{"id":1649,"date":"2020-05-02T20:04:44","date_gmt":"2020-05-02T20:04:44","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1649"},"modified":"2020-05-02T20:04:44","modified_gmt":"2020-05-02T20:04:44","slug":"eingesperrt-und-ausgeliefert-corona-in-deutschen-fluechtlingsunterkuenften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/eingesperrt-und-ausgeliefert-corona-in-deutschen-fluechtlingsunterkuenften\/","title":{"rendered":"Eingesperrt und ausgeliefert: Corona in deutschen Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften"},"content":{"rendered":"<p class=\"text small\"><strong>Georg Restle:<\/strong> \u201eKein ausreichender Schutz f\u00fcr besonders Schutzbed\u00fcrftige? Das gilt nicht nur f\u00fcr Gef\u00e4ngnisse. In den letzten Wochen machten einige Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte Schlagzeilen, weil sich dort das Corona-Virus rasant ausbreitete. Vor allem deshalb, weil die dort Lebenden kaum eine Chance hatten, sich ausreichend zu sch\u00fctzen oder auf Distanz zu gehen. In vielen zentralen Unterk\u00fcnften und Aufnahmeeinrichtungen gibt es n\u00e4mlich kaum eine M\u00f6glichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. Jetzt gibt es schwere Vorw\u00fcrfe, man habe am Corona-Virus Infizierte nicht wirksam von anderen Bewohnern getrennt und viele Fl\u00fcchtlinge quasi ihrem Schicksal \u00fcberlassen. Andreas Maus und Neila Doss sind den Vorw\u00fcrfen nachgegangen.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Die Erstaufnahmeeinrichtung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge im schw\u00e4bischen Ellwangen. Die Polizei bewacht die Unterkunft rund um die Uhr. Seit dem 5. April steht sie unter Quarant\u00e4ne, nachdem sieben Fl\u00fcchtlinge positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Und jetzt, fast vier Wochen sp\u00e4ter? Von den 600 Gefl\u00fcchteten sind jetzt nach offiziellen Angaben 406 mit dem Corona-Virus infiziert. Das sind 68 Prozent. F\u00fcr die Bewohner eine Katastrophe. Viele seien nach vier Wochen Quarant\u00e4ne verzweifelt, erz\u00e4hlt uns Rex Osa. Er ist vor Jahren selber nach Deutschland geflohen. Heute hilft er Gefl\u00fcchteten, auch hier in Ellwangen.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Rex Osa, Refugees4Refugees (\u00dcbersetzung Monitor): <\/strong>\u201eDie Situation in der Unterkunft mit Corona jetzt ist sehr schrecklich. Und es herrschen eine gro\u00dfe Verwirrung, eine Menge Missverst\u00e4ndnisse und eine enorme Frustration.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Wir w\u00fcrden uns gerne selber ein Bild machen. Aber drehen d\u00fcrfen wir in der Einrichtung nicht. Diese Videos stammen von Gefl\u00fcchteten aus der Unterkunft. Sie zeigen, bis zu f\u00fcnf Menschen sind in einem Zimmer untergebracht. Oftmals auf wenigen Quadratmetern wie hier \u2013 dicht an dicht. Und die Menschen teilen sich Toilettenr\u00e4ume und Gemeinschaftsduschen, erz\u00e4hlen sie uns. Wenn man hier lebe, sei Abstand halten kaum m\u00f6glich. Beim zust\u00e4ndigen Regierungspr\u00e4sidium in Stuttgart hei\u00dft es, man habe man alle n\u00f6tigen Ma\u00dfnahmen ergriffen, um die Verbreitung des Virus einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Thomas Deines, Regierungspr\u00e4sidium Stuttgart:<\/strong> \u201eAlso wir haben in der Einrichtung eben verschiedene Isolierbereiche ausgewiesen, um die positiv getesteten von den negativen zu trennen.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Dazu versorge man die Menschen mehrsprachig mit Informationen, mit Schutzmasken und Hygieneartikeln. Es werde h\u00e4ufiger gereinigt und das Essen werde in Paketen ausgegeben.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Thomas Deines, Regierungspr\u00e4sidium Stuttgart: <\/strong>\u201eIch denke, aktuell haben wir die Situation im Griff, wir haben sehr stabilen Betrieb, wir k\u00f6nnen die Situation meistern dank der Unterst\u00fctzung von ganz, ganz vielen Seiten.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Die Situation im Griff? Die Zahl der Infizierten jedenfalls steigt weiter. Und die Menschen in der Unterkunft beschreiben ihre Situation ganz anders.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Sunday (\u00dcbersetzung Monitor): <\/strong>\u201eEinige Leute sind positiv und andere negativ, warum leben wir hier immer noch zusammen?\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Daniel (\u00dcbersetzung Monitor): <\/strong>\u201eWir sind zu f\u00fcnft in einem Raum. Vier sind positiv, einer ist negativ. Da habe ich denen gesagt, ich kann nicht mit dem Mann zusammen im Zimmer bleiben, ich bin positiv getestet, ich will ihn nicht anstecken. Aber ich sollte zur\u00fcck in mein Geb\u00e4ude.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Keine Chance, der Infektionsgefahr aus dem Weg zu gehen? Die Aussagen k\u00f6nnen wir vor Ort nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Beim Regierungspr\u00e4sidium teilt man uns mit, man nehme die Sorgen der Menschen ernst. Nach wie vor seien negativ und positiv Getestete voneinander getrennt, Einzelf\u00e4lle k\u00f6nne man nicht beurteilen. Doch Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte mit hunderten Menschen seien ein idealer N\u00e4hrboden f\u00fcr die \u00dcbertragung des Virus, sagt der Epidemiologe Oliver Razum.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Prof. Oliver Razum, Epidemiologe, Universit\u00e4t Bielefeld: <\/strong>\u201eSammelunterk\u00fcnfte sind ein strukturelles Problem, wenn eine Pandemiesituation entsteht. Dort sind eine gro\u00dfe Zahl von Menschen auf engem Raum zusammen und es ist kaum m\u00f6glich, Abstand voneinander zu halten, so wie das eigentlich erforderlich w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Ellwangen ist kein Einzelfall: Bundesweit wurden mittlerweile etliche Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte wegen Corona abgeriegelt.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Diverse Nachrichtensprecher: <\/strong>\u201eDie Quarant\u00e4ne f\u00fcr \u00fcber 500 Fl\u00fcchtlinge. Keiner wird nunmehr die Erstaufnahmeeinrichtung so verlassen.\u201c \u201e289 Menschen stehen hier unter Quarant\u00e4ne.\u201c \u201eDie Infizierten bleiben erst mal in der Unterkunft.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Proteste von verzweifelten Gefl\u00fcchteten und Polizeieins\u00e4tze in den Heimen machen Schlagzeilen, wie hier in Halberstadt. Von zuletzt 566 Bewohnern wurden hier nach MONITOR-Informationen 122 positiv getestet. Auch in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Bremen ist die Situation angespannt. Hier wurden 146 Gefl\u00fcchtete auf Corona positiv getestet. Der Bremer Fl\u00fcchtlingsrat wirft der zust\u00e4ndigen Sozialbeh\u00f6rde Vers\u00e4umnisse vor.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Gundula Oerter, Fl\u00fcchtlingsrat Bremen: <\/strong>\u201eWas wir h\u00f6ren, k\u00f6nnen sich die Bewohner innerhalb des Geb\u00e4udes nicht vor Corona sch\u00fctzen und sie k\u00f6nnen im \u00dcbrigen auch nicht die f\u00fcr alle gesetzlich geltenden Regelungen auf Abstand \u2013 die auch in Bremen verordnet sind \u2013 einhalten. Es ist ihnen schlichtweg nicht m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Auch hier bekommen wir keine Drehgenehmigung. \u00dcber Handy k\u00f6nnen wir mit der Asylbewerberin Pega aus Iran sprechen. Ihr Mann habe sich mit dem Corona-Virus infiziert und sei im Krankenhaus, sagt sie. Und sie habe gerade ein Baby zur Welt gebracht.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Pega (\u00dcbersetzung Monitor):<\/strong> \u201eK\u00f6rperlich geht es mir nicht so gut, und psychisch auch nicht. Ich bin vor zwei Wochen Mutter geworden.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Und auch die Bedingungen in der Unterkunft seien f\u00fcr sie nur schwer zu ertragen. Videos von Fl\u00fcchtlingen aus der Unterkunft. Sie zeigen, auch hier leben Menschen auf engem Raum zusammen. Einige Fenster in den Zimmern lassen sich offenbar nicht \u00f6ffnen. Viele Zimmer sind nur durch W\u00e4nde getrennt, die nach oben offen sind. So wie Pegas Zimmer.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Pega (\u00dcbersetzung Monitor):<\/strong> \u201eAlle versuchen darauf zu achten, dass sie nicht krank werden und diese Krankheit auch nicht weitergeben. Aber es ist einfach hier nicht m\u00f6glich, das umzusetzen.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">Die Bremer Sozialbeh\u00f6rde teilt auf Anfrage mit, man habe Ma\u00dfnahmen getroffen und die erforderlichen Schutzstandards umgesetzt. Zum Beispiel werde wesentlich h\u00e4ufiger gereinigt. Die Belegung sei stark reduziert worden und man wolle n\u00f6tige Umbauten vornehmen. Aber es sei leider nicht zu vermeiden,<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Zitat:<\/strong> \u201edass eine hochansteckende Krankheit sich in einer Gemeinschaftseinrichtung schneller ausbreitet als in anderen Bereichen der Gesellschaft.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">F\u00fcr Ramona Lenz von medico international ist klar, die Fl\u00fcchtlinge m\u00fcssen raus aus den Massenunterk\u00fcnften.<\/p>\n<p class=\"text small\"><strong>Ramona Lenz, medico international: <\/strong>\u201eAlso die Corona-Pandemie f\u00fchrt uns gerade vor Augen, wie gesundheitsgef\u00e4hrdend es ist, Menschen f\u00fcr l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume in Massenunterk\u00fcnften unterzubringen. Und deswegen kann die einzige Konsequenz, die wir jetzt ziehen m\u00fcssen, nur sein, die Menschen dezentral unterzubringen. Jetzt, w\u00e4hrend der Pandemie \u2013 aber auch langfristig.\u201c<\/p>\n<p class=\"text small\">In diese Richtung weist auch ein aktuelles Urteil des Verwaltungsgerichts Leipzig. Das gab der Klage eines Asylbewerbers statt, die Erstaufnahmeeinrichtung zu verlassen, da die Abstandsregelungen dort nicht eingehalten werden <a id=\"Ende\"><\/a>k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/daserste\/monitor\/sendungen\/corona-fluechtlingsunterkunft-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quelle: Monitor<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Restle: \u201eKein ausreichender Schutz f\u00fcr besonders Schutzbed\u00fcrftige? Das gilt nicht nur f\u00fcr Gef\u00e4ngnisse. In den letzten Wochen machten einige Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte Schlagzeilen, weil sich dort das Corona-Virus rasant ausbreitete. Vor allem deshalb, weil die dort Lebenden kaum eine Chance hatten, sich ausreichend zu sch\u00fctzen oder auf Distanz zu gehen. 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