{"id":1968,"date":"2023-03-02T20:52:43","date_gmt":"2023-03-02T20:52:43","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1968"},"modified":"2023-03-02T20:52:43","modified_gmt":"2023-03-02T20:52:43","slug":"flucht-aus-afghanistan-die-mauern-werden-hoeher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/flucht-aus-afghanistan-die-mauern-werden-hoeher\/","title":{"rendered":"Flucht aus Afghanistan: Die Mauern werden h\u00f6her"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Die T\u00fcrkei wird zur Falle f\u00fcr aus Afghanistan geflohene Menschen. In Abstimmung mit den Taliban wird nach Afghanistan abgeschoben.<\/span><\/p>\n<p class=\"article first odd\">Seit die Taliban im August 2021 die Macht in Afghanistan zur\u00fcckeroberten, ist die Lage in dem Land f\u00fcr viele Menschen gef\u00e4hrlicher denn je. Doch wem die Flucht gelingt, der muss in dem wichtigen Transitstaat T\u00fcrkei mit einer Auslieferung an die Taliban rechnen. Der Generaldirektor f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung irregul\u00e4rer Migration und Abschiebungsangelegenheiten, Ramazan Se\u00e7ilmen, erkl\u00e4rte im Dezember 2022, dass in jenem Jahr 61.617 Menschen nach Afghanistan abgeschoben worden seien.<\/p>\n<p class=\"article even\">Einer von ihnen ist Mohammad Javad Jafari. Der 24-j\u00e4hrige Afghane war 2020 aus dem Iran in die T\u00fcrkei geflohen, um sich weiter nach Europa durchzuschlagen. Im Iran hatte er keinen Aufenthaltsstatus, musste st\u00e4ndig mit einer Abschiebung nach Afghanistan rechnen. Jafari ist Angeh\u00f6riger der ethnischen Minderheit der Hazara. Eine R\u00fcckkehr nach Afghanistan w\u00e4re f\u00fcr ihn lebensgef\u00e4hrlich gewesen, vor allem nach der Macht\u00fcbernahme der Taliban.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Seit 2021 baut die T\u00fcrkei eine Hunderte Kilometer lange Mauer entlang der Grenze zum Iran. Jafari gelang es mit zwei Neffen, diese Mauer zu \u00fcberwinden. Im November 2022 reiste er alleine weiter nach Istanbul, um von dort aus den Evros-Fluss nach Griechenland zu \u00fcberqueren. Die t\u00fcrkische Polizei fasste ihn bei dem Versuch und brachte ihn in das Abschiebegef\u00e4ngnis in Bursa am Marmarameer. Auf dem Geb\u00e4udekomplex prangt das Wappen der Europ\u00e4ischen Union, denn sie hat den Bau mitfinanziert.<\/p>\n<p class=\"article even\">Dort versuchte er, Asyl zu beantragen, verlangte, Zugang zu einem Rechtsbeistand zu bekommen. Doch die Beh\u00f6rden verweigerten ihm dies. \u201eNiemand hat mich gefragt, warum ich in die T\u00fcrkei gekommen bin. Im Gef\u00e4ngnis sagten sie zu mir, die Taliban werden entscheiden, ob ich hierbleiben kann\u201c, so berichtet Jafari es sp\u00e4ter telefonisch einer Sozialarbeiterin des Sozialen Zentrums Ya\u015famak (Dt.: \u201eLeben\u201c) in Izmir, die er vor seiner Festnahme in der T\u00fcrkei kennengelernt hatte.<\/p>\n<h6>Taliban zu Besuch in den Abschiebekn\u00e4sten<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter in Bursa arrangierten einen Videocall nach Afghanistan. Jafari wurde dabei den Taliban vorgef\u00fchrt. Innerhalb weniger Minuten h\u00e4tten diese entschieden, seiner Abschiebung nach Afghanistan zuzustimmen. Jafari vermutet, dies lag an seinem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild, das ihn als Hazara erkennbar macht.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die Taliban sind nicht nur online in der T\u00fcrkei pr\u00e4sent. An\u00adw\u00e4l\u00adt:in\u00adnen berichten, dass \u201eafghanische Diplomaten\u201c systematisch die Abschiebegef\u00e4ngnisse in der T\u00fcrkei besuchen. Von denen gibt es offiziell 25 im Land, zus\u00e4tzlich existieren diverse informelle Haftorte und geschlossene Lager.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Die politische Stimmung in der T\u00fcrkei ist im Vorwahlkampf rassistisch aufgeladen. Die gro\u00dfen Parteien \u2013 sowohl von der Regierung als auch der Opposition \u2013 \u00fcberbieten sich mit Versprechungen, die Abschiebezahlen zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die t\u00fcrkischen Grenzen werden immer strenger bewacht: Nachdem die T\u00fcrkei zun\u00e4chst an der syrischen Grenze auf fast 900 Kilometern eine hochaufger\u00fcstete Grenzanlage mit modernen \u00dcberwachungstechnologien, Drohnen, gepanzerten Fahrzeugen und sogar Selbstschussanlagen errichtete, wurde das Projekt auch auf die Grenze zum Iran ausgeweitet \u2013 der Fluchtroute aus Afghanistan. Die drei Meter hohe Mauer in der Region Van ist inzwischen 297 Kilometer lang.<\/p>\n<h6>Zur\u00fcckgedr\u00e4ngt ohne asylrechtliche Pr\u00fcfung<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Finanziert wurde die Anlage nach Angaben des t\u00fcrkischen Migrationsministeriums zum Teil von der Europ\u00e4ischen Union \u2013 mit Zusch\u00fcssen von 108 Millionen Euro. Wer es schafft, die Mauer zur T\u00fcrkei zu \u00fcberwinden, lebt h\u00e4ufig illegalisiert im Land: Seitdem das UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerk UNHCR 2018 die Registrierung von Schutzsuchenden an die T\u00fcrkei \u00fcbergab, sind viele Migrationsb\u00fcros geschlossen. Immer weniger Menschen k\u00f6nnen sich daher in der T\u00fcrkei als Gefl\u00fcchtete anmelden.<\/p>\n<p class=\"article even\">Im November 2022 hatte die NGO Human Rights Watch den Bericht \u201eNo One Asked Me Why I Left Afghanistan\u201c ver\u00f6ffentlicht. Er dokumentiert, wie die T\u00fcrkei routinem\u00e4\u00dfig Zehntausende Afghanen an ihrer Landgrenze zum Iran zur\u00fcckdr\u00e4ngt oder sie nach Afghanistan abschiebt, ohne ihre Anspr\u00fcche auf internationalen Schutz zu pr\u00fcfen. Zugenommen hat diese Praxis dem Bericht zufolge ausgerechnet im August 2021 \u2013 als die Taliban die Macht \u00fcbernahmen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">\u201eObwohl die T\u00fcrkei zu Recht internationale Anerkennung und Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Aufnahme der gr\u00f6\u00dften Anzahl von Gefl\u00fcchteten aller L\u00e4nder weltweit erh\u00e4lt, dr\u00e4ngt sie gleichzeitig viele Afghanen an ihren Grenzen zur\u00fcck oder schiebt sie nach Afghanistan ab, ohne ihre Anspr\u00fcche auf internationalen Schutz zu pr\u00fcfen\u201c, sagte Bill Frelick, Direktor der Abteilung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Migranten bei Human Rights Watch. \u201eDie T\u00fcrkei sollte diese routinem\u00e4\u00dfigen Abschiebungen an ihren Grenzen sofort stoppen und allen Menschen aus Afghanistan, denen die Abschiebung droht, erm\u00f6glichen, Asyl zu beantragen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Die T\u00fcrkei hat weltweit die meisten Gefl\u00fcchteten aufgenommen, sch\u00e4tzungsweise 3,9 Millionen Menschen, davon 3,6 Millionen Syrer mit vor\u00fcbergehendem Schutz. Weitere 320.000 kommen gr\u00f6\u00dftenteils aus Afghanistan.<\/p>\n<h6>Kaum Chancen, es legal in die EU zu schaffen<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Die Bundesregierung f\u00e4hrt derweil einen Schlingerkurs: Zwar wurde ein Aufnahmeprogramm f\u00fcr \u201ebesonders gef\u00e4hrdete Afghaninnen und Afghanen\u201c aufgesetzt, doch es ist unklar, wie die Betroffenen evakuiert werden sollen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Das Programm gilt nicht f\u00fcr Menschen, die es bereits in Drittstaaten wie die T\u00fcrkei geschafft haben. Und beim Versuch, aus eigener Kraft aus der T\u00fcrkei in die EU zu kommen, kommt es h\u00e4ufig zu gewaltsamen Pushbacks durch bulgarische und griechische Einsatzkr\u00e4fte.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Und selbst wenn afghanische Fl\u00fcchtlinge aus eigener Kraft in die EU gelangen, haben sie kaum eine Chance, Sicherheit zu finden: Im Zuge des EU-T\u00fcrkei-Deals wurde die T\u00fcrkei als \u201esicherer Drittstaat\u201c deklariert, was 2021 in Griechenland erneut per Dekret manifestiert wurde. Somit k\u00f6nnen afghanische Fl\u00fcchtlinge, die es nach Griechenland geschafft haben, ohne eine inhaltliche Pr\u00fcfung ihres Asylantrags in die T\u00fcrkei geschickt werden. Und von dort erfolgen dann Kettenabschiebungen nach Afghanistan.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Flucht-aus-Afghanistan\/!5915664\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcrkei wird zur Falle f\u00fcr aus Afghanistan geflohene Menschen. In Abstimmung mit den Taliban wird nach Afghanistan abgeschoben. Seit die Taliban im August 2021 die Macht in Afghanistan zur\u00fcckeroberten, ist die Lage in dem Land f\u00fcr viele Menschen gef\u00e4hrlicher denn je. Doch wem die Flucht gelingt, der muss in dem wichtigen Transitstaat T\u00fcrkei mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1151,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1968","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/afghanistan-1237421_960_720.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1968","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1968"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1968\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1969,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1968\/revisions\/1969"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1151"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1968"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1968"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1968"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}