{"id":1876,"date":"2022-07-03T15:37:21","date_gmt":"2022-07-03T15:37:21","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1876"},"modified":"2022-07-03T15:37:21","modified_gmt":"2022-07-03T15:37:21","slug":"bipoc-gefluechtete-in-berlin-wie-eine-ersatzfamilie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/bipoc-gefluechtete-in-berlin-wie-eine-ersatzfamilie\/","title":{"rendered":"BiPoC-Gefl\u00fcchtete in Berlin: Wie eine Ersatzfamilie"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Schwarze Gefl\u00fcchtete aus der Ukraine werden auch in Berlin anders behandelt als wei\u00dfe. Die Initiative CUSBU setzt sich dagegen ein.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">Es ist Mittagszeit im Hotel Ravenna in Berlin-Steglitz. Aus dem Fr\u00fchst\u00fccksraum weht ein deftiger Essensgeruch. Stu\u00adden\u00adt:in\u00adnen und Familien str\u00f6men in den Fr\u00fchst\u00fcckssaal. Dabei herrscht hier kein Regelbetrieb. Hotelg\u00e4ste gibt es hier bereits seit einem Jahr nicht mehr, ein gro\u00dfes Poster an der Scheibe verr\u00e4t, dass das Hotel zuletzt vor allem eine Corona-Teststation war.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die Menschen hier sind keine Tourist:innen, sondern Gefl\u00fcchtete aus der Ukraine. Erst seit zwei N\u00e4chten wohnen sie im Hotel. In Berlin k\u00f6nnen laut dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) Gefl\u00fcchtete, Obdachlose und Wohnungslose Gutscheine f\u00fcr die Unterbringung in Hostels oder Hotels in Anspruch nehmen. Hotelbesitzer Malik K\u00fc\u00e7\u00fck \u00f6ffnete spontan seine T\u00fcren, als er von der Initiative CUSBU h\u00f6rte, die sich explizit f\u00fcr Schwarze und People of Color (BIPoC) aus der Ukraine einsetzt. Die Initiative hat im Speisesaal ihr provisorisches B\u00fcro eingerichtet. Unter den Tischen stehen noch Farbeimer von der Renovierung des Hotels.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Zehn Freiwillige und vier Hauptverantwortliche engagieren sich derzeit bei der CUSBU. Der Name ist ein Akronym f\u00fcr \u201eCommunities Support for BiPoC Refugees Ukraine\u201c. 115 Gefl\u00fcchtete werden von der Initiative betreut und untergebracht. Die H\u00e4lfte davon kann im Hotel Ravenna Unterkunft finden, die anderen leben mithilfe von Gutscheinen in Airbnb-Wohnungen oder Wohnungen privater Gastgeber:innen. Die Initiative unterst\u00fctzt die Gefl\u00fcchteten bei der Ankunft am Hauptbahnhof, bei der Suche nach Unterk\u00fcnften, bei rechtlichen und beh\u00f6rdlichen Fragen und bietet psychische Beratung und warme Mahlzeiten an. Ziel ist, dass die Gefl\u00fcchteten eine dauerhafte Unterkunft in Berlin finden k\u00f6nnen, die Hotelunterbringung ist nur eine Zwischenl\u00f6sung.<\/p>\n<p class=\"article even\">Seit Beginn des Ukrainekrieges setzt sich CUSBU als gemeinsames Projekt der Organisationen International Womens Space, Eoto und Migrationsrat f\u00fcr die Belange von BIPoC aus der Ukraine ein. Entstanden ist die Initiative als Reaktion auf die rassistische Ungleichbehandlung, die die Menschen bei ihrer Flucht aus der Ukraine erfahren mussten, erkl\u00e4ren Vicky Germain und Jennifer Kamau, zwei der Hauptorganisatorinnen von CUSBU.<\/p>\n<h6>\u201eDas ist rassistisch\u201c<\/h6>\n<p class=\"article odd\">In Deutschland angekommen, geht die Diskriminierung der Gefl\u00fcchteten weiter. F\u00fcr sie gelten andere Rechte als f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, die eine ukrainische Staatsb\u00fcrgerschaft besitzen. In Deutschland gelten sie laut der sogenannten \u201eRichtlinie Massenzustrom\u201c als Drittstaatsangeh\u00f6rige. \u201eDrittstaatsangeh\u00f6rige werden anders behandelt als andere Drittstaatsangeh\u00f6rige, aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrem Herkunftsland. Das ist rassistisch\u201c, erkl\u00e4rt Kamau. W\u00e4hrend ukrainischen Staats\u00adb\u00fcr\u00adge\u00adr:in\u00adnen ohne Asylantrag eine Aufenthaltserlaubnis inklusive uneingeschr\u00e4nkten Rechts auf Arbeit zusteht, k\u00f6nnen Gefl\u00fcchtete aus Drittstaaten laut Ukraine-Aufenthalts-\u00dcbergangsverordnung ohne Visum nur bis Ende August in Deutschland bleiben, f\u00fcr sie gilt ein \u00adTourist:innen-Visum.<\/p>\n<p class=\"article even\">Unter den Gefl\u00fcchteten, die im Hotel Ravenna untergebracht sind, sind junge Familien, aber vor allem Studierende, die sich in der Ukraine eine bessere Zukunft versprachen als in ihren afrikanischen Heimatl\u00e4ndern. \u201eWir haben Weltraumingenieure, Maschinenbauingenieure, Medizinstudenten, Computerspezialisten. Das sind teilweise Menschen mit F\u00e4higkeiten, wie ich sie in meinen \u00fcber 20 Jahren in Deutschland nicht angetroffen habe\u201c, erkl\u00e4rt Germain.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Zwei dieser jungen Talente sind Melissa und Gospel. Die 28-j\u00e4hrige Melissa aus Zimbabwe hat kurz vor dem Krieg ihren Doktor in Medizin gemacht. 2014 zog sie nach Charkiw, ausschlaggebend war das Renommee der ukrainischen Universit\u00e4ten. Die 18-J\u00e4hrige Gospel zog erst im Februar von Nigeria nach Zaporizhzhia, um ihr Medizinstudium aufzunehmen. Die beiden Studentinnen erz\u00e4hlen im Fr\u00fchst\u00fccksraum des Hotels, dass sie anfangs nicht glauben konnten, dass Russland die Ukraine \u00fcberfallen w\u00fcrde. Sie berichten von Bombenangriffen und Bunkern, aber auch von der Diskriminierung, die sie w\u00e4hrend der Flucht erlebten. \u201eAn den Zugt\u00fcren standen ukrainische M\u00e4nner mit gez\u00fcckten Messern. Sie meinten, dass keine Ausl\u00e4nder reinkommen, bis ihre Leute im Zug sind\u201c, berichtet Melissa.<\/p>\n<p class=\"article even\">Gospel berichtet von \u00e4hnlichen Erfahrungen. Im Zug brach sich Melissa eine Rippe. Nach einem Krankenhausaufenthalt floh sie \u00fcber Ungarn, Rum\u00e4nien und \u00d6sterreich nach Berlin. Gospel floh zun\u00e4chst nach Rum\u00e4nien, anschlie\u00dfend nach Ungarn. \u201eDie Person am Grenz\u00fcbergang war nicht nett. Ich wei\u00df nicht, was ich dazu sagen kann. Eine solche Erfahrung w\u00fcnsche ich niemandem\u201c, sagt Gospel mit leiser, aber bestimmter Stimme. Der Mann am Grenz\u00fcbergang habe ihr befohlen, nach Nigeria zur\u00fcckzukehren. Sie musste mehrere Stunden in der K\u00e4lte ausharren, bis eine Grenzerin Mitleid mit ihr hatte und sie an eine Mitfahrgelegenheit vermittelte, die nur aus M\u00e4nnern bestand. Sie berichtet von der unheimlichen Angst, die sie in der K\u00e4lte und im Auto mit den fremden M\u00e4nnern hatte. W\u00e4hrend der Flucht stand sie im dauerhaften Kontakt mit Germain.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Tats\u00e4chlich war es das Wissen \u00fcber die Initiativen f\u00fcr Schwarze Menschen, das f\u00fcr Gospels Flucht nach Berlin ausschlaggebend war. Die vielen Freiwilligen am Hauptbahnhof, die sich explizit f\u00fcr Schwarze Gefl\u00fcchtete engagierten: Das war f\u00fcr die beiden Studentinnen eine Erleichterung. Insgesamt f\u00fchlen sie sich willkommen in Berlin. \u201eAlle hier sind wundervoll\u201c, res\u00fcmiert Gospel die Betreuung durch die Initiative. Die beiden jungen Frauen berichten, wie unerm\u00fcdlich sich die Organisatorinnen f\u00fcr sie einsetzen. \u201eEs ist, als ob man ein sehr enges Familienmitglied oder ein Elternteil hat, das man immer kontaktieren kann\u201c, erkl\u00e4rt Melissa.<\/p>\n<p class=\"article even\">An diesem Dienstagnachmittag Ende Mai sind die Organisatorinnen im Dauereinsatz. Mal muss ein Anruf oder ein Zoom-Call entgegengenommen, mal etwas ausgedruckt werden, mal m\u00fcssen ankommende Gefl\u00fcchtete eingecheckt oder Beh\u00f6rdenunterlagen ausgef\u00fcllt werden. Auf einmal steht Polizei vor der T\u00fcr. Auch wenn sie angeblich nicht wegen der Gefl\u00fcchteten da sind, hinterl\u00e4sst der Besuch ein ungutes Gef\u00fchl. Kamau und Germain sind selbst nach Deutschland migriert. Ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland haben sie gepr\u00e4gt, sie wollen ihr Wissen gern weitergeben. \u201eAber wir wissen auch, dass sie am Ende ihre eigenen Erfahrungen machen werden. Wir k\u00f6nnen nur helfen und ihren Weg leichter machen\u201c, erkl\u00e4rt Kamau.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Initiativen wie CUSBU sind derzeit deshalb so wichtig, weil sie Aufgaben \u00fcbernehmen, die eigentlich die der Politik w\u00e4ren. \u201eWir m\u00f6chten die Politik darauf aufmerksam machen, dass sie endlich ihre Verantwortung \u00fcbernehmen soll\u201c, erkl\u00e4rt Kamau. Eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen f\u00fcr die Organisatorinnen sei, dass immer noch t\u00e4glich Hunderte Gefl\u00fcchtete aus der Ukraine ankommen. Und trotzdem: \u201eDer Senat f\u00e4hrt Strukturen zur\u00fcck, die f\u00fcr Sicherheit oder Verpflegung im Hauptbahnhof direkt gebraucht werden. Die Strukturen wurden ins Ankunftszelt ausgelagert, wo alle Menschen Richtung Tegel geleitet werden. Wir sorgen uns darum, ob Aspekte wie Teilhabe, Partizipation, Information und Selbstbestimmung \u00fcberhaupt noch beachtet werden, und dass die Situation der besonders vulnerablen Gruppen hinten angestellt wird\u201c, erkl\u00e4rt Germain.<\/p>\n<p class=\"article even\">Zudem sollen die meisten Gefl\u00fcchteten, die sich in Tegel registrieren, in andere deutsche Bundesl\u00e4nder verteilt werden. Zwar sei das laut dem K\u00f6nigsteiner Schl\u00fcssel, der f\u00fcr die Verteilung von Gefl\u00fcchteten verantwortlich ist, f\u00fcr besonders schutzbed\u00fcrftige Gruppen und Gefl\u00fcchtete gar nicht vorgesehen. Doch in Tegel werde diese Regelung nicht beachtet. Berlin gelte als \u201e\u00fcberf\u00fcllt\u201c, Platz f\u00fcr weitere Gefl\u00fcchtete sei nicht vorgesehen. In den vergangenen Wochen sei zudem die Spenden- und Hilfsbereitschaft in der Zivilbev\u00f6lkerung deutlich zur\u00fcckgegangen, berichten Germain und Kamau. Die Ini\u00adtiative sei aber weiterhin auf private Geldspenden und Unterk\u00fcnfte angewiesen, regelm\u00e4\u00dfig wird auf ihren sozialen Netzwerken zur Freiwilligenarbeit aufgerufen.<\/p>\n<h6>Hoffnung auf einen Sprachkurs<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Gospel und Melissa hoffen derweil, dass sie sich bald f\u00fcr einen Sprachkurs anmelden k\u00f6nnen. Seit ihrer Ankunft in Berlin waren sie zu sehr mit Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen eingespannt. Und l\u00e4ngerfristig? \u201eWir bleiben entweder hier oder gehen zur\u00fcck nach Hause\u201c, erkl\u00e4rt Gospel. Melissa unterbricht sie. \u201eMit Zuhause meinst du die Ukraine, oder?\u201c Sie lacht. \u201eDa merkt man, dass die \u00adUkraine unser zweites Zuhause ist.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Die R\u00fcckkehr nach Nigeria oder Zimbabwe ist keine Option f\u00fcr beide, zu viel haben sie f\u00fcr ihren Traum vom Studium in Europa geopfert. Wie lange die beiden im Hotel Ravenna und in Deutschland bleiben k\u00f6nnen, ist ungewiss. Bis sie eine langfristige Wohnung gefunden haben, \u00fcbernimmt der Senat die Kosten f\u00fcr die Unterbringung im Hotel. Gospel m\u00f6chte an einer deutschen Universit\u00e4t ihr Medizinstudium fortsetzen, Melissa den Master machen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Doch auch wenn die Zukunft ungewiss ist, k\u00f6nnen sich die jungen Frauen auf zweierlei verlassen: Auf ihre Freundschaft und die Ersatzfamilie, die sie dank Vicky Germain und Jennifer Kamau in Berlin gefunden haben. \u201eDie Initiative ist das Beste, das uns seit dem Krieg passiert ist\u201c, erkl\u00e4rt Gospel mit einem sch\u00fcchternen Lachen.<\/p>\n<p class=\"article last even\">Dann verabschieden sich die beiden, sie m\u00fcssen das Abendessen im Hotel vorbereiten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/BiPoC-Gefluechtete-in-Berlin\/!5863496\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwarze Gefl\u00fcchtete aus der Ukraine werden auch in Berlin anders behandelt als wei\u00dfe. Die Initiative CUSBU setzt sich dagegen ein. &nbsp; Es ist Mittagszeit im Hotel Ravenna in Berlin-Steglitz. Aus dem Fr\u00fchst\u00fccksraum weht ein deftiger Essensgeruch. Stu\u00adden\u00adt:in\u00adnen und Familien str\u00f6men in den Fr\u00fchst\u00fcckssaal. Dabei herrscht hier kein Regelbetrieb. Hotelg\u00e4ste gibt es hier bereits seit einem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":929,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1876","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/traffic-sign-97296_640.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1876","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1876"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1876\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1877,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1876\/revisions\/1877"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/929"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1876"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1876"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1876"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}