{"id":1871,"date":"2022-06-19T19:55:46","date_gmt":"2022-06-19T19:55:46","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1871"},"modified":"2022-06-19T19:55:46","modified_gmt":"2022-06-19T19:55:46","slug":"streik-in-polnischen-internierungslagern-sie-behandeln-uns-wie-tiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/streik-in-polnischen-internierungslagern-sie-behandeln-uns-wie-tiere\/","title":{"rendered":"Streik in polnischen Internierungslagern: \u201eSie behandeln uns wie Tiere\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Menschen, die vor dem Ukrainekrieg nach Polen fliehen, k\u00f6nnen sich dort frei bewegen. Andere Gefl\u00fcchtete sitzen dort in Internierungslagern fest.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">Am Freitag vor Pfingsten kamen 22.300 <a href=\"https:\/\/taz.de\/Nina-Gregori-ueber-Hilfe-fuer-Gefluechtete\/!5843647\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Menschen aus der Ukraine nach Polen, fl\u00fcchtend<\/a> vor dem russischen Angriff. Seit der begann, registrierte Polen 3,82 Millionen Einreisen von Ukrainer:innen. Sie d\u00fcrfen sich frei bewegen und arbeiten, Freiwillige und der Staat bieten Unterkunft. Per Smartphone k\u00f6nnen die Ankommenden eine Starthilfe des UN-Fl\u00fcchtlingswerks von monatlich umgerechnet 544 Euro f\u00fcr eine vierk\u00f6pfige Familie beantragen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Das ist nicht f\u00fcr alle so. Ebenfalls am Samstag meldete der polnische Grenzschutz 14 \u201eVersuche von Grenz\u00fcbertritten\u201c aus dem Nachbarstaat Belarus, Menschen aus Afrika und Asien. Sie werden in der Regel f\u00fcr viele Monate in eines von landesweit rund zehn polnischen Internierungslagern gebracht. Die Ungleichbehandlung k\u00f6nnte sch\u00e4rfer kaum sein.<\/p>\n<p class=\"article odd\">\u201eSie behandeln uns wie Tiere\u201c, sagt der Iraner Milad am Telefon im Gespr\u00e4ch mit der taz. Seit Monaten sitzt er im Internierungslager von Lesznowola, rund 50 Kilometer s\u00fcdlich von Warschau. Anfang Mai sind hier 23 M\u00e4nner in Hungerstreik getreten. Am Montag, 35 Tage sp\u00e4ter, verweigern noch 10 von ihnen \u2013 drei Kur\u00add:in\u00adnen aus der T\u00fcrkei, sieben aus dem Irak \u2013 die Nahrungsaufnahme. Sie protestieren gegen die Unterbringungsbedingungen und fordern ihre Freilassung. Seit sieben Monaten sind sie im Lager, sie kamen im vergangenen Herbst \u00fcber Belarus. Milad ist ihr Sprecher.<\/p>\n<p class=\"article even\">Seit dem vergangenen Herbst sind die Lager mit rund 2.000 Menschen v\u00f6llig \u00fcberbelegt. Immer wieder traten Insassen deshalb in Hungerstreik, zuletzt geh\u00e4uft. Von einer \u201eWelle\u201c sprach Ende Mai das polnische Magazin <em>OKO.press<\/em>, das Kontakt zu Streikenden in vier der Lager h\u00e4lt: Przemy\u015bl, W\u0119drzyn, Krosno Odrza\u0144skie und Lesznowola. Hilfsorganisationen wie das NGO-Netzwerk Grupa Granica warnen, dass die Streikenden mittlerweile in Lebensgefahr seien.<\/p>\n<h6>Zwei Quadratmeter Mindestplatzbedarf pro Person<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Das mit europ\u00e4ischen Mitteln mitfinanzierte Lager in Lesznowola war urspr\u00fcnglich f\u00fcr 73 M\u00e4nner ausgelegt. Doch weil ab September 2021 pl\u00f6tzlich mehr Menschen kamen, senkten die polnischen Beh\u00f6rden den formalen Mindestplatzbedarf von drei auf zwei Quadratmeter pro Person ab. Der Europarat verlangt vier Quadratmeter \u201epers\u00f6nlichen Lebensraum\u201c in Gef\u00e4ngnissen. In Lesznowola gibt es seither offiziell 192 Pl\u00e4tze.<\/p>\n<p class=\"article even\">In Zweierzellen wohnen nun bis zu sechs M\u00e4nner. Es gebe \u201ekeine Freiheit\u201c, die Wachen w\u00fcrden \u201ezu allem, was wir wollen, Nein sagen\u201c, sagt Milad. Als er herkam, wog er 85 Kilogramm, jetzt seien es noch 65. \u201eDabei esse ich.\u201c Doch die Zeit im Lager setze allen zu. \u201eDie Leute kamen f\u00fcr ein besseres Leben hierher. Und jetzt ist ihr Leben im Gef\u00e4ngnis.\u201c Niemand wisse, wie es weitergehe, keinem werde gesagt, wann \u00fcber die Asylantr\u00e4ge entschieden sei oder wann und ob man freikomme.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Die Streikenden h\u00e4tten erwogen, auch das Trinken einzustellen, sich auf Anraten von Hilfsorganisationen aber doch dagegen entschieden. Zwangsern\u00e4hrung gebe es nicht, berichtet Milad. \u201eDie Wachen tun gar nichts, denen ist das egal. Sie sagen: Wenn ihr nichts esst, dann sterbt ihr eben.\u201c Die M\u00e4nner seien mittlerweile sehr geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p class=\"article even\">Ein Streikender wurde in der Nacht von vergangenem Dienstag auf Mittwoch in die Notaufnahme des Krankenhauses in Gr\u00f3jec gebracht. \u00dcber seinen Zustand h\u00e4tten die anderen Streikenden nichts erfahren, sagt \u00adMilad. Auch NGOs und der gr\u00fcne Abgeordnete Tomasz Ani\u015bko berichten, auf Anfrage keine Informationen \u00fcber den Zustand des Mannes bekommen zu haben.<\/p>\n<h6>Keine Smartphones und keine Besuche f\u00fcr Gefl\u00fcchtete<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Den Insassen der Lager werden Smartphones abgenommen. Handys ohne Kamera d\u00fcrfen sie behalten oder sich schicken lassen. Milad bekam eines von einer polnischen Hilfsorganisation. Besuchen d\u00fcrfen die Hel\u00adfe\u00adr:in\u00adnen die Menschen in den Lagern in aller Regel nicht, Pakete zu schicken ist hingegen gestattet. So kann Milad Kontakt mit seiner Familie im Iran halten \u2013 und Informationen \u00fcber den Streik weitergeben.<\/p>\n<p class=\"article even\">Asyl\u00adan\u00adtrag\u00adstel\u00adle\u00adr:in\u00adnen k\u00f6nnen in Polen f\u00fcr zun\u00e4chst bis zu sechs Monate interniert werden. Von dieser Regelung machen die Beh\u00f6rden fast durchweg Gebrauch. Wenn das Asylverfahren bis dahin nicht entschieden ist, kann eine Verl\u00e4ngerung per richterlichem Beschluss angeordnet werden. Auch im Fall einer Ablehnung kann die Internierung bis zu einer m\u00f6glichen Abschiebung verl\u00e4ngert werden.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Als Russland die Ukrai\u00adne \u00fcberfiel, sa\u00dfen alle Streikenden von Lesznowola bereits im Lager. \u00dcber die Ereignisse sind sie dennoch informiert: Im Gemeinschaftsraum gibt es einen Fernseher, wenn auch \u201enur mit zwei polnischen Programmen\u201c, sagt Milad. Hinzu kommt eine Handvoll Computer, die sich rund 200 Menschen teilen m\u00fcssen. Zudem, so Milad, seien viele Seiten blockiert.<\/p>\n<p class=\"article even\">Doch der sp\u00e4rliche Zugang zu Informationen reicht, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Polen in den vergangenen drei Monaten mit den ankommenden Ukrai\u00adne\u00adr:in\u00adnen umgegangen ist. \u201eWas ist der Unterschied zwischen ihnen und uns?\u201c, fragt Milad. \u201eWarum verdienen wir nicht dieselbe Behandlung? Was ist die Rechtfertigung daf\u00fcr? Das fragen sich hier alle.\u201c<\/p>\n<h6>Durch die Behandlung der W\u00e4rter \u201eentmenschlicht\u201c<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Bis zur Mitte des vergangenen Jahres war Polen asylm\u00e4\u00dfig praktisch ein wei\u00dfer Fleck auf der Landkarte. 2020 stellten gerade mal 1.490 Menschen dort einen Asylantrag. 92 Prozent wurden abgelehnt. Die Quote d\u00fcrfte derzeit \u00e4hnlich liegen. Wer gegen eine Ablehnung Berufung einlegt, muss sich auf weitere sechs Monate in Haft einstellen.<\/p>\n<p class=\"article even\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/Amnesty-International-in-der-Krise\/!5852045\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Amnesty International<\/a> ver\u00f6ffentlichte Mitte April einen auf Telefoninterviews basierenden Bericht \u00fcber die Situation in den polnischen Lagern. Befragte aus Lesznowola gaben dabei an, sich durch die Behandlung der W\u00e4rter \u201eentmenschlicht\u201c zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Das Personal spreche die Gefangenen nur mit Fallnummern anstatt mit Namen an und verh\u00e4nge \u201e\u00fcberm\u00e4\u00dfige Strafen, einschlie\u00dflich Isolationshaft, f\u00fcr einfache Bitten, wie etwa um ein Handtuch oder mehr Essen\u201c, so der Amnesty-Report. \u201eFast alle Befragten berichteten von durchweg respektlosem und verbal beleidigendem Verhalten, rassistischen \u00c4u\u00dferungen und anderen Praktiken, die auf psychische Misshandlung hindeuteten.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Milad h\u00e4lt sich am Telefon mit \u00c4u\u00dferungen \u00fcber die Wachen zur\u00fcck. \u201eManche sind gut, manche nicht. Ich mache den M\u00e4nnern pers\u00f6nlich keinen Vorwurf\u201c, sagt er. \u201eSie tun, was ihnen befohlen wurde.\u201c<\/p>\n<h6>Suizidversuche und unzureichende Versorgung<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Der gr\u00fcne Sejm-Abgeordnete Tomasz Ani\u015bko hat beantragt, unabh\u00e4ngigen Psychologen Zugang zum Lager von Lesznowola zu gew\u00e4hren, um mit den Streikenden zu sprechen. Ende Mai lehnte der Grenzschutz dies ab. Die Insassen w\u00fcrden im Lager \u201eoptimale\u201c medizinische und psychologische Betreuung erhalten. Das NGO-Netzwerk Grupa Granica aber berichtet von Suizidversuchen unter den Gefangenen und einer v\u00f6llig unzureichenden Versorgung.<\/p>\n<p class=\"article even\">Ende Mai sei ein Syrer aus dem Lager Lesznowola entlassen worden. Der Mann habe \u201etrotz st\u00e4ndiger H\u00fcftschmerzen, sichtbarer Probleme beim Gehen und wiederholter Bitten um Hilfe abgesehen von starken Schmerzmitteln keine angemessene medizinische Hilfe erhalten\u201c; so die Grupa Granica. Nach der Entlassung habe eine MRT-Untersuchung ergeben, dass er an H\u00fcftfrakturen und Knochen\u00adnekrose litt \u2013 eine Folge der Gewalt der Grenzsch\u00fctzer, so die Grupa Granica.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Die Lage an der Grenze zu Belarus geriet wegen des Ukrainekonflikts aus dem Blick, weniger dramatisch wurde sie nicht. Der \u201eAusnahmezustand\u201c in dem Grenzstreifen soll wohl bis Ende des Jahres verl\u00e4ngert werden. Die Folge: Beobachter und Hilfsorganisationen d\u00fcrfen das Gebiet nicht betreten. Erst am Samstag wurde die Leiche einer 50-j\u00e4hrigen Syrerin auf dem Grenzstreifen gefunden, die zuvor von den polnischen Beh\u00f6rden zur\u00fcckgeschoben worden war. Seit dem vergangene Herbst starben Dutzende Fl\u00fcchtlinge v\u00f6llig entkr\u00e4ftet in den W\u00e4ldern.<\/p>\n<p class=\"article last even\">Der polnische Grenzschutz berichtet v\u00f6llig unger\u00fchrt, dass er praktisch permanent Menschen nach Belarus zur\u00fcckschiebt. Dabei hat erst am 27. Mai das Woiwodschafts-Verwaltungsgericht in Warschau erneut entschieden, dass Pushbacks \u2013 in diesem Fall eines Jemeniten und eines Irakis im vergangenen November \u2013 illegal sind. Polen setzt indes darauf, dass die Grenze k\u00fcnftig gar nicht mehr \u00fcberschreitbar ist: Die ersten Abschnitte des 400 Kilometer langen Zauns an der Grenze zu Belarus sind fertiggestellt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Streik-in-polnischen-Internierungslagern\/!5856606\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen, die vor dem Ukrainekrieg nach Polen fliehen, k\u00f6nnen sich dort frei bewegen. Andere Gefl\u00fcchtete sitzen dort in Internierungslagern fest. &nbsp; Am Freitag vor Pfingsten kamen 22.300 Menschen aus der Ukraine nach Polen, fl\u00fcchtend vor dem russischen Angriff. Seit der begann, registrierte Polen 3,82 Millionen Einreisen von Ukrainer:innen. 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