{"id":804,"date":"2015-06-20T11:11:25","date_gmt":"2015-06-20T11:11:25","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=804"},"modified":"2015-06-20T11:11:25","modified_gmt":"2015-06-20T11:11:25","slug":"aktivisten-beerdigen-fluechtlinge-in-berlin-die-echte-inszenierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/aktivisten-beerdigen-fluechtlinge-in-berlin-die-echte-inszenierung\/","title":{"rendered":"Aktivisten beerdigen Fl\u00fcchtlinge in Berlin: Die echte Inszenierung"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\">Das Zentrum f\u00fcr Politische Sch\u00f6nheit bringt tote Einwanderer nach Deutschland, um sie hier zu beerdigen. Wie geschmacklos ist das?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">\u201eBitte nicht schreien, wir sind hier auf einer Beerdigung.\u201c Die Ermahnung gilt etwa f\u00fcnfzig Fotografen, die auf der Jagd nach dem besten Bild gerade dabei sind, laut zu werden. Betroffen rei\u00dfen sie sich zusammen, und Stefan Pelzer, der \u201eEskalationsbeauftragte\u201c der Berliner K\u00fcnstlergruppe Zentrum f\u00fcr Politische Sch\u00f6nheit beginnt seinen Vortrag.<\/p>\n<p class=\"article even\">Er und die JournalistInnen stehen etwa f\u00fcnfzig Meter vom offenen Grab entfernt, denn das sei keine Grabrede, sondern Information f\u00fcr die Presse. Die Grabrede wird ein Imam halten. Pelzer liest folgende programmatischen Zeilen ab: \u201eWir sind hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von einem Opfer des europ\u00e4ischen Abschottungskampfs gegen Migranten.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Die Beerdigung der Syrerin, die laut den KunstaktivistInnen vor Lampedusa mit ihrem kleinen Kind ertrunken ist, findet im Rahmen der neusten Aktion des \u201eZentrums\u201c statt. Sie tr\u00e4gt den Titel <a href=\"http:\/\/taz.de\/Kunstaktion-gegen-Fluechtlingspolitik\/%215203989\/\" target=\"_blank\" shape=\"rect\">\u201cDie Toten kommen\u201c<\/a>. Erkl\u00e4rtes Ziel ist es, die Toten der europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik nach Berlin zu bringen, also dorthin, wo Schreibtischt\u00e4ter die EU mit meterhohen Stracheldrahtmauern einhegen, das Mittelmeer zum Todestreifen machen und die Mittelmeeranrainerstaaten mit den auf diesem Weg produzierten Toten bequem alleine lassen. Unbeirrt strafen die Politik in Br\u00fcssel und Berlin den Kontinent der Menschenrechte L\u00fcgen. Noch 2012 hatte die EU den Friedensnobelpreis erhalten. Auch der deutsche Innenminister z\u00e4hlt zu denen, die sagen, die Rettung von Menschen diene vor allem dem Schlepperunwesen. Daher m\u00fcssten deren Boote versenkt werden. De Maizi\u00e8re wurde zur Beerdigung eingeladen. Doch niemand aus der Politik ist dieser Einladung gefolgt.<\/p>\n<p class=\"article even\">So wird die Trauerfeier auf dem Berliner Friedhof Gatow vor allem von Journalisten aus Europa bestimmt und von deutschen Aktivisten. Einige von ihnen haben Blumen mitgebracht, die meisten tragen Schwarz. Die Angeh\u00f6rigen der Anfang M\u00e4rz verstorbenen Syrerin sind angeblich nicht anwesend. Die offizielle Begr\u00fcndung: Dem Ehemann, der anders als seine Frau und sein zweij\u00e4hriges Kind das Schiffsungl\u00fcck vor Lampedusa gemeinsam mit drei \u00e4lteren Kindern \u00fcberlebt hat und nun in Deutschland angekommen ist, wurde keine Ausnahmegenehmigung erteilt. Es wurde ihm nicht erlaubt, \u201esein\u201c Bundesland zu verlassen und an der Bestattung seiner Frau teilzunehmen: Residenzpflicht.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Ob das so stimmt oder ob er als Illegaler unter den Trauerg\u00e4sten ist? Ob wirklich die \u00dcberreste der Frau in dem Sarg liegen, der Frau, die mit ihrer Familie aus Damaskus floh, \u00fcber den Sudan und Libyen und dann mit ihren Kind ertrank, gerade als ein Handelsschiff zur Hilfe kam und dann alle Insassen auf die ihm zugewandte Seite r\u00fcckten und das Boot kenterte?<\/p>\n<h6>Fragen bleiben offen<\/h6>\n<p class=\"article even\">Diese Fragen bleiben offen. Aber schon sie zu stellen, enth\u00fcllt die Bitterkeit und den Zynismus der europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik. Denn anstatt sich mit der Situation vor Ort zu besch\u00e4ftigen, wird die Frage nach der Echtheit einer Inszenierung genutzt, um sich nicht mit den echten Effekten von Politik zu besch\u00e4ftigen. Alle Aktivisten wissen mehr \u00fcber die Situation auf Sizilien als die Journalisten an diesem Tag auf dem Berliner Friedhof. Nicht einmal kann ein Journalist die Inszenierung durch besseres Wissen aushebeln.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Und so werden auch die Widerstrebenden unter den Zuschauern und G\u00e4sten zum Teil einer Performance, die immer wieder die Frage aufwirft: Wer ist hier eigentlich geschmacklos? Ihr, die ihr zwar wisst, dass zigtausende Menschen an den EU-Au\u00dfengrenzen ertrinken und euch bisher nicht f\u00fcr die genauen Umst\u00e4nde interessiert habt? Oder wir, die hinsehen und euch die fl\u00e4chendeckende Ignoranz mit dramatischen Mitteln spiegeln?<\/p>\n<p class=\"article even\">Die Syrerin soll als \u201eUnbekannte Nr. 2\u201c auf Sizilien begraben worden und mit Zustimmung des Ehemanns exhumiert worden sein. Ihr Kind wurde nicht gefunden, der zweite Sarg sei nur symbolisch. Das erkl\u00e4rt der Imam Abdullah Hajjir aus Berlin-Moabit und fast h\u00e4tte er es vergessen. Er ist ein wenig aufgeregt, aber f\u00fchrt die wenigen Trauernden und die vielen JournalistInnen geduldig durch die muslimische Beerdigung, die f\u00fcr viele die erste gewesen sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<h6>\u201eUnd wer wird uns dann retten?\u201c<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Jede seiner Handlungen erkl\u00e4rt er zuvor auf Deutsch. Auch er nennt den Namen der Toten nicht. Ihm ist eine andere Nachricht wichtig: \u201eDas Letzte, was wir einem Menschen unabh\u00e4ngig von seiner Herkunft und Religion geben k\u00f6nnen, ist eine w\u00fcrdige Beerdigung. Manche Herzen sind blind. Sie sehen nicht die Menschen, sie sehen nur ertrunkene Fl\u00fcchtlinge. Doch wenn wir den Schutzsuchenden nicht helfen, dann versinken nicht nur die anderen im Krieg, dann ertrinken auch wir im Hass. Und wer wird uns dann retten?\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Die erste Journalistin beginnt zu weinen, die Betroffenheit unter den Profis insgesamt nimmt zu. Wenn das kein Erfolg einer Kunstaktion ist, den h\u00e4ufig als Professionalit\u00e4t bem\u00e4ntelten Zynismus in der Medienbranche wenigstens f\u00fcr einen Moment zu unterbrechen, was dann?<\/p>\n<p class=\"article odd\">Nach der Beerdigung bilden sich wieder JournalistInnentrauben um die AktivistInnen. Was ist die politische Forderung? \u201eWir fordern, dass Europa zu einem Einwanderungskontinent wird, dass die Politik diesen Wandel einleitet und organisiert.\u201c Alle AktivstInnen sagen in etwa das Gleiche, sie sind gut vorbereitet. Und obwohl klar ist, dass es sich hier um eine Inszenierung handelt, sie haben ja nicht umsonst die f\u00fcr das Zentrum f\u00fcr Politische Sch\u00f6nheit typischen Ru\u00dfspuren im Gesicht, wirkt ihre Betroffenheit und Ernsthaftigkeit glaubhaft und \u00fcbertr\u00e4gt sich.<\/p>\n<p class=\"article even\">Allerdings nicht auf alle. Der Fotograf von der <em>BZ<\/em> zum Beispiel findet: \u201eGutmenschenschei\u00dfe\u201c. \u2013 \u201eHast du eigentlich zugeh\u00f6rt?\u201c, herrscht ihn ein Kollege an. \u201eNe, bei so was h\u00f6r ich nicht zu.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Wom\u00f6glich hat er es nicht verstanden, aber er hat seine Rolle als zynischer Verteidiger seiner Privilegien gut gespielt.<\/p>\n<p class=\"article even\">Applaus.<\/p>\n<p class=\"article even\">\n<p class=\"article even\">\n<p class=\"article even\"><a href=\"http:\/\/taz.de\/Aktivisten-beerdigen-Fluechtlinge-in-Berlin\/!5204106\/\" target=\"_blank\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">Quelle: taz<\/span><\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Zentrum f\u00fcr Politische Sch\u00f6nheit bringt tote Einwanderer nach Deutschland, um sie hier zu beerdigen. 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