{"id":1674,"date":"2020-07-17T09:00:03","date_gmt":"2020-07-17T09:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1674"},"modified":"2020-07-17T09:00:03","modified_gmt":"2020-07-17T09:00:03","slug":"interview-mit-fluechtlingsberater-80-bis-85-prozent-werden-abgelehnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/interview-mit-fluechtlingsberater-80-bis-85-prozent-werden-abgelehnt\/","title":{"rendered":"Interview mit Fl\u00fcchtlingsberater: \u201e80 bis 85 Prozent werden abgelehnt\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Nicolas Chevreux ber\u00e4t Gefl\u00fcchtete mit Angeh\u00f6rigen in griechischen Lagern. Vorschriften machten Familienzusammenf\u00fchrungen fast unm\u00f6glich, sagt er.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\"><strong>taz: Herr Chevreux, Sie sind Asylverfahrensberater bei der Awo Berlin-Mitte und beraten unter anderem Gefl\u00fcchtete, die von Angeh\u00f6rigen getrennt sind. Kommt das oft vor?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Nicolas Chevreux:<\/strong> Ich habe quasi t\u00e4glich mit solchen F\u00e4llen zu tun. Viele Menschen werden im Zuge ihrer Flucht getrennt.<\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Was k\u00f6nnen Sie tun?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Zun\u00e4chst muss man wissen: Es gibt rechtlich zwei M\u00f6glichkeiten, Familienangeh\u00f6rige nach Deutschland zu holen. Beim \u201eFamiliennachzug\u201c geht die Person, die herkommen m\u00f6chte, zur deutschen Botschaft in ihrem Land. Sie sagt: Mein Kind, mein Ehemann, meine Mutter hat einen Schutzstatus in Deutschland. Aufgrund des Aufenthaltsgesetzes kann die Person dann ein Visum beantragen. Der zweite Weg ist die \u201eFamilienzusammenf\u00fchrung\u201c nach der EU-Dublin-III-Verordnung. Die gilt aber nur f\u00fcr Familienangeh\u00f6rige, die schon in einem EU-Land sind. Dann muss zum Beispiel Griechenland einen Aufnahmeantrag an Deutschland stellen, damit die Fl\u00fcchtlinge zu ihren Verwandten hierherkommen k\u00f6nnen. Hintergrund ist, dass die Asylverfahren einer Familie in einem Land durchgef\u00fchrt werden sollten.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Das macht Sinn!<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, durchaus.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Wie gut klappt das, Angeh\u00f6rige aus Griechenland hierherzuholen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Es ist selten, dass ich Erfolg habe. Fr\u00fcher wurde etwa die H\u00e4lfte der \u00dcbernahmeantr\u00e4ge aus Griechenland vom Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge, Bamf, abgelehnt, inzwischen 80 bis 85 Prozent <em>(siehe Text rechts, Anm. d. Red.<\/em>). Und die angenommen werden, hatten fast alle erst nach einer Remonstration, also einer Beschwerde, Erfolg. Interessant ist auch, dass Antr\u00e4ge aus anderen EU-Staaten, etwa Schweden oder Niederlande, viel \u00f6fter angenommen werden als aus Griechenland.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Wie werden die Ablehnungen begr\u00fcndet?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Oft wird gesagt, dass die Verwandtschaft zwischen den Personen nicht belegt ist. Weil es zum Beispiel keine Geburtsurkunde gibt oder die Menschen aus L\u00e4ndern kommen, wo die Dokumente sehr leicht zu f\u00e4lschen sind. Das Bundesamt hat oft Zweifel an der Echtheit von Dokumenten, etwa aus Afghanistan.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Was gibt es noch?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Viele Gefl\u00fcchtete haben ihre Dokumente nicht \u00fcbersetzt. Auf Lesbos ist es aber schwierig, eine \u00dcbersetzung, sagen wir von Farsi ins Deutsche, zu bekommen. Das Bamf lehnt auch solche Anfragen ohne beglaubigt \u00fcbersetzte Dokumente ab. Ob das rechtlich geht, ist meines Wissens strittig. Aber so passiert es. Strittig sind auch F\u00e4lle, wo es nicht um direkte Familie geht, wie Eltern und Kinder, sondern um abh\u00e4ngige Personen, auf die ein Verwandter in Berlin aufpassen kann und m\u00f6chte: etwa den behinderten Cousin oder die schwer traumatisierte Tante. Da muss man die Verwandtschaft nicht unbedingt beweisen, das geht ja auch gar nicht. Aber dann muss man zeigen, dass der Fall besonders schwer ist. Solche Antr\u00e4ge werden vom Bamf aber fast immer abgelehnt, die besondere Schwere des Falls wird nicht gesehen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Was w\u00e4re denn aus Ihrer Sicht ein schwerer Fall?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Nehmen wir Frau A., eine Klientin aus Afghanistan, die ich betreue. Sie ist 29 Jahre alt, lebt seit einiger Zeit in Berlin, ist als Fl\u00fcchtling anerkannt, hat Arbeit und Wohnung. Ihr Vater, Herr B., hat nur ein Bein und lebt alleine im Fl\u00fcchtlingslager Moria auf Lesbos. Es ist ja bekannt, dass die Umst\u00e4nde dort schon f\u00fcr Gesunde sehr schwierig sind. Aber wenn man behindert ist, ist das Leben dort noch viel schwieriger. Das haben wir dem Bamf so geschrieben, aber der Antrag wurde abgelehnt mit der Begr\u00fcndung, dass Herr B. \u201ekeine besondere H\u00e4rte\u201c sei.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Was k\u00f6nnen Sie machen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Man kann klagen gegen das Bamf. Es gibt aber nur wenige Anw\u00e4lte in Deutschland, die solche F\u00e4lle \u00fcbernehmen, und nur wenige Klagen haben Erfolg. Das Problem ist nat\u00fcrlich, dass der Kl\u00e4ger in Griechenland sitzt, auf Lesbos aber nur schwer Zugang zu Rechtsberatungen und -beistand hat.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Sie haben selbst zweimal ehrenamtlich in Moria gearbeitet. Wie funktioniert das dort?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Es gibt mehrere NGOs, die dort Rechtsberatung anbieten. Ich selbst habe f\u00fcr eine deutsch-griechische Organisation namens European Lawyers in Lesvos gearbeitet. Vormittags haben wir im Lager beraten, nachmittags in einem B\u00fcro in der Stadt Moria. Aber das alles war vor Corona. Jetzt ist es noch viel schwieriger: Die Beratungen finden nach meiner Kenntnis nicht mehr in Moria, sondern nur noch in der Inselhauptstadt Mytilini statt. Das erschwert den Zugang zu Beratungen erheblich.<\/p>\n<div class=\"article rack no18\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_text \" role=\"region\">\n<div class=\"secthead\" role=\"heading\">\n<h2><a name=\"Kaum Hoffnung\"><\/a>Kaum Hoffnung<\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<p>Auch wenn die griechische Regierung inzwischen verst\u00e4rkt Fl\u00fcchtlinge von den Inseln aufs Festland bringen l\u00e4sst, sind die Inselcamps weiter hoffnungslos \u00fcberf\u00fcllt. Im gr\u00f6\u00dften Lager Moria auf Lesbos, das f\u00fcr 3.000 Menschen ausgerichtet ist, sollen sich derzeit rund 15.000 befinden, zeitweise waren es \u00fcber 20.000. Nach Aussage von Berliner Hilfsorganisationen, die auf den Inseln aktiv sind, machen sich derzeit wieder vermehrt Gefl\u00fcchtete illegal \u00fcber die \u201eBalkanroute\u201c auf den Weg nach Deutschland. Der Fl\u00fcchtlingsrat Berlin hat k\u00fcrzlich ein paar F\u00e4lle mit Berlin-Bezug vorgestellt, darunter den von Frau A.und ihrem Vater <i>(siehe Interview).<\/i>Unverst\u00e4ndlich scheint auch der Fall von Ahmed* (19) in Berlin und seinem Bruder Omar* (17) auf der Insel Samos. Obwohl laut Artikel 8 der Dublin-Verordnung f\u00fcr minderj\u00e4hrige Antragsteller das EU-Land zust\u00e4ndig ist, in dem sich vollj\u00e4hrige Verwandte aufhalten, lehnte das Bamf den Fall laut Fl\u00fcchtlingsrat ab. Die Br\u00fcder vermuten, dass das Amt abwarten will, bis Omar vollj\u00e4hrig ist. Dann w\u00e4re die Familienzusammenf\u00fchrung noch schwieriger. Die NGO Equal Rights Beyond Borders will laut Fl\u00fcchtlingsrat Rechtsmittel gegen die Entscheidung einlegen. <i>(sum)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\"><strong>Wie kommen die Leute denn zu Ihnen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Grunds\u00e4tzlich m\u00fcssen die Leute im Chaos des \u00fcberf\u00fcllten Lagers von sich aus den Weg zu uns finden. Die griechischen Beh\u00f6rden, die die Asylantr\u00e4ge bearbeiten, haben keine Zeit f\u00fcr Beratung, etwa welche Papiere die Leute f\u00fcr eine Familienzusammenf\u00fchrung brauchen. So habe ich den Vater von Frau A. kennengelernt. Er kam in Moria in unsere Beratung und fragte, wie er zu seiner Tochter nach Berlin kommen k\u00f6nnte. Der Kontakt war einfach, weil Frau A. Deutsch spricht. Ich konnte sie anrufen und sp\u00e4ter, als ich zur\u00fcck war, in Berlin treffen. Wir haben die Dokumente zusammengesammelt, dann hat der Vater sie in Moria abgegeben, und die griechischen Beh\u00f6rden haben die \u00dcbernahmeanfrage an Deutschland gestellt. Da f\u00e4llt mir ein: Grunds\u00e4tzlich gibt es bei diesem Prozedere \u00fcbrigens noch ein schwerwiegendes Problem.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Welches?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Bei einer Familienzusammenf\u00fchrung d\u00fcrfen zwischen Einreise in die EU und Aufnahmegesuch nur drei Monate liegen. Das ist schwierig bei den Umst\u00e4nden in Moria, wenn man die Unterlagen nicht hat, die Informationen, wo man hingehen muss, die \u00dcbersetzungen von Dokumenten. Wir hatten schon oft F\u00e4lle, wo die Frist vers\u00e4umt wurde. Im Ausnahmefall bei besonderen H\u00e4rten kann die Anfrage zwar auch versp\u00e4tet kommen \u2013 aber solche Antr\u00e4ge werden eigentlich fast immer abgelehnt.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Herr A. war aber nicht zu sp\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Nein. Er kam im Dezember 2019 auf Lesbos an, Anfang Februar haben wir den Antrag gestellt.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Was macht das mit den Menschen? Wenn Sie ihnen sagen m\u00fcssen, das wird nichts mit der Familienzusammenf\u00fchrung?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ach! Es ist schon schrecklich, wenn ich jemandem erkl\u00e4ren muss, dass sein oder ihr Asylantrag abgelehnt wurde \u2013 die Leute weinen und jammern. Aber wenn ich sagen muss, dass der Ehepartner, die Kinder nicht nachkommen kann \u2013 das zerst\u00f6rt die Menschen. Das ist die schlimmste Situation, die ich in meiner Beratungsarbeit habe. Aber die Leute geben nicht auf: Ich haben den Eindruck, dass viele sich illegal auf den Weg aufmachen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Und dann?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Sie k\u00f6nnen hier einen Asylantrag stellen. Das triggert dann die Dublin-Verordnung, sie haben ja schon einen Antrag in Griechenland laufen. Sie k\u00f6nnen auch abgeschoben werden, aber das passiert nicht so oft. Im vorigen Jahr sind um die 150 Menschen aus Deutschland zur\u00fcck nach Griechenland abgeschoben worden. Also, das Risiko gibt es, aber die Menschen versuchen es. Und immerhin: Deutschland trennt selbst keine Familien. Wenn also der Teil, der schon l\u00e4nger in Deutschland ist, hier bereits einen Aufenthaltstitel bekommen hat, kann auch der andere Familienteil unter manchen Voraussetzungen hierbleiben, selbst wenn er illegal aus Griechenland hergekommen ist.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Kennen Sie F\u00e4lle, wo das geklappt hat?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article last even\">Ja. Das bedeutet also, die Situation ist am Ende dieselbe, egal ob die Leute legal oder illegal hierherkommen. Aber f\u00fcr die Familien ist das ganze Prozedere reine Zeitverschwendung, teuer und gef\u00e4hrlich. Dazu kommen die Schmerzen der oft jahrelangen Trennung. Die gleichen Trag\u00f6dien sehen wir \u00fcbrigens beim Familiennachzug. Wir versuchen ja auch Menschen aus Nigeria, Eritrea oder anderen Staaten nachzuholen. Wenn das nicht klappt, machen sie sich auch allein auf den Weg. So haben wir schon Menschen in unserer Beratung gehabt, die erz\u00e4hlten, ihr Ehepartner oder Kind sei im Mittelmeer ertrunken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Interview-mit-Fluechtlingsberater\/!5694842\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">Quelle: taz<\/span><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicolas Chevreux ber\u00e4t Gefl\u00fcchtete mit Angeh\u00f6rigen in griechischen Lagern. Vorschriften machten Familienzusammenf\u00fchrungen fast unm\u00f6glich, sagt er. &nbsp; taz: Herr Chevreux, Sie sind Asylverfahrensberater bei der Awo Berlin-Mitte und beraten unter anderem Gefl\u00fcchtete, die von Angeh\u00f6rigen getrennt sind. Kommt das oft vor? Nicolas Chevreux: Ich habe quasi t\u00e4glich mit solchen F\u00e4llen zu tun. 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