unbegleitete Fl\u00fcchtlinge gegangen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Es war komisch, ich dachte, die Sprache w\u00e4re Englisch. Ich hatte ein paar W\u00f6rter Englisch gelernt. Als ich ankam, war ich ganz \u00fcberrascht, wie die Griechen redeten. Nach zwei Jahren konnte ich gut Griechisch reden und half dem Dolmetscher im Heim. Dann bin ich nach Athen gegangen, um zu arbeiten, aber die Beh\u00f6rden halfen mir nicht dabei. Ich wollte auch meine Familie besuchen, aber ich durfte nicht reisen. Deswegen entschied ich mich, Griechenland zu verlassen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Ich bin nach Patras gegangen. Wie man sich die ganze Zeit versteckt vor der Polizei, vor Rassisten, m\u00f6chte ich gar nicht beschreiben. Man war ganz alleine und gar nichts wert. Was mich motiviert hat, war meine Hoffnung. Die hat mich angetrieben. Von Korinth aus bin ich dann nach Italien gelangt \u2013 in einem Lkw, auf einem Schiff, zwei Tage und N\u00e4chte. Von Venedig bin ich dann nach \u00d6sterreich gekommen. Dort hat die Polizei uns kontrolliert und verhaftet. Sie sagten, wir m\u00fcssten zur\u00fcck nach Griechenland.<\/p>\n<p class=\"article even\">Ich wollte nicht und sagte das. Sie brachten uns in ein Abschiebelager und ich ging in einen zehnt\u00e4gigen Hungerstreik. Ich habe nur wenig Wasser in der Nacht getrunken. 15 bis 16 Kilo habe ich in diesen Tagen verloren. Die \u00c4rzte haben entschieden, mich freizulassen. Es war ein Trick. Sie haben gesagt, hier ihr seid frei, ihr k\u00f6nnt Asyl beantragen. Als wir in die Beh\u00f6rde gegangen sind, brachten sie uns Essen. Danach kamen zwei Polizisten mit Handschellen und sagten, ihr m\u00fcsst wieder ins Gef\u00e4ngnis, zum Abschieben.<\/p>\n<h6>Fast wie eine Familie<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Drei Monate waren wir im Gef\u00e4ngnis in Wien. Es kam der Tag, an dem sie mich zum Flughafen bringen wollten. Ich habe mich geweigert. Sie sind gekommen und haben geschrien und mich geschlagen, aber ich konnte nicht raus. Dann kamen so zehn bis zw\u00f6lf Polizisten und schlugen mich zusammen. Sie setzten mich in ein Auto und brachen mich zum Flughafen. Einige Stunden sp\u00e4ter war ich wieder in Athen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Ich hatte keine Lust mehr zu leben. Zum Gl\u00fcck traf ich einen Freund auf der Stra\u00dfe, er nahm mich nach Hause. Manchmal verlie\u00df ich das Haus zum Spazieren. Manchmal ging ich so weit, dass ich nicht mehr wusste, wo ich war. Ich bin immer ans Meer gegangen und schaute aufs Wasser. Ich schaute auch auf die Menschen neben mir und wollte immer wissen, was der Unterschied war zwischen mir und denen. Was habe ich falsch gemacht? Warum ist das Leben so hart f\u00fcr manche Menschen?<\/p>\n<p class=\"article odd\">Nach drei Monaten habe ich einen Platz in einem Haus f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge bekommen. Dann habe ich versucht, mein Griechisch zu verbessern, und ich spielte wieder Fu\u00dfball mit Freunden.<\/p>\n<p class=\"article even\">Ich habe das Angebot bekommen, in Mytilini als Dolmetscher zu arbeiten. Da habe ich zwei Jahre lang gearbeitet. Es war eine gute Zeit. Aber ich konnte nicht in Griechenland bleiben, weil ich immer noch nicht reisen durfte und meine Familie im Iran nicht besuchen konnte.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Ich habe mich entschieden, nach Deutschland zu gehen. Ich bin illegal nach Deutschland geflogen. Ich dachte, ich w\u00fcrde vielleicht wieder nach Mytilini zur\u00fcckgehen, aber dann bin ich doch in Deutschland geblieben. Ich bin zur Schule gegangen, und jetzt mache ich eine Ausbildung. Ich habe tolle Menschen dort getroffen, die mir helfen. Es ist fast wie eine Familie. Sie unterst\u00fctzen mich immer, \u00fcberall. Und ich f\u00fchle mich richtig gut in Hamburg.<\/p>\n<p class=\"article odd\">\n<p class=\"article odd\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong><a href=\"http:\/\/taz.de\/Fluchterlebnisse-eines-Jugendlichen\/!5234347\/\" target=\"_blank\">Quelle: taz<\/a><\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jawad war vier Jahre alt, als er mit seinen Eltern aus Afghanistan fl\u00fcchtete. Nun ist er in Hamburg und hat seine Geschichte aufgeschrieben. &nbsp; Hallo, ich bin Jawad. Ich komme aus Afghanistan und ich m\u00f6chte die Geschichte erz\u00e4hlen, wie ich nach Hamburg gekommen bin. Es ist eine lange Geschichte. 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