{"id":832,"date":"2015-07-15T08:44:12","date_gmt":"2015-07-15T08:44:12","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=832"},"modified":"2015-07-23T16:33:39","modified_gmt":"2015-07-23T16:33:39","slug":"fluechtlinge-in-europa-der-sprung-ins-schwarze-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/fluechtlinge-in-europa-der-sprung-ins-schwarze-wasser\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge in Europa: Der Sprung ins schwarze Wasser"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\">Am Ende blieb ihnen nur die Flucht, die sie beinahe mit ihrem Leben bezahlt h\u00e4tten: Wie Familie al Mahamed der Angst und Gewalt in Syrien entkam.<\/span><\/p>\n<p class=\"article first odd\">BERLIN <em>taz<\/em> | Er h\u00e4tte in den USA studieren k\u00f6nnen, sein Vater hatte sich das so gew\u00fcnscht, aber Fahdi al Mahamed hatte keine Lust dazu. \u201eMir geht es gut in Syrien. Ich will nirgendwo anders hin.\u201d Der heutige Jurist wuchs im S\u00fcden Syriens, in der Stadt Daraa auf, dort, wo die Revolution mit der ersten Massendemonstration gegen das Regime 2011 begann. Bis vor kurzem arbeitete er im Marketing einer Reinigungsmittelfirma. Seine Frau ist Lehrerin und unterrichtete Sch\u00fcler mit Downsyndrom. Sie haben drei Kinder. \u201eUnser Leben war sch\u00f6n und bequem\u201c, sagen Fahdi und Ennam r\u00fcckblickend.<\/p>\n<p class=\"article even\">Trotzdem war der Familienvater ohne gro\u00df nachzudenken bei der ersten Demo dabei. Vier Stunden dauerte es, bis das Regime auf die friedlichen Demonstranten schie\u00dfen lie\u00df. \u201eIn diesen vier Stunden war ich so gl\u00fccklich, ich konnte atmen\u201c, erz\u00e4hlt er und strahlt. So sehr der gespr\u00e4chige Mann Syrien und sein Leben dort liebte: Dass das Assad-Regime weg muss, daran hat er nie gezweifelt. Nachdem er an vielleicht sieben Demos teilgenommen hatte, besuchen ihn zwei Offiziere vom Luftwaffengeheimdienst; er ist der brutalste von allen. Sie zwingen ihn, mit seinem Lieferwagen Waffen nach Damaskus zu bringen. Fahdi al Mahamed wird zur Zielscheibe.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Dass zivile Fahrzeuge vom Milit\u00e4r als Tarnung benutzt werden, ist inzwischen normal. Doch dass sie nicht einfach sein Auto nehmen und es ein paar Stunden sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckbringen, sondern er mitfahren muss, ist ungew\u00f6hnlich und eine deutliche Warnung. Er zieht sich zur\u00fcck. Trotzdem wird es immer gef\u00e4hrlicher f\u00fcr ihn. Einmal wird auf ihn geschossen. Er verl\u00e4sst das Haus nicht mehr.<\/p>\n<p class=\"article even\">Am Haupteingang der Schule werden Soldaten postiert und auch seine Kinder bekommen Angst. Dann warnt ihn ein Freund, seine Verhaftung st\u00fcnde bevor. Die Familie f\u00e4hrt nach Jordanien. Der Ortswechsel ist als eine Art Urlaub geplant, \u201edamit wir uns wieder beruhigen\u201d. Es kommt anders. Als sie die Grenze passieren, raunen die von ihm bestochenen Soldaten: \u201eKomm nicht zur\u00fcck!\u201d<\/p>\n<p class=\"article odd\">Also versucht Fahdi al Mahamed, in Jordanien Fu\u00df zu fassen. Zun\u00e4chst arbeitet er als Fahrer in einem Steinbruch. Jordanier verdienen dort 800 Euro, Syrer die H\u00e4lfte und der LKW hat keine Bremsen. Er findet dann Arbeit bei einem Teppichverk\u00e4ufer und schuftet 10-12 Stunden pro Tag, aber das Geld reicht nicht. Die Kinder hassen die Schule. Immer wieder m\u00fcssen sie an der Tafel das Geschmiere ihrer Mitsch\u00fcler lesen: \u201eSyrer sind niedrige Menschen\u201d. Die Lehrerin findet das richtig.<\/p>\n<p class=\"article even\">Den Eltern ist klar, dass ihre Kinder hier keine Zukunft haben. Sie verkaufen, alles was sie haben, denn die Schlepper wollen 13.000 Euro. Die Flucht beginnt im Juli 2014, und zwar zun\u00e4chst recht luxuri\u00f6s: Per Flugzeug geht es nach Algier. Dann weiter mit dem Bus in die kleine algerische Stadt Debdeb. Die Absurdit\u00e4t, dass sie erst nach Westen fliegen, um dann den Weg zur\u00fcck nach Lybien per Bus, zu Fu\u00df und im LKW zur\u00fcckzulegen, l\u00e4sst Fahdi wie einen alten Mann mit dem Kopf sch\u00fctteln. Doch was w\u00e4re die Alternative gewesen? Das europ\u00e4ische Grenzregime zwingt sie zu diesem Wahnsinn.<\/p>\n<p><span class=\"body\"><a class=\"picture\" href=\"http:\/\/www.taz.de\/picture\/505695\/948\/10403255_310350655813371_2749323001352698754_n.jpg\" target=\"fullImage\" shape=\"rect\"><img decoding=\"async\" title=\"\u00dcberf\u00fclltes Boot mit Fl\u00fcchtlingen\" src=\"http:\/\/www.taz.de\/picture\/505695\/624\/10403255_310350655813371_2749323001352698754_n.jpg\" alt=\"\u00dcberf\u00fclltes Boot mit Fl\u00fcchtlingen\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"caption\">Das Boot, auf dem auch Familie al Mahamed war, war v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt.\u00a0 <span class=\"credit\">Foto: privat<\/span><\/p>\n<p class=\"article odd\">Von Debdeb geht es zu Fu\u00df weiter durch die W\u00fcste nach Ghadames, Libyen. Etwa zweihundert Syrer stapfen mit ihnen durch die W\u00fcste. Vor allem f\u00fcr die Kinder ist diese dreit\u00e4tige Tour furchtbar. In Zuwara angekommen, hei\u00dft es: Bleibt in der Wohnung und macht keinen L\u00e4rm. Am 17. Juli, vor fast genau einem Jahr also, um 19 Uhr kommt der Befehl: Jetzt los! Etwa 90 Menschen finden sich auf dem Schlauchboot ein, das sie nach Malta bringen soll. Der Wellengang ist hoch, Fadi al Mahmed gehen die Worte aus, als er seine Angst von damals beschreiben will. Aber sie schaffen es, sie kommen an. In Malta gehen sie direkt an Bord eines rostigen \u00d6ltankers. Ziel: Messina in Italien. Etwa 900 Menschen dr\u00e4ngen sich auf diesem Schiff.<\/p>\n<h6>Der Tanker beginnt zu sinken<\/h6>\n<p class=\"article even\">Die Afrikaner sind im Schiffsbauch eingepfercht, denn sie k\u00f6nnen nur 300 Euro zahlen. Fahdis Familie hat pro Person 1.300 Euro aufgebracht und befindet sich auf dem Oberdeck. Wasser l\u00e4uft ins Schiff, die M\u00e4nner bem\u00fchen sich, es abzusch\u00f6pfen, umsonst. Der Tanker beginnt zu sinken. Pl\u00f6tzlich taucht ein Schiff der italienischen Handelsmarine auf. Es will den \u00d6ltanker nicht retten, nur Wasser vorbei bringen. Panik bricht aus. Fahdi nimmt seine Tochter, seine Frau den kleinsten Sohn, sein Schwager den \u00e4ltesten. Es ist dunkel, und alle springen ins schwarze Wasser.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Fahdis Kleidung saugt sich mit Wasser voll und zieht ihn nach unten. Er sieht noch, wie ein paar Afrikaner seiner Tochter helfen. Dann ist er wieder unter Wasser, als er auftauchen kann, ist Iya verschwunden. Irgendwie schafft er es, zum Handelsschiff zu schwimmen. Er wird gerettet. Wo aber sind seine Tochter und die anderen?<\/p>\n<p class=\"article even\">Als Fahdi von diesem Moment erz\u00e4hlt, bricht ihm die Stimme. Erst eine Stunde sp\u00e4ter entdeckt er endlich seine Frau im Wasser, dann auch seine Tochter, seine S\u00f6hne und auch den Schwager. Sie werden einzeln aus dem Wasser gezogen. Die Tr\u00e4nen flie\u00dfen weiter, Fahdi kann die Geschichte seiner Flucht nicht zu Ende bringen, er bleibt in diesem f\u00fcrchterlichen Moment gefangen.<\/p>\n<h6>Das Mittelmeer \u00fcberlebt<\/h6>\n<p class=\"article odd\">45 Menschen sterben am 20. Juli 2014 im Mittelmeer. Fahdi und seine Familie \u00fcberleben. Nur einen Tag sp\u00e4ter fahren sie mit dem Bus weiter nach Mailand, dann mit dem Zug nach Paris und dann endlich endet die unvorstellbare Odyssee am 24. Juli in Amsterdam.<\/p>\n<p class=\"article even\">Seine 14-j\u00e4hrige Tochter \u00fcbernimmt nun das Gespr\u00e4ch, ihr Vater weint immer noch. Immer wieder erz\u00e4hlt sie, wie schrecklich die Schule in Jordanien war. Hier aber gibt es Musikunterricht! Eine Lehrerin hat ihr ein elektronisches Klavier geschenkt. Iya h\u00f6rt sich neue St\u00fccke auf Youtube an, sucht sich dann die Noten im Netz und \u00fcbt. \u201eF\u00fcr Elise\u201c von Beethoven ist kein Problem mehr. Sie will \u00c4rztin werden. Ihre Eltern h\u00e4tten gerne, dass sie ein Kopftuch tr\u00e4gt, wie ihre Mutter. Das ist ihre pers\u00f6nliche Entscheidung, findet Iya. Dieser Ansicht war sie bereits in Jordanien. Im Moment k\u00e4me das nicht in Frage. Ihre Eltern lassen ihr ihren Willen. Hauptsache Stabilit\u00e4t, endlich wieder Stabilit\u00e4t, sagt ihre Mutter.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Seit zwei Wochen wissen sie, dass sie im Fischerdorf Urk bleiben k\u00f6nnen, sie haben dort eine sch\u00f6ne Wohnung bezogen, und Nachbarn sagen zu ihnen erstaunt: Ihr seid ja gar nicht radikal! Ihre Zukunft hat begonnen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Fluechtlinge-in-Europa\/!5212688\/\" target=\"_blank\"><span style=\"font-size: 14pt;\">Quelle: taz<\/span><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ende blieb ihnen nur die Flucht, die sie beinahe mit ihrem Leben bezahlt h\u00e4tten: Wie Familie al Mahamed der Angst und Gewalt in Syrien entkam.Er h\u00e4tte in den USA studieren k\u00f6nnen [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":768,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-832","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Boat_People_at_Sicily_in_the_Mediterranean_Sea.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=832"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":845,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832\/revisions\/845"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}