{"id":876,"date":"2015-08-03T15:48:25","date_gmt":"2015-08-03T15:48:25","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=876"},"modified":"2015-08-03T15:49:44","modified_gmt":"2015-08-03T15:49:44","slug":"debatte-europas-fluechtlingspolitik-sie-sind-deutschlands-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/debatte-europas-fluechtlingspolitik-sie-sind-deutschlands-zukunft\/","title":{"rendered":"Debatte Europas Fl\u00fcchtlingspolitik; Sie sind Deutschlands Zukunft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Europa braucht Einwanderer. Warum es klug ist, bei Fl\u00fcchtlingsfragen nicht l\u00e4nger zu moralisieren. Eine \u00f6konomische Argumentation.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Deutschland-Einwanderer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-877 size-full\" src=\"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Deutschland-Einwanderer.jpg\" alt=\"Deutschland--Einwanderer\" width=\"700\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Deutschland-Einwanderer.jpg 700w, https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Deutschland-Einwanderer-300x192.jpg 300w, https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Deutschland-Einwanderer-86x55.jpg 86w, https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Deutschland-Einwanderer-650x417.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Das Geheimnis des Machterhalts der CDU ist ein schlichtes: Die Partei nimmt die Tatsachen des Lebens ernst. Politisch, gesellschaftlich und am Ende auch kulturell. Ostpolitik, Frauenpartizipation, Atomausstieg, Wehrpflichtabschaffung, in B\u00e4lde vermutlich auch die Ehe f\u00fcr alle. Man regiert nicht gegen das Volk, so Helmut Kohl.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">J\u00fcngst lie\u00df Kanzlerin Angela Merkel sanfte Selbstkritik im Hinblick auf einen anderen Aufreger in konservativen Milieus erkennen. Ihre Partei, so war zu lesen, sei ja nicht gerade ber\u00fchmt f\u00fcr die Anerkennung dessen, was Deutschland eben l\u00e4ngst ist: ein Einwanderungsland. Es war der n\u00f6tige Akkord in der von Generalsekret\u00e4r Peter Taubert f\u00fcr wichtig erachteten Debatte \u00fcber ein neues Einwanderungsgesetz. Das brauche Deutschland, und daran m\u00fcsse gearbeitet werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">In der Tat wei\u00df man auch in der Parteizentrale in Berlin, was die mittelst\u00e4ndische Wirtschaft, was die Kader der Konzerne als Sorge vortragen: dass Deutschland dringend mehr Menschen braucht, um etwa die in Rente gehenden Facharbeiter*innen zu ersetzen. Ausbildungspl\u00e4tze aber bleiben unbesetzt. \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c \u2013 des Rechtspopulisten Thilo Sarrazin hysterische Weissagung trifft ja, in demografischer Hinsicht, in gewisser Weise zu.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Die Prognosen zur Bev\u00f6lkerungsentwicklung stehen nat\u00fcrlich immer unter Vorbehalt. Um es mit dem verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu sagen: Die Weissagungsf\u00e4higkeit zur demografischen Entwicklung sind im Sinne der Kristallkugel immer 100 Prozent treffgenau. Gleichwohl: Die deutsche Urbev\u00f6lkerung schrumpft.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Ausgebildet<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Nachdem das f\u00fcr Frauen exklusiv n\u00fctzliche Schwangerschaftsverh\u00fctungsmittel, die Pille, auf dem Markt kam \u2013 und zwar gegen den eisigen Widerstand der katholischen Kirche \u2013, ist die Geburtenrate so gesunken, dass Familien mit mehr als drei Kindern eher zur irgendwie bedauerten Ausnahme geh\u00f6ren. Kein Familienf\u00f6rderungsprogramm seither hat geholfen, auch nicht das j\u00fcngst vom Bundesverfassungsgericht abgeschaffte Betreuungsgeld, in F\u00fclle deutsche Frauen zu bewegen, mehr als ein Kind oder derer gleich drei zur Welt zu bringen. Tun sie aber nicht, das Volk l\u00e4sst sich ethnisch inspirierte Bev\u00f6lkerungspolitiken nicht mehr einschw\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Das demografische Downsizing dessen, was einst die deutsche Familie war \u2013 der Mann berufst\u00e4tig in der Welt, die Frau als Amme und Managerin des Alltags daheim, die Kinder aufziehend \u2013, war und ist einer, wenn man so will, Graswurzelbewegung geb\u00e4rf\u00e4higer Frauen zu verdanken (oder geschuldet, je nach Lesart und weltanschaulicher Perspektive). In keinem Jahr wurden so viele Kinder in der Bundesrepublik geboren wie 1964. Von 1965 sanken die Geburtenraten von deutschen Familien (besser: Frauen).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Dass die Bev\u00f6lkerungszahl der Bundesrepublik \u2013 und damit die \u00f6konomische Potenz gerade im Facharbeiter- und Angestelltensektor \u2013 trotzdem stabil blieb, lag einzig und allein an jenen, die Gastarbeiter genannt wurden. M\u00e4nner und Frauen aus Italien, Spanien, Portugal, Jugoslawien und der T\u00fcrkei, die geholt wurden, um in der Bundesrepublik die Schmutzarbeit zu verrichten. Die eingeborenen erwachsenen Deutschen stiegen massenhaft in B\u00fcroberufe auf. Seit den fr\u00fchen siebziger Jahren wurde klar, dass jene, die man nach getaner Maloche wieder ins Geburtsland zur\u00fcckgeschickt h\u00e4tte, bleiben wollten. Deutschland war ihnen l\u00e4ngst zur zweiten und eigentlich ersten Heimat geworden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Alles \u00e4nderte sich mit den neuen B\u00fcrger*innen \u2013 und ihrem Nachwuchs. Noch in den sechziger Jahren geh\u00f6rten Kinder von Gastarbeitern in den Schulen zur krassen Minderheit; Anfang der achtziger Jahren waren Kinder, die Goran, Ay\u015fe oder Marija oder G\u00f6khan hie\u00dfen, in gro\u00dfst\u00e4dtischen Schulen \u00fcblich. Die Arbeit an ihrer Integration hatte l\u00e4ngst begonnen, nur durfte sie nicht so hei\u00dfen. Noch vor 15 Jahren machte der CDU-Politiker J\u00fcrgen R\u00fcttgers einen allerdings erfolgreichen Wahlkampf mit der Parole \u201eKinder statt Inder\u201c. Es war die demagogische Kritik an rot-gr\u00fcnen Vorschl\u00e4gen, dringend ben\u00f6tigte Jobintelligenz im IT-Sektor durch Anwerbeprogramme in Indien zu rekrutieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Energisch<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Aber Deutschland hatte sich l\u00e4ngst ge\u00e4ndert; am Ende, siehe Angela Merkel j\u00fcngst, hatte der \u00f6konomische Kraftprotz Europa gen\u00fcgend Einsicht, wider allen v\u00f6lkischen Mob, die ins Land kommenden Fl\u00fcchtlinge zu lassen und sie mit b\u00fcrokratisch hohem Aufwand zu versorgen. Und das hat selbstverst\u00e4ndlich auch mit weitgehend funktionierenden Beh\u00f6rdenstrukturen zu tun \u2013 etwa auch im Vergleich mit Griechenland oder den osteurop\u00e4ischen EU-L\u00e4ndern \u2013, aber auch mit dem Bewusstsein, dass Menschen in Not Hilfe brauchen, keine weitere Bedrohung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Historisch gesehen macht Deutschland als Einwandererland keine neue Erfahrung. Preu\u00dfen holte Hugenotten ins Land, durchaus auch, um die m\u00e4rkischen Bauern auf h\u00f6here Zivilisationsstufen zu heben. Im Ruhrpott wimmelt es noch heute von Menschen, deren Familienname irgendwie polnisch klingt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Es war die Kohle, die Arbeiter aus dem agrarischen Polen anwarb \u2013 und aus der nicht sehr h\u00fcbschen Landschaft Westfalens ein gigantisches Industrieareal machte. Letztlich kennen Bundesdeutsche das, was Integration genannt werden kann, sehr genau: Auch nach 1945 waren Millionen an Vertriebenen aus Schlesien und Pommern zu integrieren \u2013 und das lief mitnichten immer reibungsfrei ab.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Jene, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland wollten \u2013 \u00fcber das Mittelmeer, \u00fcber Landrouten durch das ehemalige Jugoslawien \u2013 oder noch einwandern, werden bei uns als Fl\u00fcchtlinge gesehen. Immer noch aber wird so getan, als w\u00fcrden sie irgendwann wieder gehen. Davon abgesehen, dass das ganz unwahrscheinlich ist, denn die neue Heimat f\u00fcr die allermeisten jener, die bis zur Ersch\u00f6pfung und mit finanziellen Aufw\u00e4nden, die tiefe Verschuldung bedeuten, ist ja attraktiv.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Interessant<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Der \u00f6konomische Rahmen in Deutschland ist attraktiv, die Institutionen des Alltags sind im Vergleich zu jenen in Syrien, dem Libanon, Libyen, Sudan oder Togo nachgerade paradiesisch. In Berlin zumindest \u2013 aber auch in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Hamburg, M\u00fcnchen, Stuttgart oder K\u00f6ln \u2013 sah man in den Siebzigern im Stra\u00dfenbild Menschen, die irgendwie nicht so stra\u00dfenk\u00f6terblond aussehen wie das Gros der Deutschen. Sie sahen eher s\u00fcdl\u00e4ndisch aus. Eine \u00e4hnlich andere Optik ist jetzt zu bemerken. Deutschland wird anders, weil man pl\u00f6tzlich im Stra\u00dfenbild sehr dunkelh\u00e4utige Menschen sieht, Afrikaner vom Ursprung \u2013 und jetzt hier, neue B\u00fcrger*innen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Wer nach Deutschland \u2013 oder nach Schweden, ein \u00e4hnlich attraktives Ziel f\u00fcr Menschen aus Afrika und aus muslimischen L\u00e4ndern \u2013 kommt, tut dies mit einem Ehrgeiz, mit einer Energie und mit einer Aufstiegskraft, die in der traditionellen Bundesrepublik eher selten geworden ist. Aller Motto scheint zu sein: Ich werde ein neues Land finden und mich dort durchsetzen, mit Arbeit, mit Ideen \u2013 denn etwas Besseres als den Tod wird es dort geben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Es k\u00f6nnte klug sein \u2013 etwa seitens der SPD, auch der Gr\u00fcnen und Linken \u2013, Fl\u00fcchtlingsfragen nicht l\u00e4nger zu moralisieren. Nicht mehr zu sagen: Oh, die Armen m\u00fcssen ein Dach \u00fcberm Kopf haben. Sondern: Super, Fl\u00fcchtlinge, das kriegen wir organisiert. Das k\u00f6nnen wir Deutsche. Menschen, die es so unbedingt ins \u00fcberalterte Europa (und Deutschland) schaffen wollen, haben genau jene aggressive Aufstiegsenergie, an der es der urdeutschen Bev\u00f6lkerung so oft fehlt. Jene, die kommen, sind solche, die nicht schon bei der Geburt mit akademischen Tr\u00e4umen versehen sind, mit Sparvertr\u00e4gen und der halbwegs sicheren Aussicht auf Jobversorgung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Paul Scheffer hat die Entwicklung vor fast zehn Jahren in seinem Buch \u201eDie Eingewanderten\u201c auch historisch aufgef\u00e4chert. Migration, so der niederl\u00e4ndische Soziologe und Publizist, ist kein multikulturelles WG-Plenum, sondern eine im g\u00fcnstigsten Fall gesellschaftliche und vor allem \u00f6konomische Erneuerungsbewegung, die nicht ohne Konflikte abgeht. Es kommen in die neue Heimat nicht gute oder schlechte Menschen, sondern Menschen in Not und\/oder Lust auf neue Horizonte. Mit Absichten, Hoffnungen und Pl\u00e4nen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Weniger nachkriegsdeutsch<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Der als Welt-Herausgeber t\u00e4tige Thomas Schmid schrieb neulich, dass das zu organisierende sichere Geleit \u00fcber Grenzen \u2013 und das Mittelmeer \u2013 organisierbar sein. \u00d6konomisch k\u00f6nne das Europa der EU noch viele Millionen \u201everkraften\u201c. Nur m\u00fcsse dies politisch kommuniziert werden \u2013 und demokratisch mit Wahlen legitimiert. Das scheint dann doch zu schmal argumentiert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Eine kluge Politik nimmt Einwanderung nicht als Schicksal hin und tut so, als sei es eine humanit\u00e4re Geste, Migranten aufzunehmen. Es bliebe eine Politik der F\u00fcrsorge. Im Sinne demografischer Prognosen m\u00fcsste eine Politik klug werden mit dem Hinweis, dass Einwanderung im Massenma\u00dfstab erw\u00fcnscht ist, dass sie zu organisieren ist und im \u00dcbrigen das Land belebt. Neue B\u00fcrger*innen machen alles interessanter, vitaler, weniger einfarbig nachkriegsdeutsch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Fl\u00fcchtlinge sollten begr\u00fc\u00dft, willkommen gehei\u00dfen werden. Sie sind in jeder Hinsicht jene, die die Zukunft Deutschlands verk\u00f6rpern werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Debatte-Europas-Fluechtlingspolitik\/!5217002\/\" target=\"_blank\">Taz<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa braucht Einwanderer. Warum es klug ist, bei Fl\u00fcchtlingsfragen nicht l\u00e4nger zu moralisieren. 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