{"id":2191,"date":"2023-08-06T16:14:12","date_gmt":"2023-08-06T16:14:12","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=2191"},"modified":"2023-08-06T16:14:12","modified_gmt":"2023-08-06T16:14:12","slug":"unbegleitete-minderjaehrige-fluechtlinge-auf-ein-abstellgleis-gestellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/unbegleitete-minderjaehrige-fluechtlinge-auf-ein-abstellgleis-gestellt\/","title":{"rendered":"Unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge: Auf ein Abstellgleis gestellt"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Bis zu sieben Monate m\u00fcssen gefl\u00fcchtete Kinder und Jugendliche auf ein \u201eErstgespr\u00e4ch\u201c warten. Davor sind Asylantrag und Schulbesuch nicht m\u00f6glich.<\/span><\/p>\n<p class=\"article first odd\">Das Wohnheim in Spandau ist eine Zuflucht. Aber es ist auch ein Abstellgleis f\u00fcr Kinderfl\u00fcchtlinge. \u201eWir haben dreimal am Tag gegessen. Es gab Tischfu\u00dfball und Sportangebote\u201c, sagt der 16-j\u00e4hrige Drar Gebray <em>(Name ge\u00e4ndert),<\/em> ein ehemaliger Bewohner. \u201eSonst habe ich nur gewartet.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Dem Heimpersonal will der junge Eritreer keinen Vorwurf machen. \u201eAlle Mitarbeiter waren freundlich. Aber ich konnte wegen Corona in Eritrea nur vier Jahre zur Schule gehen. Ich wollte endlich lernen. Das ging nicht.\u201c Dass die Mitarbeiter ihn ein paar Mal zu Ausfl\u00fcgen eingeladen hatten, half zwar gegen die Langeweile, aber es ersetzte keine Schule.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Drar Gebray ist ein sogenannter unbegleiteter minderj\u00e4hriger Asylbewerber, also ein Jugendlicher, der ohne Eltern nach Berlin kam. Er war unter Lebensgefahr aus Eritrea geflohen, hatte fast ein Jahr lang die H\u00f6lle von Libyen durchlebt und auf dem Mittelmeer um sein Leben gebangt. Da fand er es die ersten Tage angenehm, sich in Spandau mal richtig ausschlafen zu k\u00f6nnen, regelm\u00e4\u00dfige Mahlzeiten zu haben und f\u00fcr ihn wichtig: Duschen zu k\u00f6nnen, wann immer er wollte. Doch irgendwann setzte die Langeweile ein. Er wollte lernen.<\/p>\n<h6>F\u00fcr die Beh\u00f6rden nicht existent<\/h6>\n<p class=\"article even\">685 unbegleitete minderj\u00e4hrige Asylbewerber hat Berlin wie Drar auf ein Abstellgleis gestellt. Sechs bis sieben Monate warten sie in 17 verschiedenen Kinderheimen auf ihr sogenanntes Erstgespr\u00e4ch bei der Senatsverwaltung f\u00fcr Jugend. Da sch\u00e4tzt ein Beamter, ob sie tats\u00e4chlich j\u00fcnger sind als 18 Jahre, ob das Jugendamt sie demzufolge in Obhut nehmen und sie zur Schule schicken muss.<\/p>\n<p class=\"article odd\">W\u00e4hrend dieser Wartezeit k\u00f6nnen die minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlinge keinen Asylantrag stellen, sie werden gar nicht erst zur Schule angemeldet. Die Anmeldung erfolge erst nach dem Erstgespr\u00e4ch, best\u00e4tigt Susanne Gonswa, die Sprecherin von Jugendsenatorin Katharina G\u00fcnther-W\u00fcnsch (CDU) der taz.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die Tr\u00e4ger der Warteheime seien allerdings beauftragt, \u201eDeutschkurse zu organisieren\u201c, sagt Gonswa. Wie die taz aus unterschiedlichen Quellen erfuhr, reichen diese Kurse, die mit einem Schulbesuch nicht vergleichbar sind, nicht f\u00fcr alle. Drar hatte keine Gelegenheit, Deutsch zu lernen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Als Ausweis diente Drar ein A4-Blatt von einem freien Tr\u00e4ger mit seinem Passfoto und der Anschrift des Wohnheimes. F\u00fcr die Beh\u00f6rden existieren die Jugendlichen noch gar nicht. Walid Chahrour vom Fl\u00fcchtlingsrat sagt, dass Berlin hier systematisch gegen die UN-Kinderrechtskonvention versto\u00dfe. \u201eDen Kindern wird das Recht auf Bildung, Gesundheit und rechtliche Vertretung vorenthalten. Die Situation ist schlimmer als 2015.\u201c<\/p>\n<h6>Keine Krankenversicherung<\/h6>\n<p class=\"article even\">3.209 unbegleitete minderj\u00e4hrige Asylbewerber sind im vergangenen Jahr neu nach Berlin gekommen. Das ist nach Jahren, wo die Zahlen nur bei wenigen Hundert lagen, ein starker Anstieg und n\u00e4hert sich dem Niveau von 2015 an, wo mehr als 4.000 Jugendliche ohne Eltern nach Berlin flohen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">In diesem Jahr steigt die Zahl weiter an. Die wichtigsten Herkunftsl\u00e4nder sind Afghanistan, Syrien, die T\u00fcrkei und Somalia. Nicht mitgez\u00e4hlt sind hier die allein geflohenen jugendlichen Ukrainer, die keinen Asylantrag zu stellen brauchen, die aber ebenso in solchen Abstellgleisheimen geparkt werden.<\/p>\n<p class=\"article even\">Wer auf ein Abstellgleis gestellt wird, hat keine Krankenversicherung. \u201eDie gesundheitliche Versorgung ist aber sichergestellt\u201c, sagt Sprecherin Susanne Gonswa. Drar best\u00e4tigt, dass eine Hauterkrankung von einem Arzt behandelt wurde. Allerdings musste das Heimpersonal einen Arzt finden, der das trotz fehlender Krankenversicherung tat.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Gonswa behauptet, die Neuank\u00f6mmlinge w\u00fcrden innerhalb der ersten drei Tage eine Masernschutzimpfung erhalten. So s\u00e4he es das Infektionsschutzgesetz vor und so geschieht es auch im Ankunftszentrum f\u00fcr erwachsene Asylbewerber in Reinickendorf. Drar hingegen dementiert, in dem Warteheim geimpft worden zu sein. Sein Impfpass, den er der taz zeigt, best\u00e4tigt, dass die \u00adImpfung erst nach Aufnahme in ein Folgeheim erfolgte. Auch die gesetzlich vorgeschriebene Untersuchung auf Tuberkulose erfolgte in dem Warteheim nicht.<\/p>\n<h6>Recht auf Familiennachzug<\/h6>\n<p class=\"article even\">\u201eGerade in der Phase nach der Ankunft in Deutschland brauchen die Jugendlichen ein sicheres Umfeld und Stabilit\u00e4t. Sie k\u00f6nnen die Warteschlange gar nicht gebrauchen\u201c, sagt Ronald Reimann vom Verein Xenion, der sich um diese Fl\u00fcchtlingsgruppe k\u00fcmmert. Durch die Warterei w\u00fcrden sie oft ein ganzes Schuljahr verlieren. Denn auch wenn sie zur Schule angemeldet sind, dauert es Monate, bis ein Schulplatz zur Verf\u00fcgung stehe, so Reimann.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Reimann, der Jurist ist, verweist auf die juristischen Nachteile der Jugendlichen durch das lange Warten. Unbegleitete Fl\u00fcchtlinge haben einen Rechtsanspruch auf den Nachzug von Eltern und minderj\u00e4hrigen Geschwistern. Der besteht aber erst, wenn der Asylantrag angenommen wurde. Das ist bei Fl\u00fcchtlingskindern aus dem h\u00e4ufigsten Herkunftsland Syrien zu \u00fcber 90 Prozent der Fall.<\/p>\n<p class=\"article even\">Wenn ein Jugendlicher bei der Einreise aber schon 17 ist, und das sind die meisten, dann kann durch die Warterei der Rechtsanspruch verwirkt werden. \u201eDa kann es helfen, wenn sich Privatpersonen bei uns melden, die Vormundschaften f\u00fcr diese Jugendlichen \u00fcbernehmen und dann rechtzeitig Asyl beantragen\u201c, sagt Reimann. Denn die Beh\u00f6rden stellen erst nach Monaten einen Vormund, ohne den kein Asylantrag gestellt werden kann.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Der Verein Xenoin bietet Informationen und Begleitung f\u00fcr Vorm\u00fcnder an. \u201eDas ist ein bereicherndes Ehrenamt. Oft entsteht dadurch eine Beziehung zu den Jugendlichen, die fortgesetzt wird, wenn dieser vollj\u00e4hrig ist\u201c, so Ronald Reimann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Unbegleitete-minderjaehrige-Fluechtlinge\/!5948077\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis zu sieben Monate m\u00fcssen gefl\u00fcchtete Kinder und Jugendliche auf ein \u201eErstgespr\u00e4ch\u201c warten. Davor sind Asylantrag und Schulbesuch nicht m\u00f6glich. Das Wohnheim in Spandau ist eine Zuflucht. Aber es ist auch ein Abstellgleis f\u00fcr Kinderfl\u00fcchtlinge. \u201eWir haben dreimal am Tag gegessen. 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