{"id":1775,"date":"2021-05-28T18:57:00","date_gmt":"2021-05-28T18:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1775"},"modified":"2021-05-28T18:57:00","modified_gmt":"2021-05-28T18:57:00","slug":"gefluechtete-in-der-pandemie-laptops-gibts-spaeter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/gefluechtete-in-der-pandemie-laptops-gibts-spaeter\/","title":{"rendered":"Gefl\u00fcchtete in der Pandemie: Laptops gibt\u2019s sp\u00e4ter"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">W\u00e4hrend des Distanzunterrichts waren gefl\u00fcchtete Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen auf Laptops angewiesen \u2013 diese fehlten oft. Auch die psychische Belastung ist hoch.<\/span><\/p>\n<p class=\"article first odd Initial\">Parnian Amiri sitzt auf einer Parkbank in Charlottenburg-Wilmersdorf und h\u00e4lt ihr Smartphone mit beiden H\u00e4nden fest. \u00dcber den kleinen Bildschirm hat die 23-j\u00e4hrige Sch\u00fclerin die letzten Monate den Online-Unterricht am Charlotte-Wolff-Kolleg (CWK) verfolgt. Teilweise fiel es ihr schwer, inhaltlich zu folgen, weil sie sich schlecht konzentrieren konnte. \u201eIch habe dadurch sicher weniger gelernt\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p class=\"article even Initial\">Amiri ist 2017 gemeinsam mit ihren Eltern aus dem Iran nach Berlin gefl\u00fcchtet. Hier hat sie ihren mittleren Schulabschluss nachgeholt, nachdem ihr iranisches Abitur nicht anerkannt wurde. Nun ist sie in einem Abitur-Vorbereitungskurs des CWK, um die Reifepr\u00fcfung auf dem zweiten Bildungsweg zu erlangen. Das Problem: Ohne Laptop ist das m\u00fchsamer, als es sein m\u00fcsste.<\/p>\n<div class=\"article rack no2\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_text \" role=\"region\">\n<div class=\"secthead\" role=\"heading\">\n<h2><a name=\"Ger\u00e4te f\u00fcrs Homeschooling\"><\/a>Ger\u00e4te f\u00fcrs Homeschooling<\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<p><b>Leihger\u00e4te<\/b> werden von Schulen f\u00fcr sozial benachteiligte Sch\u00fcler*innen, die auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes angewiesen sind oder kein eigenes digitales Endger\u00e4t besitzen, zur Verf\u00fcgung gestellt. Finanziert werden die Tablets \u00fcber die Senatsverwaltung f\u00fcr Bildung, Jugend und Familie aus Landes- und Bundesprogrammen. In Berlin wurden bisher \u00fcber 50.000 Tablets verteilt.<\/p>\n<p>\u00dcbers <b>Jobcenter<\/b> bekommen Sch\u00fcler*innen, deren Familie oder die selbst Geld von einem Jobcenter gekommen, unter 25 Jahre alt sind und \u00fcber die Schule kein Ger\u00e4t f\u00fcr das Homeschooling ausleihen k\u00f6nnen, im Regelfall 350 Euro. Das Darlehen wird in einen Zuschuss umgewandelt. F\u00fcr Gefl\u00fcchtete, deren Asylverfahren noch l\u00e4uft, ist das Landesamt f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsangelegenheiten zust\u00e4ndig. <i>(din)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\">Seit das CWK Ende November 2020, zu Beginn der dritten Coronawelle, auf Online-Unterricht umstellen musste, hatte Amiri keinen eigenen Laptop \u2013 und damit ist sie in ihrer Klasse nicht die Einzige. Von 20 gefl\u00fcchteten Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen des Vorbereitungskurses sind es momentan acht, die ohne Laptop am Unterricht teilnehmen. Seit Ende der Osterferien kommt die Klasse wieder in Pr\u00e4senz zusammen, dennoch sei ein Laptop heutzutage unabdingbar, sagt Saniye Kocadag.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die 47-j\u00e4hrige Sozialarbeiterin des Beratungs- und Betreuungszentrums f\u00fcr junge Gefl\u00fcchtete und Mi\u00adgran\u00adt*in\u00adnen (BBZ) ist die Ansprechpartnerin f\u00fcr Amiri und ihre Klassenkamerad*innen, die alle aus ihrem Heimatland gefl\u00fcchtet sind. Kocadag unterst\u00fctzt die Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen nicht nur seelisch, sondern hilft zusammen mit ihren BBZ-Kol\u00adle\u00adg*in\u00adnen auch beim Ausf\u00fcllen jeglicher Antr\u00e4ge. Schon vor dem Distanzunterricht habe das BBZ begonnen, Laptops f\u00fcr die Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen zu beantragen. \u201eDas braucht man einfach, um das Abitur abzulegen\u201c, sagt Kocadag.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Bislang fehlen die Zahlen<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Wie viele junge Gefl\u00fcchtete w\u00e4hrend des Distanzunterrichts ohne Laptop lernen mussten, l\u00e4sst sich nur schwer sagen. Zahlen w\u00fcrden dazu nicht erhoben, sagt Lydia Puschnerus, Leiterin des Vorstandsbereichs Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin. Puschnerus unterrichtet an einer Willkommensklasse des Robert-Blum-Gymnasiums in Sch\u00f6neberg und betont, dass die Probleme beim Distanzunterricht unabh\u00e4ngig vom Fluchthintergrund seien. Dennoch \u201etrifft es Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen mit Migrationshintergrund, die erst kurze Zeit im Schulsystem verbracht haben, schwerer\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Bereits im September vergangenen Jahres hat Amiri beim Landesamt f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsangelegenheiten (LAF) einen Laptop beantragt \u2013 ohne Erfolg. Im Februar erkl\u00e4rte die Senatsverwaltung f\u00fcr Integration, Arbeit und Soziales in einem Rundschreiben dann, dass Sch\u00fcler*innen, deren Schule keine digitalen Endger\u00e4te zur Verf\u00fcgung stellt, hierf\u00fcr ein Darlehen beantragen k\u00f6nnen, das nicht zur\u00fcckgezahlt werden muss.<\/p>\n<p class=\"article even\">Amiri stellt im M\u00e4rz erneut einen Antrag. Wieder wurde dieser nicht angenommen. Die Begr\u00fcndung: Amiri h\u00e4tte nicht das richtige Formular ausgef\u00fcllt, das LAF verwies auf ein \u00fcberarbeitetes Antragsformular, welches auszuf\u00fcllen sei. Dieses unterscheide sich aber nicht von dem davor ver\u00f6ffentlichten Vordruck, sagt Kocadag, die den Prozess begleitet hat. Durch den Distanzunterricht h\u00e4tten die Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen sowieso schon so viele Defizite, da f\u00fchle sich die B\u00fcrokratie manchmal so an, \u201eals ob Schikane dahinter ist\u201c, sagt Kocadag und meint damit F\u00e4lle wie den von Amiri, bei denen Antr\u00e4ge nur schleppend bewilligt werden.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Weil viele vom BBZ betreute Gefl\u00fcchtete den Distanzunterricht via Smartphone bestreiten mussten, hat das BBZ bereits im September 2020 anwaltlichen Beistand f\u00fcr die Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen organisiert. Am Ende haben jedoch nur 22 der vom BBZ betreuten Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen geklagt, nachdem sie vom \u00f6rtlich zust\u00e4ndigen Jobcenter keinen Laptop bewilligt bekommen haben.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Die Pandemie sorgt f\u00fcr psychische Belastungen<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Neben Amiri hatte auch ihre Klassenkameradin Hava Morina keinen Laptop f\u00fcr den Distanzunterricht. Die 21-J\u00e4hrige ist 2014 mit ihren Eltern aus dem Kosovo nach Berlin gekommen. Heute lebt sie alleine, nachdem ihre Eltern im Mai 2016 ausgewiesen wurden, da das Kosovo nach dem Asylgesetz als sicheres Herkunftsland gilt. Morina entging der Abschiebung nur durch einen Zufall: Sie war nicht zu Hause, als die Polizei ihre Eltern abgeholt hat.<\/p>\n<div class=\"article rack no12\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_quote \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody quote obj\">\n<p>\u201eDie Mehrheit hat sich nicht getraut. Es ist den Leuten fremd, f\u00fcr ihre Rechte zu k\u00e4mpfen\u201c, sagt Kocadag<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\">Durch die H\u00e4rtefallregelung bekam sie damals eine Aufenthaltserlaubnis, die zuletzt aufgrund ihres Schulbesuchs bis 2024 verl\u00e4ngert wurde. Im Gegensatz zu Amiri lief der Prozess bei Morina reibungslos ab: Sie hat im April ihren Antrag gestellt und rund zwei Wochen sp\u00e4ter 311 Euro vom Jobcenter f\u00fcr ein digitales Endger\u00e4t \u00fcberwiesen bekommen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Was Morina w\u00e4hrend der Pandemie jedoch eher belaste, sei die Einsamkeit, sagt sie. Anfangs hat die Sch\u00fclerin versucht, dem mit Onlineangeboten entgegenzuwirken. Von Yoga \u00fcber Fitness habe sie alles ausprobiert. Das ersetzt aber nicht ihre Freund*innen, mit denen sie sich vor der Krise t\u00e4glich abends getroffen hat. Gerade in den letzten Wochen habe sie in ihrer Wohnung, alleine, ohne Familie, viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Als sie dann vor einigen Wochen auch noch Corona bekam und einen Monat zu Hause bleiben musste, wurden ihre Gedanken sehr negativ. \u201eMacht das Leben noch einen Sinn?\u201c, habe sie sich gefragt.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Vor der Pandemie h\u00e4tten sich die Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen nicht so depressiv ge\u00e4u\u00dfert, sagt Kocadag, \u201edas hat sich durch Corona verschlimmert\u201c. Das zeigen auch die Ergebnisse einer <a href=\"https:\/\/b-umf.de\/material\/umfrage-2019\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Online-Umfrage des Bundesfachverbands unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge e. V<\/a>.: Gerade junge Menschen w\u00fcrden durch die Coronakrise unter einer psychischen Instabilit\u00e4t leiden. F\u00fcr die Studie haben 1.026 Fachkr\u00e4fte Auskunft \u00fcber die Situation von unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen und jungen Erwachsenen sowie von Kindern und Jugendlichen in Familienbegleitung gegeben.<\/p>\n<p class=\"article even\">F\u00fcr Berlin wurden keine Zahlen erhoben, erkl\u00e4rt Johanna Karpenstein, die Projektleiterin. Das sei bisher noch eine \u201eempirische L\u00fccke\u201c. Dennoch unterstreicht die Studie, dass die psychische Gesundheit nach Aussage der Fachkr\u00e4fte w\u00e4hrend der Corona-Beschr\u00e4nkungen negativ beeinflusst wurde, weil psychisch stabilisierende Freizeitangebote nicht stattfinden konnten. Das hat sich auch am BBZ in Berlin bemerkbar gemacht.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Darlehnen reicht nicht f\u00fcr Laptop-Zubeh\u00f6r<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Um die Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen als Gruppe zu vernetzen, wurden durch das BBZ alternative Online-Treffen angeboten. \u201eDamit haben wir bei Weitem aber nicht alle Sch\u00fcler erreicht\u201c, sagt Kocadag. Wie beim Distanzunterricht seien auch bei den Freizeitaktivit\u00e4ten technische Probleme aufgetreten, sodass nicht alle teilnehmen konnten. Neben fehlenden digitalen Endger\u00e4ten k\u00f6nnten sich viele Gefl\u00fcchtete kein WLAN leisten und mit mobilen Daten funktionieren die Videokonferenzen nur schlecht.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Laut dem LAF seien bis Ende April dieses Jahres 1.326 Antr\u00e4ge auf digitale Endger\u00e4te bearbeitet worden. \u201eRund 90 Prozent der Antr\u00e4ge wurden bewilligt\u201c, so Monika Hebbinghaus, Pressereferentin des LAF. Ablehnungen resultierten aus fehlender Zust\u00e4ndigkeit, bereits durch die Schule zur Verf\u00fcgung gestellten Leihger\u00e4ten oder nicht anerkannten Bildungsg\u00e4ngen.<\/p>\n<p class=\"article even\">In der Zwischenzeit wurde auch Amiris Laptop-Antrag vom LAF bewilligt. Sie erh\u00e4lt rund sieben Monate nachdem sie ihren Erstantrag gestellt hat, ein Darlehen von 250 Euro. \u201eDa bleibt kein Geld f\u00fcr die Software oder eine Maus\u201c, sagt Kocadag. F\u00fcr die Sozialarbeiterin ist deshalb klar, dass sie gemeinsam mit Amiri Widerspruch einlegen wird. Zum einen, weil die anderen Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen im Schnitt rund 100 Euro mehr bekommen h\u00e4tten, und zum anderen, weil Laptops auch f\u00fcr den Pr\u00e4senzunterricht notwendig seien.<\/p>\n<p class=\"article last odd\">Schlie\u00dflich, so ist zumindest zu hoffen, wird die Digita\u00adli\u00adsie\u00adrungs\u00adof\u00adfen\u00adsive unter Corona in den Schulen nicht einfach zur\u00fcckgedreht, sobald das ersehnte Pandemieende n\u00e4herr\u00fcckt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Gefluechtete-in-der-Pandemie\/!5769442\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend des Distanzunterrichts waren gefl\u00fcchtete Sch\u00fc\u00adle\u00adr*in\u00adnen auf Laptops angewiesen \u2013 diese fehlten oft. Auch die psychische Belastung ist hoch. 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