{"id":1891,"date":"2022-09-01T16:57:44","date_gmt":"2022-09-01T16:57:44","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1891"},"modified":"2022-09-01T16:57:44","modified_gmt":"2022-09-01T16:57:44","slug":"wohnsituation-von-gefluechteten-mehr-als-fuenf-jahre-im-heim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wohnsituation-von-gefluechteten-mehr-als-fuenf-jahre-im-heim\/","title":{"rendered":"Wohnsituation von Gefl\u00fcchteten: Mehr als f\u00fcnf Jahre im Heim"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Familie Hejazi k\u00f6nnte l\u00e4ngst raus aus der Container-Unterkunft und eine eigene Wohnung beziehen. Doch sie finden einfach keine Wohnung.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">An einem nicht allzu hei\u00dfen Sommertag empf\u00e4ngt Familie Hejazi die taz zu Besuch. Zwei \u201eWohneinheiten\u201c in einem \u201eTempohome\u201c in Steglitz-Zehlendorf sind seit fast f\u00fcnf Jahren das \u201eZuhause\u201c der sechs SyrerInnen. Diese Provisorien f\u00fcr Gefl\u00fcchtete haben immer denselben Schnitt: Der mittlere Container besteht aus Mini-K\u00fcche und WC\/Bad (zusammen 14 Quadratmeter), von dort geht es rechts und links in Wohn-Schlaf-Container von ebenfalls je 14 Quadratmetern.<\/p>\n<p class=\"article even\">Mutter Rania (43) f\u00fchrt in den linken Raum, wir quetschen uns zu sechst auf zwei Betten und drei herbeigebrachte St\u00fchle, der Vater ist beim Sprachkurs. Drau\u00dfen sind angenehme 25 Grad, hier drinnen ist die Luft \u2013 trotz offener T\u00fcren \u2013 zum Schneiden.<\/p>\n<p class=\"article odd\">\u201eIm Sommer ist es wie im Backofen\u201c, beschreibt die 19-j\u00e4hrige Rana treffend das Raumklima, im Winter sei es eiskalt trotz Heizung. Ihr Bruder Mohamad (21) weist mit der Hand durch den Raum. \u201eKein Wunder, hier ist alles aus Metall: Metalldecke, Metallw\u00e4nde, Metallbetten, Metallschr\u00e4nke, Metallst\u00fchle.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Tats\u00e4chlich erinnert die Ausstattung deprimierend an Gef\u00e4ngnis, das einzig nichtmetallene M\u00f6belst\u00fcck im Raum ist ein Regal aus Holzfurnier. Die Eltern haben es f\u00fcr Mahmoud gekauft, der Zehnj\u00e4hrige bewahrt hier seine Schul- und Spielsachen auf, alles ordentlich sortiert. \u00dcberhaupt ist alles penibel aufger\u00e4umt, nichts \u00dcberfl\u00fcssiges liegt herum \u2013 sogar die Pl\u00e4tzchen auf der Etag\u00e8re auf dem Tisch liegen in Reih und Glied.<\/p>\n<h6>Seit Jahren auf Wohnungssuche<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Im Februar 2017 kamen die vier Geschwister und die Mutter nach Berlin. Vater und Onkel waren ein halbes Jahr zuvor \u00fcber die Balkanroute hierher geflohen, dann konnte Nazir Hejazi, der in Syrien ein kleines Gesch\u00e4ft hatte, seine Familie nachholen. Nach ein paar Monaten in einer Erstaufnahme wurde ihnen vom Landesamt f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsangelegenheiten (LAF) diese Unterkunft zugewiesen. L\u00e4ngst sind ihre Asyl\u00adantr\u00e4ge anerkannt, doch sie finden einfach keine Wohnung.<\/p>\n<p class=\"article even\">Damit stehen sie nicht allein: Von den rund 25.000 Gefl\u00fcchteten, die derzeit in Unterk\u00fcnften des LAF leben, k\u00f6nnten theoretisch die meisten eine Wohnung beziehen. Denn sobald man aus der Erstaufnahme einer Gemeinschaftsunterkunft zugewiesen wurde, entf\u00e4llt die \u201eWohnverpflichtung\u201c.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Der Auszug gelingt jedoch nur wenigen: So sind laut LAF im Jahr 2021 exakt 467 Menschen im Asylverfahren \u00fcber private Wohnungssuche f\u00fcndig geworden und konnten aus ihrem Heim ausziehen, 2020 waren es 730. Etwa gleich gro\u00df ist die Zahl der \u201eGl\u00fccklichen\u201c, die eine der j\u00e4hrlich rund 300 Wohnungen ergattern, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaften im Rahmen des Programms \u201eWohnungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge\u201c (WFF) zur Verf\u00fcgung stellen. 2021 bekamen so 600 Menschen eine Wohnung, 2020 waren es 503.<\/p>\n<p class=\"article even\">Obwohl es also f\u00fcr alle schwierig ist, scheinen die Hejazis besonders gro\u00dfes Pech zu haben. In ihrem Heim, sagt Rana, sind sie inzwischen die \u201e\u00e4ltesten\u201c BewohnerInnen. \u201eDabei haben wir angefangen zu suchen, sobald wir uns ein bisschen auskannten in Berlin und etwas Deutsch konnten\u201c, erz\u00e4hlt Ranas Bruder Mohamad (21). Das war vor \u00fcber vier Jahren.<\/p>\n<h6>Hunderte Bewerbungen<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Seither fragen sie jeden, den sie kennen, suchen sie in Internetportalen und direkt auf den Seiten von Gro\u00dfvermietern wie Deutsche Wohnen, viele hundert Bewerbungen haben sie nach eigener Aussage geschrieben. Manchmal seien sie zu Besichtigungsterminen eingeladen worden, erinnert sich Rana. \u201eSeit Corona\u201c jedoch gar nicht mehr, und nur manchmal bekomme man eine Mail mit einer Absage.<\/p>\n<p class=\"article even\">Immer teurer w\u00fcrden die Wohnungen zudem, seufzt Mohamad, meist zu teuer, wenn man von Hartz IV lebt. Etwa 1.300 Euro Warmmiete sei die Obergrenze des Jobcenters f\u00fcr einen 6-Personen-Haushalt, sagt er \u2013 ganz genau wei\u00df er es nicht. Tats\u00e4chlich ist die Berechnung kompliziert und verschieden je nach Geb\u00e4ude und Heizungsart: Der <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/sen\/soziales\/soziale-sicherung\/grundsicherung-fuer-arbeitssuchende-hartz-iv\/av-wohnen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Richtwert in der \u201eAV Wohnen\u201c<\/a> f\u00fcr die Bruttokaltmiete bei sechs Personen liegt bei rund 950 Euro, dazu kommen noch Heizkostenerstattungen von maximal 210 Euro bei sechs Personen und der teuersten Heizart Fernw\u00e4rme.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Zudem wird die Suche nicht einfacher, wenn man f\u00fcr sechs Personen sucht, wei\u00df Rana \u2013 obwohl ihnen 4 Zimmer reichen w\u00fcrden, je zwei Geschwister k\u00f6nnten sich ein Zimmer teilen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Besonders bedr\u00fcckend war das Leben im Container w\u00e4hrend der Corona-Lockdowns. \u201eEs ist schwer zu lernen in dieser Enge\u201c, sagt Mohamad: Schlafen, Essen, Leben \u2013 alles spielt sich im selben Raum ab. Zudem habe es bis voriges Jahr, berichtet er, kein Internet im Wohnheim gegeben. Seither gebe es zwar WLAN, aber nur sehr langsames.<\/p>\n<h6>\u201eBesuch ist mir unangenehm\u201c<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Dennoch hat die 19-j\u00e4hrige Rana, die wie ihre Geschwister gut Deutsch spricht, im Fr\u00fchjahr Abitur gemacht und will bald \u201eetwas mit Technik studieren oder Informatik\u201c. Raneem (22) hat das Homeschooling im Container nicht ausgehalten und die Schule geschmissen. Jetzt will sie ein Freiwilliges Soziales Jahr machen, am liebsten in einem Kindergarten, und dann ihr Abi nachholen. Mohamad (21) hat auf Rat seines Lehrers wegen Corona ein Jahr wiederholt und hofft n\u00e4chstes Jahr die Hochschulreife zu schaffen.<\/p>\n<p class=\"article even\">G\u00e4ste laden die Hejazis nie ein, h\u00f6chstens ab und an Verwandte. \u201eBesuch ist mir unangenehm, weil es so eng und ungem\u00fctlich ist\u201c, gibt Mohamad zu. Rana nickt: \u201eNiemand aus meiner Schule wusste, dass ich in einem Wohnheim lebe, nur enge Freunde.\u201c Aber die trifft sie lieber drau\u00dfen oder geht zu ihnen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Zumal sich Besuch bei der Security am Eingang anmelden muss. \u201eSie wissen, wer zu uns kommt, und wann wir kommen und gehen\u201c, sagt Rana. Mohamad erg\u00e4nzt: \u201eManchmal sagen wir, es ist wie ein Gef\u00e4ngnis, wo man rein und raus kann.\u201c Zur \u00dcberwachung kommt die Bevormundung: G\u00e4ste m\u00fcssen sp\u00e4testens um 22 Uhr raus. \u201eUm 10 nach 10 rufen die Securities laut vor der T\u00fcr, dass die Leute gehen m\u00fcssen\u201c, berichtet Rana. \u201eMan braucht doch ein bisschen Privatsph\u00e4re. Teils kommt der Besuch von weit her und w\u00fcrde gerne \u00fcbernachten.\u201c<\/p>\n<h6>Beratungsangebote sind nicht durchgedrungen<\/h6>\n<p class=\"article even\">Diese Regelung, die in allen LAF-Heimen gilt, \u00e4rgert nicht nur die Hejazis: Die Besuchszeiten und das \u00dcbernachtungsverbot sind eines der gro\u00dfen Probleme f\u00fcr Heimbewohner, wie ein <a href=\"https:\/\/taz.de\/Unterbringung-von-Fluechtlingen\/!5615624\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pilotprojekt der Integrationsverwaltung f\u00fcr ein besseres Beschwerdemanagement<\/a> in Heimen 2019 zutage brachte. Dass aus dem Projekt inzwischen eine Unabh\u00e4ngige Beschwerdestelle geworden ist, an die sich Fl\u00fcchtlinge bei Missst\u00e4nden in ihrem Heim wenden k\u00f6nnen, wissen die Hejazis nicht \u2013 niemand hat ihnen davon erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Es hat ihnen auch niemand gesagt, dass es das erw\u00e4hnte Programm \u201eWohnungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge\u201c gibt. Auch wenn die Hejazis daf\u00fcr kaum in Frage kommen, da sie f\u00fcr das LAF vermutlich kein medizinischer oder sozialer \u201eH\u00e4rtefall\u201c sind \u2013 und nur dann k\u00e4men sie auf die WFF-Warteliste. Sie wissen auch nicht, dass es eine <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/laf\/wohnen\/informationen-fuer-fluechtlinge\/wohnungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mietberatung beim LAF<\/a> gibt, wo man laut Webseite Tipps zur Wohnungssuche bekommen oder zum Beispiel erfahren kann, dass f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Heimen, die eine Wohnung finden, die Mietobergrenze 20 Prozent \u00fcber der \u201enormalen\u201c Obergrenze liegt.<\/p>\n<p class=\"article last even\">Ein bisschen mehr Hilfe w\u00e4re gut, sagt Mohamad. \u201eInzwischen kennen wir uns ganz gut aus, aber das hat uns auch noch nicht geholfen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Wohnsituation-von-Gefluechteten\/!5874432\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Familie Hejazi k\u00f6nnte l\u00e4ngst raus aus der Container-Unterkunft und eine eigene Wohnung beziehen. 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