{"id":2524,"date":"2026-09-05T16:26:27","date_gmt":"2026-09-05T16:26:27","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=2524"},"modified":"2026-09-05T16:26:27","modified_gmt":"2026-09-05T16:26:27","slug":"bezahlkarte-fuer-gefluechtete-in-berlin-kein-fahrschein-kein-anwalt-kein-doener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/bezahlkarte-fuer-gefluechtete-in-berlin-kein-fahrschein-kein-anwalt-kein-doener\/","title":{"rendered":"Bezahlkarte f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in Berlin: Kein Fahrschein, kein Anwalt, kein D\u00f6ner"},"content":{"rendered":"<p>Als letztes Bundesland hat nun auch Berlin die Bezahlkarte eingef\u00fchrt. Bei einer Tauschb\u00f6rse berichten Betroffene von einer Ma\u00dfnahme, die sie ausgrenzt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\">Am Ende des Nachmittags bildet sich auf dem Gel\u00e4nde des kulturellen Zentrums in Friedrichshain eine Schlange von f\u00fcnfzehn Personen vor einem Holztisch \u2013 der genaue Ort soll aus Angst vor rassistischer Gegenwehr nicht genannt werden. Auf einem wei\u00dfen Schild, das an dem Tisch h\u00e4ngt, steht \u201eVouchers exchange\u201c. \u201eHier ist die Bezahlkartenzentrale\u201c, scherzt Jacques aus der Warteschlange.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\">Jede Woche treffen sich auf diesem Gel\u00e4nde sowie an zwei weiteren Tauschorten in Berlin Freiwillige der Initiative Nein zur Bezahlkarte und Asylsuchende zum Gutscheintausch. Neben Jacques steht Caroline* mit Supermarktgutscheinen in der Hand. Einmal im Monat kommt sie hierher, um die mit ihrer Bezahlkarte gekauften Gutscheine gegen Bargeld einzutauschen. \u201eMit dieser Kreditkarte kann ich sonst nicht genug Geld f\u00fcr den Monat abheben\u201c, erkl\u00e4rt sie.<\/p>\n<div class=\"column is-12 pv-0 mgt-0 webelement-wrapper webelement_adzone webelement-pos-2  mobile-order-3\" data-pos=\"2\" data-for=\"webelement_adzone\"><\/div>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\">Mitte August hat Berlin als letztes Bundesland die Bezahlkarte eingef\u00fchrt. Drei Jahre zuvor hatten sich die Bundesl\u00e4nder darauf geeinigt, Asylbewerbenden ihre Sozialleistungen k\u00fcnftig monatlich \u00fcber eine Prepaidkarte statt in bar auszuzahlen. Anders als in anderen Bundesl\u00e4ndern sollen in Berlin aber nur Neuangekommene in den ersten sechs Monaten die Karte nutzen m\u00fcssen. In diesem Zeitraum k\u00f6nnen die Betroffenen monatlich blo\u00df 50 Euro abheben. \u00dcberweisungen sind auf eine bestimmte Liste autorisierter Empf\u00e4nger beschr\u00e4nkt. Onlineeink\u00e4ufe sollen hingegen m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\">In Berlin k\u00f6nnten davon etwa 1.000 Menschen pro Monat betroffen sein, so die Sch\u00e4tzung. \u2028\u2028\u201eDie Bezahlkarte ist einfach nur schlecht\u201c, sagt Jacques. Vor f\u00fcnf Jahren kam er aus Yaound\u00e9 in Kamerun nach Deutschland. Seit drei Jahren wohnt er in Brandenburg, wo die Karte bereits im vorigen Jahr eingef\u00fchrt wurde \u2013 sodass er schon einige Erfahrungen damit hat. \u201eMan kann damit nichts machen: keine \u00dcberweisung an einen Anwalt, kein Zugticket bezahlen, nicht auf den Markt oder zum D\u00f6ner gehen \u2013 die nehmen nur Bargeld\u201c, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n<h2 id=\"zu-wenig-bargeld\" class=\"typo-r-subhead headline  column pv-0  is-8-tablet mgh-auto-tablet  mobile-order-6\">Zu wenig Bargeld<\/h2>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\">\u2028Mittlerweile hat Jacques keine Bezahlkarte mehr, sondern ein Bankkonto und einen Teilzeitjob. Die Gutscheine, die er heute tauschen m\u00f6chte, sind f\u00fcr seinen Cousin, der weiter entfernt in Brandenburg lebt. \u201eWeil es so schwer ist, helfe ich aus, so gut ich kann. Und ich erz\u00e4hle allen, die ich kenne, von diesem Gutscheintauschsystem\u201c, sagt Jacques.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\">\u201eEs ist Monatsende, wir haben mehr Bargeld zu tauschen als sonst\u201c, sagt Devin, der an diesem Tag an der Kasse sitzt, als Jacques bei ihm ankommt. Auf dem Tisch am Stand der Initiative Nein zur Bezahlkarte stapeln sich bunte H\u00fcllen \u2013 eine f\u00fcr jeden Supermarkt, bei dem die Gutscheine gekauft wurden. Das Bargeld aus der \u201eKasse\u201c \u2013 einer kleinen wei\u00dfen Metallbox auf dem Tisch \u2013 erh\u00e4lt die Initiative von Menschen, die ihre Eink\u00e4ufe mit den von den Betroffenen mitgebrachten Gutscheinen bezahlen. \u201eZu Monatsbeginn haben wir manchmal schon nach einer Stunde kein Geld mehr zum Tauschen\u201c, berichtet Devin. Oft sei der Bedarf an Gutscheintausch gr\u00f6\u00dfer als die Menge an Bargeld, das solidarische Menschen zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<div class=\"column is-12 pv-0 mgt-0 webelement-wrapper webelement_adzone webelement-pos-7  mobile-order-9\" data-pos=\"7\" data-for=\"webelement_adzone\"><\/div>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\">\u201eWenn kei\u00adn*e Freun\u00add*in f\u00fcr mich Geld abheben kann und ich meine Gutscheine nicht tauschen kann, muss ich den Rest des Monats ohne Bargeld auskommen\u201c, erz\u00e4hlt Lily*. Seit dem Ende ihrer Ausbildung im Februar 2026 ist sie auf die Bezahlkarte angewiesen. Die junge Frau ist schwanger und muss manchmal dreimal im Monat von Hennigsdorf nach Berlin fahren, um ihre Gutscheine gegen Bargeld einzutauschen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\">Sie beschreibt die Situation als \u201ebelastend\u201c und \u201eerm\u00fcdend\u201c, insbesondere bei der Suche nach Babyartikeln, da sie mit ihrer Brandenburger Bezahlkarte keinen Zugang zu Onlineshops und Secondhandangeboten hat. \u201eNat\u00fcrlich f\u00fchlt man sich durch diese Bezahlkarte ausgegrenzt und schutzlos\u201c, sagt Lily. \u201eEs gibt schon so viele Regeln Asylsuchenden gegen\u00fcber \u2026 man f\u00fchlt sich \u00fcberhaupt nicht ber\u00fccksichtigt\u201c, f\u00fcgt sie hinzu.<\/p>\n<h2 id=\"kein-beweis-f-r-eine-verwaltungsentlastung-\" class=\"typo-r-subhead headline  column pv-0  is-8-tablet mgh-auto-tablet  mobile-order-13\">Kein Beweis f\u00fcr eine Verwaltungsentlastung<\/h2>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\">Offiziell wurde die Bezahlkarte eingef\u00fchrt, um unter anderem Geld\u00fcberweisungen ins Ausland zu begrenzen, Anreize f\u00fcr Migration zu reduzieren und die Verwaltung zu entlasten. \u201eEs gibt keine wissenschaftliche Forschung, die belegt, dass die Form oder die H\u00f6he der Leistungen einen Einfluss auf Migration hat\u201c, sagt Alexandra Keiner, Soziologin am Weizenbaum-Institut. In Bezug auf Geld\u00fcberweisungen ins Ausland sieht sie \u201eein populistisches Ziel\u201c. Laut einer DIW-Studie aus dem Jahr 2024 \u00fcberweisen nur sieben Prozent der Gefl\u00fcchteten Geld ins Ausland.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\">Alexandra Keiner pl\u00e4diert stattdessen daf\u00fcr, die Sozialleistungen an Asylsuchende auf ein Bankkonto zu \u00fcberweisen, wie es w\u00e4hrend der Coronazeit erm\u00f6glicht worden war. \u201eEin Konto zu haben und Geld darauf \u00fcberwiesen zu bekommen, w\u00fcrde die Verwaltung entlasten und finanzielle Selbstbestimmung erm\u00f6glichen\u201c, sagt Keiner.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\">\u2028\u2028Lily sagt, sie w\u00fcnsche sich nur ein normales Leben in Deutschland. Von Sozialhilfe m\u00f6chte sie nicht leben. \u201eIch w\u00fcnsche mir, dass die Leute verstehen, dass wir arbeiten, selbstst\u00e4ndig leben, die Sprache lernen und unsere Kinder in der Schule anmelden wollen. Aber daf\u00fcr m\u00fcssen wir auch Rechte haben. Und alles ist f\u00fcr uns schwierig oder wird uns erschwert.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\"><em>\u2028\u2028*Namen von der Redaktion ge\u00e4ndert<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Bezahlkarte-fuer-Gefluechtete-in-Berlin\/!6204553\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">Quelle: taz<\/span><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als letztes Bundesland hat nun auch Berlin die Bezahlkarte eingef\u00fchrt. Bei einer Tauschb\u00f6rse berichten Betroffene von einer Ma\u00dfnahme, die sie ausgrenzt. 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