{"id":234,"date":"2014-02-11T09:22:18","date_gmt":"2014-02-11T09:22:18","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=234"},"modified":"2014-06-21T09:26:48","modified_gmt":"2014-06-21T09:26:48","slug":"uni-im-fluechtlingsheim-nettes-nebeneinander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/uni-im-fluechtlingsheim-nettes-nebeneinander\/","title":{"rendered":"Uni im Fl\u00fcchtlingsheim, nettes Nebeneinander"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Professoren der Alice-Salomon-Hochschule unterrichten ihre Studenten im Fl\u00fcchtlingsheim Hellersdorf. Die Seminare sind offen f\u00fcr die Bewohner &#8211; doch die bleiben aus.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Ein Wachmann f\u00e4hrt mit einem Scanner \u00fcber Ausweise von Studierenden. Im Minutenabstand kommen sie an, legen stumm ihre Plastikkarten vor. Wie ein Kassierer kontrolliert der Wachmann die Barcodes, nicht jeder soll hier herein kommen. Das zustimmende Piepsen des Ger\u00e4tes verl\u00e4uft sich im gro\u00dfen Foyer, der Wachmann nickt, die Besucher laufen unter grellen Lichtr\u00f6hren in ein ehemaliges Klassenzimmer.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Ein Donnerstag, 10.15 Uhr, im Fl\u00fcchtlingsheim Hellersdorf, das fr\u00fcher das Max-Reinhardt-Gymnasium war. Nivedita Prasad, Dozentin f\u00fcr Soziale Arbeit, steht vor 22 Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule. Ein Beamer wirft Folien an die Wand, \u201edie Bedeutung der Asylanh\u00f6rung\u201c ist das Thema. Prasad ist in ihrem Element: Sie wurde 1967 im nordindischen Chennai geboren. Mit 18 k\u00e4mpfte sie f\u00fcr ihre eigene Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. \u201eWenn ich Sie frage, welche Farbe mein Schal in der ersten Vorlesung hatte \u2013 w\u00fcssten Sie das noch?\u201c, fragt Prasad herausfordernd. Denn Fl\u00fcchtlinge m\u00fcssten bei der Anh\u00f6rung detailliert ihre Flucht beschreiben, die Aussagen zweier Ehepartner w\u00fcrden sp\u00e4ter verglichen. W\u00e4hrend Prasad erz\u00e4hlt, ist durch die Wand der Schrei eines Kindes zu h\u00f6ren, und das Ping-Pong eines Tischtennisballspiels.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Die Gruppe lernt in jenem Fl\u00fcchtlingsheim, das im Sommer 2013 zum Symbol f\u00fcr Rassismus geworden ist. Vor den Fenstern wurde der Hitlergru\u00df gezeigt, Sticker mit \u201eNein zum Heim\u201c kleben in der Nachbarschaft, Nazis sprengten in der Silvesternacht das Glas der Eingangst\u00fcr. Diesen Hass m\u00f6chte die Rektorin der Alice-Salomon-Hochschule, Theda Borde, kontern.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Deshalb hatte sie im Herbst mit dem Landesamt f\u00fcr Gesundheit und Soziales eine Kooperation beschlossen: Insgesamt 300 Studierende lernen in dem Heim, in dem 200 Fl\u00fcchtlinge leben. Von Montag bis Freitag sollen Hochsch\u00fcler im Heim pr\u00e4sent sein. Die Hochschule hat einen Raum, hier halten Professoren Vorlesungen, \u00fcber Grundlagen der Sozialen Arbeit, \u00fcber Rassismus und Migration, auf Deutsch und auf Englisch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Hier die Infos, da die Fl\u00fcchtlinge<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">In Prasads erstem Kurs, im Oktober 2013, kamen drei Bewohner. Einer von ihnen war Latif*. Er stand auf dem Flur, als die Dozentin fragte, ob er in den Raum kommen m\u00f6chte. Aus Neugier sagte Latif Ja. \u201eIch wusste nicht, was von mir verlangt wird. Ob ich hinten sitze oder etwas gefragt werde. Dann sa\u00df ich vorne und sollte Fragen beantworten.\u201c Er sei etwas \u00fcberfordert gewesen. Trotzdem w\u00fcrde er noch mal teilnehmen \u2013 weil sich Leute f\u00fcr ihn interessiert h\u00e4tten.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Doch seit Oktober waren keine Fl\u00fcchtlinge mehr in den Seminaren. Dabei sind die Themen f\u00fcr sie interessant und n\u00fctzlich \u2013 und Kursteilnehmer k\u00f6nnten \u00fcbersetzen, in Englisch oder T\u00fcrkisch, Arabisch, Kroatisch, Russisch, Farsi und Urdu. Sie lernen zum Beispiel, dass Menschen mit der Anerkennung als Fl\u00fcchtling drei Monate lang das Recht haben, ihre Familie nachzuholen \u2013 ohne dass es ausreichend Wohnraum geben muss. Aber es sei schwer, mit den Fl\u00fcchtlingen in Kontakt zu kommen, sagt Prasad: \u201eNicht alle lesen die Ank\u00fcndigungsplakate, und selbst wenn sie es tun, m\u00fcssen sie noch Zeit haben, um zu kommen.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Das Seminar ist zu Ende, Prasad sieht aus dem Fenster auf den leeren Hof. Den Unterricht ins Heim zu verlegen ist f\u00fcr sie trotzdem nicht falsch gewesen. Mittlerweile gebe es auch Austausch zwischen Hochsch\u00fclern und Fl\u00fcchtlingen: vor den Seminaren, in der Pause.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Eine, die sich mit Fl\u00fcchtlingen unterh\u00e4lt, ist die 24-j\u00e4hrige Studentin Sara. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Sie kennt f\u00fcnf Bewohner, drei M\u00e4nner und zwei Frauen. Das M\u00e4dchen mit dem langen Rock und dem leuchtend blauen Oberteil hat von den Neonazi-Protesten geh\u00f6rt. Gleich im ersten Semester im Fach Soziale Arbeit hat sie sich entschieden, in das Heim zu gehen. Sara m\u00f6chte, dass die Bewohner nicht isoliert sind. Das hat anfangs nicht geklappt. \u201eWir haben das Seminar gemacht, sind wieder rausgegangen, haben keinen gesehen.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Im Dezember habe sie sich dann getraut, sie ging auf die Fl\u00fcchtlinge zu. Die Kursteilnehmer hatten ein Fr\u00fchst\u00fcck veranstaltet, und weil Sara Arabisch spricht, konnte sie in lockerer Atmosph\u00e4re mit einigen Bewohnern reden. Sara spricht mit ihnen \u00fcber Allt\u00e4gliches: \u201eWie es den Menschen geht, was sie gemacht haben, aber auch \u00fcber ihre \u00c4ngste.\u201c Einem Fl\u00fcchtling hilft Sara nun, eine Wohnung zu finden. \u201eSie kommen auf mich zu, umarmen mich. Ich habe nicht das Gef\u00fchl, sie auszufragen\u201c, sagt Sara.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">F\u00fcr Journalisten hingegen ist es schwer, mit den Fl\u00fcchtlingen zu reden, zu fragen, wie sie \u00fcber das Projekt denken. Mitten im Gespr\u00e4ch mit Latif kommt ein Wachmann in den Raum. Er unterbricht, die Heimleitung wolle nicht, dass Journalisten mit Bewohnern sprechen. Ihre Geschichte soll nicht in die \u00d6ffentlichkeit gelangen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Daf\u00fcr ist Heimleiterin Martina Wohlrabe zum Gespr\u00e4ch bereit. Sie lobt, dass Studierende Hausaufgabenbetreuung anbieten. Aber sie kritisiert, der Gruppenraum werde zu oft durch Seminare blockiert. \u201eWir nutzen den Raum, wenn die Studierenden nicht da sind.\u201c Ein Japaner bastle dann Kaleidoskope; Fl\u00fcchtlinge k\u00f6nnten dort ungest\u00f6rt reden. \u201eAber gut, wir haben uns arrangiert.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Auch in der Hochschule ist das Projekt umstritten. Zehn Minuten entfernt, mit der U5 an der Plattenbautristesse entlang, steht die Alice-Salomon-Hochschule, ein Bau aus hellgelben Backsteinen. Eine l\u00e4chelnde Dame wartet am Empfang auf G\u00e4ste, Mittzwanziger plaudern im langgezogenen Foyer unter hippen Lichtkugeln.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">In dieser Wohlf\u00fchlatmosph\u00e4re sitzt der 28-j\u00e4hrige Jacques, der im f\u00fcnften Semester Soziale Arbeit studiert. Gleich in der ersten Seminarstunde im Heim habe er angesprochen, dass sich die Studierenden \u00fcber ihre Rolle bewusst sein m\u00fcssen. \u201eMan kann nicht davon absehen, dass wir anders gestellt sind\u201c, sagt er.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">In der Kooperation mit dem Fl\u00fcchtlingsheim sieht Jacques die Gefahr, dass die Menschen dort als Forschungsobjekt wahrgenommen werden. Deshalb organisiert Jacques ein Basketballtraining und ein Skate-Projekt f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge. \u201eMir ist wichtig, nicht \u00fcber die Flucht, die Gr\u00fcnde daf\u00fcr und die Erfahrung zu reden\u201c, sagt der Student entschieden. \u201eAber ich renne nicht auf sie los und sage: Ich helfe dir.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Leistungspunkte als Belohnung<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Rektorin Theda Borde hingegen sieht die Verlegung eines Teil des \u201eKerngesch\u00e4ftes\u201c der Uni als gute Lernsituation. \u201eStudierende setzen sich in anderem Kontext mit den Themen der Seminare auseinander. Sie werden politisch aktiviert, m\u00fcssen sich mit Geschehnissen um sie herum besch\u00e4ftigen.\u201c Das erste Semester des Projekts ist seit einigen Tagen vorbei. Wird es fortgesetzt? \u201eSo lange, wie dieses Heim existiert\u201c, sagt Borde.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Fl\u00fcchtlinge aus ethischen Gr\u00fcnden nicht in Befragungen einzubeziehen, davon h\u00e4lt die Rektorin nichts. \u201eWenn wir Ans\u00e4tze von partizipativer Forschung haben, dann wird das den Fl\u00fcchtlingen eher nutzen. Ansonsten werden sie wie eine graue, dumpfe Masse betrachtet.\u201c Borde denkt dar\u00fcber nach, ehrenamtliche Arbeit mit Credit Points, mit Leistungspunkten, zu belohnen. Denn die Angebote, die die Fl\u00fcchtlinge wirklich nutzen, sind nicht akademischer Art. Studierende \u00fcbersetzen Briefe, begleiten zum Arzt oder zur Bank, geben Tipps f\u00fcr den Lebensmittelkauf. \u201eDas in Leistungspunkten anzurechnen geht aber nur, wenn Studierende ihre Arbeit im Heim wissenschaftlich reflektieren.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Die Hochsch\u00fcler l\u00f6sen das Dilemma zwischen Aufdringlichkeit und Nichtstun, indem sie Fl\u00fcchtlinge auf dem Flur unverbindlich zu Veranstaltungen einladen, Plakate schreiben. Eines davon l\u00e4dt in ihr Computerzentrum ein. Es ist Freitag, 14.30 Uhr. In Raum 218 der Hochschule stehen Rechner mit USB-Anschl\u00fcssen, Steckdosenleisten ziehen sich \u00fcber die Tische, gepolsterte B\u00fcrost\u00fchle laden zum Surfen ein. Ohne Passwort kann jeder ins Internet. Die Fl\u00fcchtlinge d\u00fcrfen den Raum nutzen, von 14 bis 17 Uhr.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Im Heim gibt es keine Computer. In der Hochschule gibt es die M\u00f6glichkeit, nach Syrien zu skypen, mit Freunden zu chatten. Es ist ruhig, ein Tutor wartet auf Fragen. Doch die bleiben aus. Es ist kein Fl\u00fcchtling gekommen. Auch Latif* nicht, obwohl er zugesagt hat. \u201eWahrscheinlich hat er etwas zu tun\u201c, sagt Sara etwas ratlos.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">*Name ge\u00e4ndert<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Source: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Uni-im-Fluechtlingsheim\/!132814\/\" target=\"_blank\">taz.de<\/a><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Professoren der Alice-Salomon-Hochschule unterrichten ihre Studenten im Fl\u00fcchtlingsheim Hellersdorf. Die Seminare sind offen f\u00fcr die Bewohner &#8211; doch die bleiben aus. Ein Wachmann f\u00e4hrt mit einem Scanner \u00fcber Ausweise von Studierenden. Im Minutenabstand kommen sie an, legen stumm ihre Plastikkarten vor. 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