{"id":1918,"date":"2022-11-07T21:16:19","date_gmt":"2022-11-07T21:16:19","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1918"},"modified":"2022-11-07T21:16:19","modified_gmt":"2022-11-07T21:16:19","slug":"sie-kommen-allein-sie-werden-allein-gelassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/sie-kommen-allein-sie-werden-allein-gelassen\/","title":{"rendered":"Sie kommen allein, sie werden allein gelassen"},"content":{"rendered":"<p>Wenig Essen, schlechte Betreuung: Hunderte unbegleitete minderj\u00e4hrige Gefl\u00fcchtete sind in Berlin nur notd\u00fcrftig versorgt. Auch andere St\u00e4dte kommen an ihre Grenzen.<\/p>\n<p>Darauf haben die etwa 20 Jugendlichen einige Stunden gewartet: Sie st\u00fcrzen sich auf die B\u00e4nke und St\u00fchle und greifen sich ihre Teller, auf denen sich nun Nudeln mit Gem\u00fcse und Tomatensauce t\u00fcrmen und Salat mit Tomaten und Gurken. Bei der Hilfsorganisation Moabit hilft im Berliner Norden bekommen sie eine willkommene Abwechslung zu den Reisgerichten und dem Pide-Brot mit K\u00e4se, die sie sonst so oft essen. Das Essen verschwindet schnell von den Tellern, geredet wird wenig. Nach wenigen Minuten stapelt sich ein Turm aus Papptellern auf dem Tisch, die Jugendlichen springen auf, reden wieder lauter auf Farsi, Arabisch und Kurdisch. Nach und nach machen sie sich auf den Weg zur\u00fcck \u2013 in eine Unterkunft der Stadt <span class=\"rtr-schema-org\">Berlin<\/span>, aus der sie so schnell wie m\u00f6glich raus wollen.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Sie alle sind ohne Eltern oder andere erwachsene Verwandte nach Deutschland gekommen. Und sie treffen dort auf ein \u00fcberlastetes System. Es gebe in ihrer Unterkunft zu wenig und zu schlechtes Essen, keine neue Kleidung, kaum Lern- und Freizeitangebote, die Duschen und Toiletten seien verdreckt und zum Teil nicht nutzbar, beschweren sich die Jugendlichen. &#8222;Ich dachte, in Deutschland werden die Menschen respektiert&#8220;, sagt Mohammed*. Der 16-J\u00e4hrige kam im September mit gro\u00dfen Hoffnungen nach Berlin, will hier studieren und seine Familie in Syrien von hier aus unterst\u00fctzen. Er ist entt\u00e4uscht, wie der deutsche Staat ihn behandelt.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Auch die Senatsverwaltung sah Verbesserungsbedarf und sorgte f\u00fcr einen Catererwechsel. In der Unterkunft sei es vermehrt zu Vandalismus durch die Jugendlichen gekommen, teilt die Senatsverwaltung auch mit. Der Jugendhilfetr\u00e4ger Navitas, der die Unterkunft betreibt, r\u00e4umt die Vorw\u00fcrfe ebenfalls teilweise ein: Es habe anfangs Probleme bei der Taschengeldauszahlung gegeben, das Essen sei zu Beginn zu wenig abwechslungsreich gewesen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Jugendhilfe ist am Anschlag&#8220;, sagt Diana Henniges, Gr\u00fcnderin und Vorstandsmitglied von <span class=\"rtr-schema-org\">Moabit<\/span> hilft. Sie warnt: &#8222;Wir d\u00fcrfen die Standards nicht noch weiter absenken.&#8220; Normalerweise hilft der Verein Fl\u00fcchtlingen bei Fragen und verteilt Sachspenden. Seit wenigen Wochen bekocht sie auch regelm\u00e4\u00dfig unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge. Eigentlich w\u00e4re es die Aufgabe des Landes Berlin, sich um die Jugendlichen zu k\u00fcmmern. Aber die Stadt scheint mit der Aufgabe \u00fcberfordert zu sein. Die zust\u00e4ndige Senatsverwaltung f\u00fcr Bildung, Jugend und Familien spricht selbst von einer &#8222;extrem herausfordernden Situation&#8220;. In Berlin wurden in diesem Jahr bislang 2.293 unbegleitete Jugendliche registriert \u2013 mehr gab es bislang nur 2015, als mehr als 4.200 minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge hier ohne Begleitung Schutz suchten.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die Senatsverwaltung hat im letzten halben Jahr ihre Pl\u00e4tze in der Jugendhilfe auf fast 900 Pl\u00e4tze verachtfacht. W\u00f6chentlich werden circa 80 neue Pl\u00e4tze f\u00fcr unbegleitete Kinder und Jugendliche geschaffen \u2013 immer noch viel zu wenig. Die Senatsverwaltung rechnet selbst nicht damit, dass sich die Situation kurzfristig entspannen werde.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">In anderen St\u00e4dten im Land sieht es \u00e4hnlich aus. Bremen stellt Zelte auf, um unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge unterzubringen. In Bochum, der zentralen Erstaufnahmestelle f\u00fcr ganz Nordrhein-Westfalen, werden die jungen Fl\u00fcchtlinge in Turnhallen einquartiert. Doch: &#8222;Eine Unterbringung in Turnhallen entspricht nicht dem Kindeswohl&#8220;, sagt Helen Sundermeyer vom Bundesfachverband f\u00fcr unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge, kurz BumF. Nahezu alle Bundesl\u00e4nder seien ausgelastet.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">\u00a0Mehr als eine Million Ukrainerinnen und Ukrainer sind bereits hierher vor Putins Angriffskrieg gefl\u00fcchtet, und seit dem Sp\u00e4tsommer steigt die Zahl derer, die aus Afghanistan, Syrien und der T\u00fcrkei kommen, darunter eben auch Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Eltern fliehen. Mitte Oktober versprach Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) den St\u00e4dten und Kommunen, mehr Immobilien bereitzustellen. Doch es ist absehbar, dass auch das allein nicht reichen wird.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Was im politischen Sprachraum schnell technisch klingt, wenn von Inobhutnahme und Kapazit\u00e4ten die Rede ist und Zahlen gegeneinander aufgerechnet werden, hat f\u00fcr die Jugendlichen konkrete Auswirkungen. In Berlin bekommt Mohammed das jeden Tag zu sp\u00fcren. Zusammen mit 180 anderen minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlingen lebt er in einer Unterkunft im Berliner Osten. Seit Mitte August ist das ehemalige Hostel zur Notunterkunft umfunktioniert.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">So gro\u00dfe Unterk\u00fcnfte sind in der Jugendhilfe nicht vorgesehen, das wei\u00df auch die Senatsverwaltung. &#8222;Die Unterbringung in solch einem gro\u00dfen Haus ist eine gro\u00dfe Herausforderung&#8220;, sagt Kerstin Stappenbeck, Abteilungsleiterin Jugend und Kinderschutz der Berliner Senatsverwaltung f\u00fcr Bildung, Jugend und Familien. Eigentlich sind in der Jugendhilfe Pl\u00e4tze in kleinen Wohneinheiten vorgesehen, doch diese sind wegen des angespannten Wohnungsmarktes kaum zu finden. Auch findet die Senatsverwaltung nicht genug Tr\u00e4ger, die kleinere Unterk\u00fcnfte betreuen. Es fehlen Fachkr\u00e4fte. Als Alternative zur Obdachlosigkeit bleibt der Senatsverwaltung nur, gro\u00dfe Unterk\u00fcnfte aufzumachen.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">In dem Hostel in Berlin-Hohensch\u00f6nhausen betreuen 42 Sozialarbeiter die 180 Jugendlichen, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Neues Personal zu finden, ist schwer, obwohl Berlin in seiner Verzweiflung seit diesem Jahr sogar fachfremdes Personal zul\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Das ist auch das Ergebnis einer kurzsichtigen Planungspolitik. &#8222;Fluchtbewegungen laufen in Wellen ab&#8220;, sagt Sundermeyer vom BumF. Dass die Zahlen wieder steigen, h\u00e4tte man l\u00e4ngst vorhergesagt, und dennoch h\u00e4tten die St\u00e4dte und Kommunen seit 2017 die Pl\u00e4tze f\u00fcr unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge abgebaut. Wer als Sozialarbeiter in diesem Bereich gearbeitet hatte, suchte sich einen anderen Job. Deshalb k\u00f6nnen L\u00e4nder und Kommunen ihre eigenen Auflagen jetzt nicht mehr einhalten. Beispiel Berlin: Statt wie empfohlen in Einzel- und Doppelzimmern, wohnen die Minderj\u00e4hrigen hier mit drei bis f\u00fcnf Jugendlichen in einem Raum, Privatsph\u00e4re gibt es dort kaum.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Wer morgens in den Speisesaal der Unterkunft l\u00e4uft, sieht Jugendliche in Jogginghosen auf B\u00e4nken sitzen und Pide mit K\u00e4se essen. Schmeckt nicht, eint\u00f6nig und oft zu wenig, klagen viele Jugendliche. Die Senatsverwaltung hat das in der Vergangenheit schon einmal beanstandet, inzwischen den Caterer gewechselt. Die Klagen der Jugendlichen bleiben. &#8222;Die Beschwerden halten sich im Rahmen&#8220;, sagt dagegen der Caterer.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">\u00a0Einige Jugendliche bleiben dennoch hungrig, deshalb kommen sie regelm\u00e4\u00dfig zu Moabit hilft, um sich satt zu essen und Diana Henniges von ihren Sorgen zu erz\u00e4hlen. Einige sagen, es gebe nicht einmal genug Trinkwasser. Anfangs h\u00e4tten die Jugendlichen lediglich zum Mittagessen einen halben Liter bekommen. Es stehe rund um die Uhr Trinkwasser zur Verf\u00fcgung, sagen hingegen Senatsverwaltung und der Jugendhilfetr\u00e4ger Navitas. Dennoch soll nun ein Wasserspender aufgestellt werden, teilte Navitas mit.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es gab Startschwierigkeiten bei der Taschengeldausgabe, es gibt immer noch Sprachbarrieren, weil es zu wenige Mitarbeiter Farsi oder Dari beherrschen. Bis vor einer Woche gab es nicht einmal einen Sicherheitsdienst, der verhindert, dass Fremde zu den Jugendlichen hineingelangen. Die Sicherheit sei jedoch durch die Anwesenheit der Sozialarbeiter rund um die Uhr gew\u00e4hrleistet gewesen, teilt die Senatsverwaltung mit. Noch immer ist das WLAN schwach, neben dem Hunger macht sich deshalb auch noch Langeweile breit, denn die vom Senat angebotenen Aktivit\u00e4ten wie N\u00e4hkurse, Deutschunterricht oder Ausfl\u00fcge sind von den Pl\u00e4tzen begrenzt und reichen nicht f\u00fcr alle.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Und so verbringen die Jugendlichen ihre Zeit vor allem mit warten. Sie warten auf ihr Erstaufnahmegespr\u00e4ch. Mit ihm startet das sogenannte Clearing-Verfahren, in dem entschieden wird, welche Unterst\u00fctzung die Jugendlichen brauchen. Danach werden sie langfristig auf die Bezirke verteilt, dort bekommen sie auch einen Vormund des Jugendamts zugeteilt. Doch die Clearing-Stellen in Berlin sind genauso \u00fcberlastet wie die Erstaufnahmestellen, bis zu zehn Wochen m\u00fcssen die Jugendlichen momentan auf einen Termin warten, sonst waren es nur drei bis f\u00fcnf Tage. Nach dem Erstgespr\u00e4ch werden die Gefl\u00fcchteten an die Bezirksjugend\u00e4mter vermittelt, die genauso \u00fcberlastet sind. Mit dem Erstgespr\u00e4ch bekommen die Kinder und Jugendlichen au\u00dferdem die M\u00f6glichkeit, zur Schule zu gehen. Nur fehlt es an Schulpl\u00e4tzen, weil es an Lehrern mangelt.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Nach dem Sozialgesetz m\u00fcssen die Jugendlichen zudem das Clearing-Verfahren abgeschlossen haben, bevor sie vom Senat Kleidung bekommen k\u00f6nnen. Einige der Jugendlichen kommen deshalb zu Moabit hilft, um sich dort nicht nur warmes Essen, sondern auch warme Sachen f\u00fcr den Winter abzuholen. Ein Teil von ihnen l\u00e4uft im Herbst nur mit Flip-Flops und kurzen Hosen herum. Manche tragen noch immer die Kleidung ihrer monatelangen Flucht.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\"><em>*Name ist der Redaktion bekannt und zum Schutz der Minderj\u00e4hrigen ge\u00e4ndert.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/2022-10\/fluechtlingsunterkunft-berlin-minderjaehrige-unbegleitete-gefluechtete-moabit-hilft\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Quelle: Zeit<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenig Essen, schlechte Betreuung: Hunderte unbegleitete minderj\u00e4hrige Gefl\u00fcchtete sind in Berlin nur notd\u00fcrftig versorgt. Auch andere St\u00e4dte kommen an ihre Grenzen. 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