{"id":1664,"date":"2020-06-15T09:21:39","date_gmt":"2020-06-15T09:21:39","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1664"},"modified":"2020-06-15T09:21:39","modified_gmt":"2020-06-15T09:21:39","slug":"migrationspolitik-die-superkommunikatoren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/migrationspolitik-die-superkommunikatoren\/","title":{"rendered":"Migrationspolitik: Die Superkommunikatoren"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Politikwissenschaftlerin Katarina Niewiedzial ist seit 2019 Integrationsbeauftrage des Landes Berlin. <\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Europa die Corona-Pandemie zu \u00fcberwinden scheint, richtet sich der Blick zunehmend auf ihre politischen, gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Folgen. Fest steht aber schon jetzt: Besonders stark treffen sie <a href=\"https:\/\/m.tagesspiegel.de\/politik\/bericht-der-antidiskriminierungsstelle-rassismus-bleibt-das-hauptproblem\/25898410.html\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer\">Menschen mit Migrationsgeschichte<\/a>.<\/p>\n<p>Denn einerseits arbeiten Migrantinnen und Migranten h\u00e4ufig in systemrelevanten Berufen. Vor allem im Dienstleistungs- und Pflegebereich sind sie \u00fcberproportional vertreten \u2013 etwa in der Altenpflege, bei der Paketauslieferung oder als Berufskraftfahrer. In den vergangenen Monaten lie\u00df sich zudem beobachten, wie abh\u00e4ngig die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie von zugewanderten Arbeitskr\u00e4ften aus Rum\u00e4nien oder auch Polen sind. Bei vielen dieser T\u00e4tigkeiten besteht ein hohes Infektionsrisiko.<\/p>\n<p>Zugleich sp\u00fcren Migranten st\u00e4rker als andere Gruppen die <a href=\"https:\/\/m.tagesspiegel.de\/wissen\/neues-forschungsinstitut-zum-gesellschaftlichen-zusammenhalt-die-polarisierung-der-gesellschaft-verstehen\/25869990.html\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer\">Folgen der Krise<\/a>. Seit Beginn der Pandemie haben in Berlin mehr als 20000 Menschen ohne deutschen Pass ihre Arbeit verloren \u2013 rund 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Kein Wunder, denn viele von ihnen sind im prek\u00e4ren Niedriglohnsektor besch\u00e4ftigt: Sie arbeiten in Gastronomie und Hotels, haben Aushilfsjobs im Einzelhandel und in Industrie und Logistik. Au\u00dferdem gibt es in der Hauptstadt 89000 Selbst\u00e4ndige mit Migrationsgeschichte.<\/p>\n<h3>Doppelter und dreifacher Schaden<\/h3>\n<p>Viele betreiben kleinere Unternehmen wie Restaurants, die unter den Coronaregeln besonders leiden und teilweise vor dem Aus stehen. Wenn diese Menschen ihre Arbeit verlieren, trifft sie das doppelt und dreifach, denn f\u00fcr viele h\u00e4ngt der Aufenthaltsstatus an Ausbildung oder Arbeitsplatz. Hinzu kommt der Druck, die Familie in der Heimat finanziell unterst\u00fctzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch die Gefl\u00fcchteten sp\u00fcren die Coronakrise besonders heftig, vor allem wenn sie in gro\u00dfen Unterk\u00fcnften leben. Beengte Wohnverh\u00e4ltnisse bringen eine hohe Ansteckungsgefahr mit sich und stellen gerade Familien vor Herausforderungen: Wo sollen die Kinder spielen? Wie l\u00e4sst sich das Homeschooling organisieren?<\/p>\n<p>Viele Eltern sind aufgrund ihrer fehlenden Sprachkenntnisse nicht in der Lage, bei den Schulaufgaben zu helfen. Und weil die Unterk\u00fcnfte nicht ausreichend mit WLAN ausgestattet sind und Notebooks fehlen, k\u00f6nnen ihre Kinder die digitalen Angebote oft nicht wahrnehmen. Somit verst\u00e4rkt Corona die Bildungsungleichheit massiv \u2013 mit fatalen Folgen.<\/p>\n<p>Neben der sozialen Ungleichheit nehmen auch Anfeindungen gegen Menschen mit Migrationsgeschichte massiv zu. Besonders betroffen sind Menschen asiatischer Herkunft. Ihnen wird unterstellt, sie h\u00e4tten das Virus nach Deutschland eingeschleppt. Dass Initiativen wie #Ich bin kein Virus \u00fcberhaupt notwendig sind, ist ein Skandal.<\/p>\n<h3>Kampf gegen strukturellen Rassismus<\/h3>\n<p>Es ist ein gutes Signal, dass das Berliner Abgeordnetenhaus in der vergangenen Woche das Landesantidiskriminierungsgesetz verabschiedet hat, um Rassismus strukturell zu bek\u00e4mpfen. Dies ist ein Erfolg auch der Berliner Migrantenorganisationen, die seit mehr als 20 Jahren wirksamen Schutz gefordert haben.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt leisten diese Vereine und Organisationen gerade jetzt eine wichtige Arbeit, die kaum wahrgenommen wird. Beispielsweise haben sie die Regelungen zu Hygiene, Kontaktbeschr\u00e4nkungen, Schulschlie\u00dfungen oder Soforthilfepaketen f\u00fcr ihre jeweiligen Communities \u00fcbersetzt und erl\u00e4utert. Und st\u00e4ndig kommen neue Themen dazu: Darf der Arbeitgeber k\u00fcndigen? Was tun, wenn die Miete nicht mehr gezahlt werden kann? Wer kann bei der Nutzung der Lernplattformen helfen?<\/p>\n<p>Es ist beeindruckend, wie schnell sie ihre Beratungs- und Vernetzungsangebote an die neuen Herausforderungen angepasst haben \u2013 meistens auf ehrenamtlicher Basis. Zahlreiche neue Ideen und kleine Projekte sind entstanden, um Menschen trotz der neuen H\u00fcrden zu erreichen. Dabei funktionieren migrantische Vereine und Organisation wie Seismografen: Sie sp\u00fcren dr\u00e4ngende Themen in den Communities auf und spiegeln sie den politischen Entscheidungstr\u00e4gern zur\u00fcck.<\/p>\n<h3>Integration darf nicht nur freiwillige Verpflichtung sein<\/h3>\n<p>Gerade jetzt ist die Zeit, die Arbeit der Migrantenorganisationen anzuerkennen, die staatliches Handeln kommunizieren. Bis auf wenige Ausnahmen basiert die Unterst\u00fctzung dieser Organisationen auf zeitlich begrenzten Projekten, die bei erstbester Gelegenheit auch wieder beendet werden k\u00f6nnen. Denn noch immer ist Integrationsarbeit in den kommunalen Verwaltungen nur eine freiwillige Selbstverpflichtung.<\/p>\n<p>Viele Vereine und Initiativen bef\u00fcrchten nun, Opfer der Krise zu werden. Deshalb m\u00fcssen wir die Vereine finanziell besser ausstatten, ihnen einen Schutzschirm spannen, das Denken in Projekten und F\u00f6rderperioden hinter uns lassen. Unsere Integrationspolitik war zu lange auf Sand gebaut. Sie muss gesetzlich st\u00e4rker verankert werden.<\/p>\n<p>Ein zentraler Baustein daf\u00fcr ist die Novellierung des Berliner Partizipations- und Integrationsgesetzes, das noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden soll. Es geht dabei unter anderem um eine gesetzliche St\u00e4rkung von Migrantenorganisationen als zentrale Partner des Staates.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/m.tagesspiegel.de\/politik\/migrationspolitik-die-superkommunikatoren\/25911450.html?utm_referrer=http%3A%2F%2Fm.facebook.com%2F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quelle: Tagesspiegel<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Politikwissenschaftlerin Katarina Niewiedzial ist seit 2019 Integrationsbeauftrage des Landes Berlin. W\u00e4hrend Europa die Corona-Pandemie zu \u00fcberwinden scheint, richtet sich der Blick zunehmend auf ihre politischen, gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Folgen. Fest steht aber schon jetzt: Besonders stark treffen sie Menschen mit Migrationsgeschichte. Denn einerseits arbeiten Migrantinnen und Migranten h\u00e4ufig in systemrelevanten Berufen. 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