{"id":1825,"date":"2021-11-22T10:49:49","date_gmt":"2021-11-22T10:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1825"},"modified":"2021-11-22T10:49:49","modified_gmt":"2021-11-22T10:49:49","slug":"verzweifelte-ortskraefte-in-afghanistan-im-wartesaal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/verzweifelte-ortskraefte-in-afghanistan-im-wartesaal\/","title":{"rendered":"Verzweifelte Ortskr\u00e4fte in Afghanistan: Im Wartesaal"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Die Bundesregierung hat ihren afghanischen Ortskr\u00e4ften zugesagt, sie aus dem Land zu holen. Bis heute sitzt der Gro\u00dfteil aber in Afghanistan fest.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">In Kundus sitzt ein Mann in seinem Haus und wartet auf eine E-Mail der Bundesregierung. Seit drei Monaten schon, von morgens bis abends. Etwas anderes, erz\u00e4hlt er am Telefon, gebe es f\u00fcr ihn ja nicht mehr zu tun. Sein Arbeitgeber, eine Hilfsorganisation, hat ihr B\u00fcro in der Stadt geschlossen und bezahlt ihn nur noch bis Ende November.<\/p>\n<p class=\"article even\">Raus auf die Stra\u00dfe traut der Mann sich kaum noch. Von seinem Leben in Afghanistan erwartet er sich nichts mehr. Was bleibt: der Blick aufs Handy und die Hoffnung auf eine Antwort aus Deutschland. Gmail auf, Posteingang leer, Gmail zu und dann wieder von vorne.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Den Namen des Mannes sollen wir an dieser Stelle nicht nennen; weil er f\u00fcr die Deutschen gearbeitet hat, f\u00fcrchtet er die Rache der Taliban. Seine Situation d\u00fcrfen wir aber beschreiben. Er hat sie der taz am Telefon geschildert und mit Unterlagen untermauert \u2013 mit Ausweisen, E-Mails und Arbeitsvertr\u00e4gen. Sie belegen: Bevor er bei seinem aktuellen Arbeitgeber anfing, arbeitete er bis Ende 2013 als Ingenieur f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.giz.de\/de\/html\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ)<\/a>, den staatlichen deutschen Entwicklungsdienstleister.<\/p>\n<p class=\"article even\">Mit dieser Station im Lebenslauf ist seine Hoffnung, nach Deutschland zu kommen, eigentlich berechtigt. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Evakuierung-aus-Afghanistan\/!5796816\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Bundesregierung hat Menschen wie ihm die Aufnahme in Aussicht gestellt<\/a>: Als im Sommer der Westen seine Truppen abzog und die Taliban Kabul einnahmen, senkte sie nach und nach die H\u00fcrden f\u00fcr afghanische Ortskr\u00e4fte, die sich nach Deutschland retten wollten.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Sie mussten nicht mehr wie fr\u00fcher individuell nachweisen, dass sie durch ihren Beruf gef\u00e4hrdet sind. Die Regierung ging nun davon aus, dass alle ihre Angestellten in Gefahr sind. Aufnahmezusagen gab es auch nicht mehr nur f\u00fcr Mit\u00adar\u00adbei\u00adte\u00adr*in\u00adnen der letzten beiden Jahre, sondern f\u00fcr alle, die seit 2013 f\u00fcr deutsche Stellen gearbeitet haben. Schon ab Juni galt das f\u00fcr die Ortskr\u00e4fte des Verteidigungs- und des Innenministeriums, ab August dann auch f\u00fcr die aus dem Bereich des Au\u00dfen- und des Entwicklungsministeriums.<\/p>\n<h6>Keine Antwort auf Aufnahmeantr\u00e4ge<\/h6>\n<p class=\"article even\">\u201eDie Sorge um die afghanischen Mitarbeiter der GIZ ist gro\u00df\u201c, sagte Entwicklungsminister Gerd M\u00fcller (CSU) damals <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/politik\/Interview-Mueller-ueber-Afghanistan-Es-wird-bereits-jetzt-verfolgt-und-gemordet-id60393341.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">der <em>Augsburger Allgemeinen<\/em><\/a>. Er traue den Zusicherungen der Taliban nicht. Es werde bereits jetzt verfolgt und gemordet. \u201eUnsere afghanischen Mitarbeiter brauchen unsere Unterst\u00fctzung\u201c, so M\u00fcller.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Noch heute k\u00f6nnen Ex-Ortskr\u00e4fte Aufnahmeantr\u00e4ge stellen, \u201esofern das Be\u00adsch\u00e4ftigungs\u00adverh\u00e4ltnis nicht bereits vor 2013 endete\u201c, schreibt die Bundesregierung auf ihren Internetseiten. \u201eAnsprech\u00adpartner hierf\u00fcr ist der fr\u00fchere Arbeit\u00adgeber.\u201c Das Problem dabei: Vielen Betroffenen geht es wie dem Mann aus Kundus. Sie haben ihre Dokumente schon im August an die daf\u00fcr vorgesehenen E-Mail-Adressen geschickt, aber teilweise <a href=\"https:\/\/taz.de\/Schicksal-einer-Ortskraft-in-Afghanistan\/!5804025\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bis heute keine Antwort erhalten \u2013 abgesehen von einer automatischen Eingangsbest\u00e4tigung<\/a> zu Beginn.<\/p>\n<p class=\"article even\">Betroffen sind offenbar vor allem Ortskr\u00e4fte, deren Arbeitsverh\u00e4ltnis schon vor l\u00e4ngerer Zeit endete. In einer Whatsapp-Gruppe haben sich Dutzende Menschen vernetzt, die zwischen 2013 und 2019 in Nordafghanistan f\u00fcr die GIZ arbeiteten und die seit Monaten in der Luft h\u00e4ngen. Sie geben sich Tipps zur Sicherheitslage, tauschen Nachrichten aus Deutschland aus und beraten, wie sie ihre Verfahren doch noch beschleunigen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Eine Liste von \u00fcber 100 Mitgliedern und ihren ehemaligen Arbeitsstellen konnte die taz einsehen. Mit mehreren von ihnen konnten wir sprechen. Alle wollen anonym bleiben, ihre Angaben decken sich aber und ihre Unterlagen st\u00fctzen ihre Aussagen.<\/p>\n<h6>Zusagen bislang nur unzureichend eingel\u00f6st<\/h6>\n<p class=\"article even\">Da w\u00e4re zum Beispiel ein Mann, der bis 2017 f\u00fcr die GIZ gearbeitet hat. \u201eAls ich im August geh\u00f6rt habe, dass uns Deutschland helfen wird, habe ich alles verkauft. Mein Haus, mein Auto, alles\u201c, sagt er. Mit seiner Familie harre er jetzt in einem Hotel aus, solange das Geld reicht. Aus dem Geb\u00e4ude wage auch er sich selten, und selbst drinnen habe er Angst.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Der Mann bef\u00fcrchtet: Sp\u00e4testens seitdem er im August zu den Beh\u00f6rden gegangen ist, um Dokumente f\u00fcr seine Ausreise zu beantragen, m\u00fcsse den Taliban bekannt sein, dass er mit Ausl\u00e4ndern zu tun hatte. \u201eWenn die Taliban wollen, dann k\u00f6nnen sie jederzeit kommen und uns holen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Nun ist es nat\u00fcrlich nicht so, dass es mit einer Aufnahmezusage aus Deutschland getan w\u00e4re. Seit dem Ende der milit\u00e4rischen Luftbr\u00fccke im Sommer stecken auch etliche Ortskr\u00e4fte im Land fest, die von den deutschen Beh\u00f6rden anerkannt sind. Die Landgrenze nach Pakis\u00adtan kann zum Beispiel nur passieren, wer einen Reisepass und ein g\u00fcltiges Visum f\u00fcr Pakistan hat. Den Weg zu den Taliban, die die P\u00e4sse ausstellen und die Grenzstationen kontrollieren, wollen viele aber nicht auf sich nehmen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Vor zwei Wochen organisierte die Bundesregierung zwar erstmals ein eigenes Charterflugzeug f\u00fcr eine Evakuierung aus Kabul, dabei ist es bisher aber auch geblieben. Rund 22.000 Menschen hat Deutschland die Aufnahme zugesagt, noch nicht mal ein Drittel davon hat es bislang nach Deutschland geschafft. Der Weg raus aus Afghanistan sei das \u201eNadel\u00f6hr\u201c, sagt ein Sprecher des Au\u00dfenministeriums.<\/p>\n<h6>Einige fr\u00fchere Ortskr\u00e4fte harren in Nachbarl\u00e4ndern aus<\/h6>\n<p class=\"article even\">Allerdings: Einige der fr\u00fcheren Ortskr\u00e4fte aus der Whatsapp-Gruppe haben es bereits geschafft, ohne Hilfe der Bundesregierung das Land zu verlassen. Sie harren jetzt in Nachbarl\u00e4ndern aus und brauchen dort ihre Ersparnisse auf, obwohl sie jederzeit nach Deutschland fliegen k\u00f6nnten \u2013 wenn die Bundesregierung nur ihre Aufnahmeantr\u00e4ge bearbeiten w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"article odd\">In Pakistan sitzt zum Beispiel eine Frau fest, die von 2014 bis 2016 f\u00fcr ein Demokratieprojekt der GIZ gearbeitet hat. In einer Grenzregion im Norden Afghanistans bildete sie junge Ak\u00adti\u00advis\u00adt*in\u00adnen aus, die sich f\u00fcr Frieden, Demokratie und Menschenrechte einsetzten. In ihrem Aufnahmeersuchen an die GIZ schildert sie, dass sie deshalb Drohungen erhalten habe und bis heute erh\u00e4lt \u2013 per Telefon, \u00fcber Social Media, \u00fcber ihren Ehemann. Ihre Aktivit\u00e4ten seien \u201eantiislamisch\u201c, so der Vorwurf. Sogar mit dem Tod habe man ihr gedroht.<\/p>\n<p class=\"article even\">Ihren Unterlagen hat sie auch ein Empfehlungsschreiben ihres ehemaligen Vorgesetzten bei der GIZ beigef\u00fcgt. Er best\u00e4tigt, dass die Mitarbeiterin ihn 2016 \u00fcber die Drohungen informiert habe. Gemeinsam habe man beschlossen, dass sie sich aus der ersten Reihe zur\u00fcckzieht und den Arbeitgeber wechselt. \u201eAufgrund ihrer damaligen T\u00e4tigkeit ist ihr Leben und ihre k\u00f6rperliche Unversehrtheit in Gefahr\u201c, schreibt er.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Doch auch diese Frau hat bis heute keine Aufnahmezusage. Statt der Bundesregierung brachte eine Menschenrechtsorganisation sie Mitte September in einem Charterflugzeug nach Pakistan, wo sie aktuell mit ihrer Familie in einem Safe House lebt.<\/p>\n<p class=\"article even\">\u201eSolche F\u00e4lle kenne ich auch, das kommt definitiv vor, und nicht nur bei Ortskr\u00e4ften der GIZ\u201c, sagt Matthias Lehnert. Er ist Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Migrationsrecht und vertritt mehrere ehemalige Ortskr\u00e4fte. Eines der Hauptprobleme aus seiner Sicht: Schon am 9. September hat die Bundesregierung die Regeln wieder versch\u00e4rft.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Seitdem reicht es f\u00fcr eine Ausnahmezusage nicht mehr automatisch aus, dass eine Person f\u00fcr deutsche Stellen gearbeitet hat. Stattdessen pr\u00fcft die Regierung wieder in jedem Einzelfall, ob aus der T\u00e4tigkeit eine individuelle Gef\u00e4hrdung folgt. Das senkt die Erfolgsaussichten \u2013 und zieht die Verfahren in die L\u00e4nge. \u201eWie streng gepr\u00fcft wird und wie lange es dauert, l\u00e4sst sich pauschal nicht sagen\u201c, sagt Lehnert. Eine Faustregel: Je l\u00e4nger die Besch\u00e4ftigung her sei, desto l\u00e4nger k\u00f6nne es jetzt dauern.<\/p>\n<h6>Pr\u00fcfung der \u201eindividuellen Bedrohungssituation\u201c<\/h6>\n<p class=\"article even\">Wo genau in der Bundesregierung sich der Flaschenhals befindet, ist mit Sicherheit dennoch nicht zu sagen. Eine Sprecherin der GIZ beteuert: \u201eUnsere Kol\u00adle\u00adg*in\u00adnen bearbeiten die sehr hohe Zahl bei uns eingehender Anfragen schnellstm\u00f6glich.\u201c Man selbst f\u00fchre eine Vorpr\u00fcfung durch, vor allem mit Blick darauf, ob die entsprechende Person tats\u00e4chlich f\u00fcr die GIZ gearbeitet habe. Dann gehen die Unterlagen weiter ans Entwicklungsministerium.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Dort, so ein Sprecher, pr\u00fcfe man vor allem, ob sich die \u201eindividuelle Bedrohungssituation\u201c wegen der T\u00e4tigkeit f\u00fcr die Deutschen \u201evom allgemeinen Gefahrenniveau in Afghanistan abhebt\u201c. Falls ja, gehe der Antrag \u201emit einer Begr\u00fcndung im Einzelfall an das Ausw\u00e4rtige Amt\u201c. Wenn auch das Au\u00dfenministerium Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Aufnahme sieht, entscheidet schlussendlich das Innenministerium \u00fcber eine Zusage.<\/p>\n<p class=\"article even\">Unklar bleibt, wie streng die Regierung das Risiko pr\u00fcft und welche Belege sie sehen will. Die GIZ erkl\u00e4rt nicht, warum sie Anfragen nicht beantwortet. Und kein Ministerium will verraten, wie viele Antr\u00e4ge noch unbearbeitet sind und wie hoch die Ablehnungsquote ist.<\/p>\n<p class=\"article odd\">\u00d6ffentlich zug\u00e4ngliche Zahlen zeigen nur, dass die Bundesregierung nach den Ende der milit\u00e4rischen Luftbr\u00fccke im August nur noch tr\u00f6pfchenweise Zusagen erteilt hat. Laut der Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten G\u00f6kay Akbulut gab es im Oktober sogar eine Woche, in der \u00fcber alle Ressorts hinweg nur eine einzige Person neu anerkannt wurde.<\/p>\n<p class=\"article even\">W\u00e4hrenddessen sitzen in Afghanistan und in den Nachbarl\u00e4ndern Menschen in ihren H\u00e4usern fest, in ihren Hotels und in ihren Safe Houses, die f\u00fcr sie zum Wartesaal geworden sind. Ob irgendeine deutsche Beh\u00f6rde bei ihnen nachgehakt hat, inwiefern ihr Job sie in Gefahr gebracht hat? Ob jemand nach Beweisen gefragt hat?<\/p>\n<p class=\"article last odd\">Nein, antwortet ein Mann, der 16 Jahre f\u00fcr die GIZ als Fahrer gearbeitet hat, bevor er 2018 in den Ruhestand ging. Es habe wirklich niemand auf seine E-Mails aus dem August geantwortet und das GIZ-B\u00fcro vor Ort sei seitdem ja geschlossen. Aber die Taliban h\u00e4tten heute seinen Sohn abgefangen. Sie h\u00e4tten erst sein Handy durchsucht und ihn dann geschlagen. \u201eWir wissen nicht weiter\u201c, schreibt er. \u201eWas k\u00f6nnen wir hier noch machen?\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Verzweifelte-Ortskraefte-in-Afghanistan\/!5815312\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">Quelle: taz<\/span><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung hat ihren afghanischen Ortskr\u00e4ften zugesagt, sie aus dem Land zu holen. Bis heute sitzt der Gro\u00dfteil aber in Afghanistan fest. &nbsp; In Kundus sitzt ein Mann in seinem Haus und wartet auf eine E-Mail der Bundesregierung. Seit drei Monaten schon, von morgens bis abends. 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