{"id":1581,"date":"2019-11-14T19:13:29","date_gmt":"2019-11-14T19:13:29","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1581"},"modified":"2019-11-14T19:13:29","modified_gmt":"2019-11-14T19:13:29","slug":"queere-gefluechtete-neues-leben-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/queere-gefluechtete-neues-leben-berlin\/","title":{"rendered":"Queere Gefl\u00fcchtete: Neues Leben Berlin"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">In Berlin gibt es viele queere Schutzr\u00e4ume. Dennoch sehen sich Gefl\u00fcchtete in ihrer neuen Heimat mit vielen Herausforderungen konfrontiert.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"secthead\">\n<div class=\"profile_wrapper\">\n<p class=\"author_intro\">Ein Artikel von Kennith Rosario<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"dateLocWrapper\">\n<div class=\"location_wrapper\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article first odd\"><span class=\"big-cap-outer\"><span class=\"big-cap-inner\">G<\/span><\/span>ene Bogolepov ist 34 Jahre alt und bekommt, wann immer die T\u00fcrklingel unerwartet l\u00e4utet, eine Panikattacke. Er h\u00e4lt sich an einem Bier fest, w\u00e4hrend er durchs Fenster seines gerade frisch bezogenen Zimmers in Berlin-Kreuzberg in den Nachthimmel schaut. In der Ecke sind B\u00fccher sauber in einer offenen Reisetasche gestapelt. Die ehrenamtliche T\u00e4tigkeit f\u00fcr Queer\u00adamnesty und sein Sozialleben lie\u00dfen kaum Zeit, die Sachen in der neuen Wohnung auszupacken. Die Tasche erinnert ihn an den 9. Dezember 2017, als er und sein damaliger Freund, jetzt Ehemann, mit all ihren Habseligkeiten aus Sankt Petersburg in Berlin ankamen, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Bogolepov hatte eine gl\u00fcckliche Kindheit. Dass er schwul ist, wurde ihm klar, als er \u201eJesus Christ Superstar\u201c sah und sich zu Jesus hingezogen f\u00fchlte. Als Teenager, in den sp\u00e4ten 90ern und fr\u00fchen 2000ern, erlebte er eine liberale Grundstimmung in Russland. Er konnte seine Sexualit\u00e4t frei leben. Die Schwulenbars brummten vor Publikum. \u201eAb 2005 aber wurde alles schlechter\u201c, erinnert er sich. Russland setzte 2013 dann das \u201eGesetz gegen homosexuelle Propaganda\u201c in Kraft, das die \u201eWerbung\u201c f\u00fcr Homosexualit\u00e4t gegen\u00fcber Jugendlichen verbot. Das brachte Stigmatisierung mit sich und die Gefahr von Erpressung und Gewalt. \u201eIch kennen keinen Schwulen daheim, der nicht angegriffen wurde\u201c, sagt Bogolepov.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Im selben Jahr wurde die Situation f\u00fcr Bogolepov zus\u00e4tzlich schlimmer, als bei ihm HIV diagnostiziert wurde. Die in Russland erh\u00e4ltlichen Medikamente verursachten verschiedene Nebenwirkungen, unter anderem schwere Stimmungsschwankungen und Depressionen. \u201eIch versuchte auch, von meinem Balkon zu springen, aber mein Mann hat mich festgehalten\u201c, erinnert er sich. Mit mangelhafter medizinischer Versorgung und der verst\u00e4rkten Stigmatisierung als HIV-Positiver wurde es sogar schwierig, auch nur grundlegende Gesundheitsvorsorge wie zahn\u00e4rztliche Behandlungen zu erhalten. Dazu begegnete ihm wiederholt k\u00f6rperliche Gewalt, was ihn schlie\u00dflich an den Rand der Verzweiflung brachte. Vier Jahre sp\u00e4ter, 2017, entschied er sich, \u00fcber Finnland nach Berlin zu ziehen und Asyl zu suchen.<\/p>\n<h6>Besonders verletzlich<\/h6>\n<p class=\"article even\">\u201eQueere Gefl\u00fcchtete sind besonders, da sie aus ihrer Heimat nicht wegen dortiger Konflikte, sondern wegen ihrer Identit\u00e4t fliehen\u201c, sagt die Psychologin und LGBTI-Aktivistin Aileen Kakavand. \u201eUnd sie werden weiter kommen, im Gegensatz zu anderen Fl\u00fcchtlingen.\u201c Berlin ist ein anziehendes Ziel f\u00fcr queere Fl\u00fcchtlinge, da es das einzige deutsche Bundesland ist, das LGBTI-Gefl\u00fcchtete zu den besonders \u201everletzlichen Gruppen\u201c z\u00e4hlt. In der Hauptstadt befindet sich auch das gr\u00f6\u00dfte, ausschlie\u00dflich queeren Gefl\u00fcchteten vorbehaltene Asylbewerberheim, mit insgesamt 122 Pl\u00e4tzen. Dazu kamen in den vergangenen Jahren mehrere NGOs und Selbsthilfegruppen, die Rechtshilfe und Wohnungsvermittlungen f\u00fcr queere Gefl\u00fcchtete in Berlin anbieten.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Das ist auch der Grund, warum die 42-j\u00e4hrige Suryani Mahmood vor zwei Jahren in die Stadt kam. Zuvor verbrachte sie vier Jahre in Kopenhagen, erhielt in dieser Zeit wiederholt Ablehnungen. Aufgewachsen als eines von acht Geschwistern, identifizierte sie sich fr\u00fch als Transfrau. \u201eIch wurde sogar von meinen Eltern als M\u00e4dchen gro\u00dfgezogen\u201c, erinnert sie sich, als wir uns in Deutschlands gr\u00f6\u00dftem und Berlins einzigem Asylbewerberheim f\u00fcr queere Gefl\u00fcchtete treffen. Hier, im Bezirk Treptow-K\u00f6penick lebt sie seit inzwischen zwei Jahren. Ihre leuchtend gelbe Kurta <em>(weites asiatisches Kleidungsst\u00fcck, Anm. der Red.)<\/em> unterstreicht das breite L\u00e4cheln, mit dem sie auf dem k\u00fchlen Balkon von der Unterst\u00fctzung durch Eltern und Familie erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"article even\">W\u00e4re es nach Mahmood gegangen, h\u00e4tte sie niemals das Land ihrer Kindheit verlassen. Als muslimische Transfrau jedoch war das nicht ihre Entscheidung. \u201eMalaysia ist ein islamisches Land und akzeptiert LGBTIs nicht\u201c, sagt sie. \u201eUnd als Transfrau konnte ich schlecht den Mann spielen und mich verstecken.\u201c Nach mehreren \u00dcbergriffen durch die Polizei wurde sie nach der Scharia angezeigt, obwohl sie selber keine praktizierende Muslimin ist. \u201eIch sehe aus wie eine indische Hindu, da meine Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits Hindu war, die zum Islam konvertierte. Mein Vater aber ist ein Malaysier und so wurde ich als Muslimin geboren.\u201c Sie wurde zeitweise festgehalten und erhielt schlie\u00dflich einen Gerichtstermin. 2013 jedoch, vor der Verhandlung, kaufte sie einen Flug nach D\u00e4nemark, um dort Schutz zu suchen.<\/p>\n<h6>Z\u00fcgige Asylverfahren<\/h6>\n<p class=\"article odd\">\u201eAls ich in Europa angekommen war, sagte meine Mutter, dass ich nicht zur\u00fcckkehren soll, weil es in Malaysia nicht sicher f\u00fcr mich ist.\u201c Mahmood gehorchte und blieb f\u00fcr vier Jahre in D\u00e4nemark in der Hoffnung, dort auf Dauer ein Zuhause zu finden. Aber das wollte einfach nicht klappen. \u201eAlso fuhren Freunde mich 2017 von Kopenhagen nach Hamburg und von da nahm ich einen Zug nach Berlin\u201c, erinnert sie sich. Dort kam sie in dem Heim in Treptow-K\u00f6penick unter und erhielt ihren Fl\u00fcchtlingsstatus innerhalb zweier Wochen nach Antragstellung.<\/p>\n<p class=\"article even\">\u00c4hnlich glatt verlief das Asylverfahren in Berlin f\u00fcr den 23-j\u00e4hrigen Haidar Darwish, der im September 2016 herkam, um zu studieren. Aufgewachsen ist er unter einer liberalen und generell aufgeschlossenen Regierung in der syrischen Hafenstadt Latakia. \u201eMein Vater war Florist, meine Mutter Friseurin. Beide waren nicht religi\u00f6s, ich bin nie in einer Moschee gewesen, aber sie hatten ein soziales Gewissen\u201c, erkl\u00e4rt Darwish, w\u00e4hrend er in einem Dachcaf\u00e9 am Kurf\u00fcrstendamm aus einer Sch\u00fcssel Schakschuka isst. Er tr\u00e4gt einen Jeans-Jumpsuit, quer \u00fcber sein wei\u00dfes T-Shirt steht \u201efabulous\u201c geschrieben. Mit 16 wurde ihm klar, dass er schwul ist. In Syrien war er in zwei Beziehungen, eine ging \u00fcber ein Jahr. \u201eMein zweiter Freund wurde zur Armee einberufen, weshalb er fliehen musste. Aber er wollte nicht weg, wegen mir. Und so haben wir entschieden, dass erst er geht und ich nachkommen w\u00fcrde\u201c, erinnert er sich.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Es gab zwei Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr Darwish, Syrien zu verlassen: Einer war, dass er jederzeit einberufen werden konnte, der andere, dass es keine Arbeit f\u00fcr einen wie ihn, mit Abschluss in Englischer Literatur, gab. \u201eIch wusste, dass meine Eltern nicht daf\u00fcr zahlen w\u00fcrden, dass ich die Todesroute nehmen w\u00fcrde\u201c, sagt er. Also sparte er Geld f\u00fcr den Pass und bewarb sich bei Hochschulen in Berlin. Als er die Bewerbung abgegeben hatte, \u00fcberzeugte er seine Eltern und verlie\u00df mit 20 Jahren am 15. September 2016 Syrien in Richtung Berlin. \u201eAuf meiner Abschiedsparty waren 90 G\u00e4ste, alles Freunde und Bekannte, aber ich habe heute mit niemandem mehr Kontakt\u201c, erz\u00e4hlt er.<\/p>\n<p class=\"article even\">Als Darwish in Berlin ankam, war das die Stadt der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten. F\u00fcr ein Jahr arbeitete er als Verkaufsassistent bei einer Onlineagentur und tauchte schlie\u00dflich in das queere Leben der Stadt ein. Eines Nachts im Schwuz, dem gr\u00f6\u00dften queeren Club der Stadt in Neuk\u00f6lln, traf er auf der Tanzfl\u00e4che auf die Drag-K\u00fcnstlerin LaDivina. \u201eSie war so: \u201aWer ist das?\u2018\u201c, lacht Darwish. Sie lud ihn ein, mit ihr gemeinsam aufzutreten. Seitdem arbeiten sie zusammen am \u201eMonday Hafladay\u201c, einer Performance-Serie in der Silver Future Bar.<\/p>\n<h6>Akt der Befreiung<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Darwish, der autodidaktische Baucht\u00e4nzer, gibt sich entnervt \u00fcber seine Vielzahl an Terminen, als er seinen Kalender zeigt. Gerade erst hat er die Organisation der 10. \u201eQueens Against Borders\u201c-Performance hinter sich, einem Spenden\u00adevent mit Dragshow zugunsten Transgender-Fl\u00fcchtlingen, das ein paar Tage vor unserem Treffen stattfand. Und f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen ist er wieder ausgebucht. Bei \u201eQueens Against Borders\u201c rief das Publikum seinen Namen, als er in einem regenbogenfarbenem Badeanzug auf die B\u00fchne kam. Seine Popularit\u00e4t war geradezu mit H\u00e4nden zu greifen, als er unter dem Jubel der Menge f\u00fcr ein weiteres St\u00fcck zur\u00fcckkam.<\/p>\n<p class=\"article even\">In Berlin aufzutreten, kommt f\u00fcr Darwish einem Akt der Befreiung gleich. Aber er zahlt auch einen Preis daf\u00fcr. \u201eEin Iraker hat mich auf Instagram bedroht und ich bin auch zur Polizei gegangen\u201c, erinnert er sich. Nach einem Artikel \u00fcber ihn in arabischer Sprache gingen bei ihm einige homophobe Kommentare aus Syrien ein. \u201eMeine Mutter berichtete mir, dass meine Onkel \u00fcber mich bescheid w\u00fcssten\u201c, sagt er. \u201eMan w\u00fcrde mich ermorden, wenn ich zur\u00fcckginge.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Nach Ablauf des zweij\u00e4hrigen Studentenvisums und mit der Angst, in ein homophobes Umfeld zur\u00fcckkehren zu m\u00fcssen, beantragte Darwish Ende 2018 Asyl in Berlin. W\u00e4hrend seines Interviews beim Amt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (BAMF), bei dem \u00fcber seinen Status entschieden werden sollte, begleitete ihn ein Arabisch-Dolmetscher. Darwish wurde nach der Natur der Bedrohung gefragt, der er sich bei einer R\u00fcckkehr nach Syrien ausgesetzt sehe. F\u00fcr ihn war es nun von Vorteil, Deutsch und Englisch verstehen und sprechen zu k\u00f6nnen. \u201eIn dem Gespr\u00e4ch k\u00f6nnen deine Sprachkenntnisse \u00fcber dein Schicksal entscheiden\u201c, erkl\u00e4rt er. So weigerte sich der Dolmetscher trotz Darwishs Dr\u00e4ngen, das Wort \u201ehomosexuell\u201c auszusprechen. \u201eEr sagte \u201aandere Orientierung\u2018, was aber nicht das war, was ich gesagt hatte\u201c, meint er mit einem Seufzen. \u201eIn vielen Sprachen ist es schwer zu erkl\u00e4ren, was \u201aschwul\u2018 bedeutet. Das macht es f\u00fcr viele Asylbewerber schwer, ihren Fall zu begr\u00fcnden.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Der Interview-Prozess beim BAMF ist durchaus umstritten mit seinen zudringlichen Fragen \u00fcber sexuelle Erfahrungen, um die tats\u00e4chliche Gefahr f\u00fcr das Leben im Herkunftsland abzusch\u00e4tzen. Aktivisten problematisieren das: \u201eDas BAMF hat sich Leute aus anderen Beh\u00f6rden geholt, als die Zahl der F\u00e4lle um 2015 und 2016 zunahm. Die hatten aber keine Ahnung, wie Entscheidungen getroffen werden sollen oder so ein Interview \u00fcberhaupt gef\u00fchrt wird. Das hat die Chancen vieler Leute stark eingeschr\u00e4nkt\u201c, erinnert sich Mahmoud Hassino, der Berater in der Schwulenberatung ist und auch Hauptfigur in der Dokumentation \u201eMr. Gay Syria\u201c war. Rund 60 Besuche von queeren Gefl\u00fcchteten hat die Schwulenberatung pro Woche.<\/p>\n<p class=\"article odd\">\u201eWas uns ganz allgemein in Europa fehlt, sind klare Richtlinien, f\u00fcr die Interviews mit LGBTI-Asylbewerbern. F\u00fcr die Beh\u00f6rden musst du als queere Person glaubhaft sein. Also ist es ihnen gestattet, Fragen zu stellen, um das festzustellen\u201c, erl\u00e4utert Hassino. Die Interviewer d\u00fcrfen nicht nach Beweisen f\u00fcr die Sexualit\u00e4t fragen, wie Fotos mit einem Partner, aber der Asylbewerber kann diese nach eigenem Ermessen vorlegen. \u201eSie \u00fcben Druck auf dich aus und sagen dann so was wie: \u201aWenn du das machst, kann das deinem Anliegen helfen.\u2018 Oder sie stellen Fragen nach deinem Coming-out oder deinem ersten sexuellen Kontakt. Aber es fehlt die Vorstellungskraft, dass ein Coming-out in Uganda oder im Iran vielleicht etwas anders aussehen k\u00f6nnte als in Deutschland. Wenn du zum Beispiel eine lesbische Frau bist, die noch nie Sex mit einer Frau hatte, wird es schwer, die zu \u00fcberzeugen, dass du lesbisch bist\u201c, erkl\u00e4rt Aileen Kakavand. Sie erkl\u00e4rt, dass sich das BAMF seit 2016 durchaus entwickelt habe, aber es sei noch ein weiter Weg zu gehen. \u201eZum Beispiel darf das BAMF nicht mehr sagen, dass du ja in dein Land zur\u00fcckgehen und deine Sexualit\u00e4t verstecken kannst\u201c, sagt Kakavand.<\/p>\n<p class=\"article even\">Bogolepovs Interview beim BAMF dauerte neun Stunden. \u201eDer Ablauf war nicht ganz so einfach, weil ich mit einem finnischen Visum nach Deutschland gekommen war\u201c, erl\u00e4utert er. Der Antrag wurde nach den Dublin-Regularien behandelt.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Die regeln die Zust\u00e4ndigkeiten f\u00fcr Asylbewerber zwischen EU-L\u00e4ndern. \u201eMein Asylverfahren h\u00e4tte also in Finnland stattfinden m\u00fcssen\u201c, sagt er. \u201eDa mein Mann ein deutsches Einreisevisum hatte, entschieden sie, uns zu trennen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Bogolepov sollte bald abgeschoben werden. Da die beiden aber in Berlin geheiratet hatten, konnten sie etwas Zeit gewinnen. \u201eUnd dann erfuhren wir, dass mein Mann einen negativen Bescheid hatte\u201c, sagt er. Um ihren Fall durchzuk\u00e4mpfen, brachten die beiden innerhalb von 24 Stunden 2.000 Euro \u00fcber eine Crowdfunding-Kampagne zusammen. Im April dieses Jahres schlie\u00dflich hatte Bogolepov endlich sein Interview beim BAMF, nachdem er den urspr\u00fcnglichen Antrag im vergangenen September gestellt hatte. Am 15. Juli 2019 erhielt er einen positiven Bescheid und ist nun als Fl\u00fcchtling anerkannt.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Obwohl Mahmood \u00fcber D\u00e4nemark nach Deutschland gekommen war, ihr Fall also auch unter die Dublin-Regeln gefallen w\u00e4re, wurde ihr Antrag in Berlin bearbeitet. \u201eWenn sie dir helfen wollen, dann machen sie das auch irgendwie\u201c, erkl\u00e4rt sie. Der willk\u00fcrliche Charakter der Asylentscheidungen frustriert und ersch\u00f6pft Aktivisten, wie Anw\u00e4lte. \u201eMeistens wird queeren Syrern das Asyl verweigert, weil sie eben Syrer sind. Stattdessen bekommen sie subsidi\u00e4ren Schutz\u201c, seufzt Mahmoud. \u201eDie Person, die die Entscheidung trifft, denkt also, die werden sowieso nicht abgeschoben, also geben wir denen auch keinen Status, was schrecklich ist.\u201c Das Problem mit dem subsidi\u00e4ren Schutz ist, dass die Betroffenen abgeschoben werden k\u00f6nnen, sobald ihr Herkunftsland als sicher deklariert wird.<\/p>\n<h6>Doppelte Diskriminierung<\/h6>\n<p class=\"article even\">Auch Fl\u00fcchtlinge aus L\u00e4ndern, wo sie nicht juristisch belangt werden, aber sozial bedroht sind, haben Schwierigkeiten, ihren Fall \u00fcberzeugend darzulegen. \u201eEs gibt so viele LGBTI-Gefl\u00fcchtete, die aus anderen L\u00e4ndern als Syrien, dem Irak oder dem Iran kommen. L\u00e4nder wie Marokko, Tunesien, Uganda oder Nigeria, und die haben gro\u00dfe Schwierigkeiten zu beweisen, dass sie in Gefahr sind, und dann ist es ihnen nicht m\u00f6glich, Asyl zu bekommen\u201c, erkl\u00e4rt Kakavand. Eine ihrer Klientinnen, Diana, eine lesbische Frau aus Uganda, hatte ein \u00e4hnliches Problem. \u201eIhr Leben ist in Uganda viel st\u00e4rker bedroht als das vieler Klientinnen, die beispielsweise aus dem Iran kommen, dennoch hat sie gro\u00dfe Probleme damit, dass ihr nicht geglaubt wird\u201c, sagt Kakavand.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Lesbische Frauen sehen sich doppelter Diskriminierung ausgesetzt, als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft und mit queerer Identit\u00e4t. \u201eEs ist f\u00fcr sie schwer, aus den L\u00e4ndern zu entkommen, oft werden sie in Ehen gezwungen\u201c, sagt Kakavand und erkl\u00e4rt, dass die Mehrzahl der lesbischen Gefl\u00fcchteten einen privilegierten Hintergrund haben, der ihnen \u00fcberhaupt den Zugang zur Ausreise erm\u00f6glichte. \u201eDie Zahl der lesbischen Gefl\u00fcchteten ist eher gering, verglichen mit schwulen und trans\u201c, erg\u00e4nzt sie.<\/p>\n<p class=\"article even\">Als Transfrau war es f\u00fcr Mahmood schwer, ein normales Leben in Malaysia zu f\u00fchren, ihre Geschlechtsidentit\u00e4t machte es aber leichter, in Berlin Asyl zu erhalten. Im Heim in Treptow-K\u00f6penick lebt sie seit zwei Jahren. Sie h\u00e4tte gerne eine eigene Wohnung, aber die st\u00e4ndig steigenden Mieten in Berlin machen das fast unm\u00f6glich. Queere Fl\u00fcchtlinge, die ihre Herkunftsl\u00e4nder auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen, sehen sich mit Problemen bei der Wohnungssuche, Rassismus in der queeren Community und der Herausforderung kultureller Integration konfrontiert.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Es gibt mehrere Initiativen und Vereine in Berlin, die sich des Wohnungsproblems und des Kulturschocks annehmen. Die Unterkunft in Treptow-K\u00f6penick, gegr\u00fcndet 2016 von der Schwulenberatung und mit derzeit 80 Bewohnern, ist eine davon. \u201eIn anderen Asylbewerberheimen gab es eigene Etagen oder andere extra Bereiche f\u00fcr queere Menschen. Damit waren die geoutet, was ihr Leben gef\u00e4hrden konnte\u201c, sagt Antje Sanogo, Leiterin der Einrichtung der Schwulenberatung. Anders als andere Unterk\u00fcnfte f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in Berlin, die umgewandelte R\u00e4ume wie Sporthallen, Container oder selbst Flughafenhallen waren, ist das Heim in Treptow-K\u00f6penick immer ein gew\u00f6hnliches Wohnhaus gewesen. Einige der Bewohner sind zwar Gewalt und Diskriminierung entkommen, werden aber immer noch aus den Herkunftsl\u00e4ndern oder von Landsleuten in Berlin bedroht. Deshalb ist der Zugang zu dem unscheinbaren Haus f\u00fcr Unbefugte auch nicht ohne Weiteres m\u00f6glich. Beim Betreten wird man vom Sicherheitsteam begr\u00fc\u00dft, einige sprechen sogar Arabisch. \u201eWir mussten sie auch erst einmal schulen und sensibilisieren\u201c, erkl\u00e4rt Sanogo. Seit der Er\u00f6ffnung vor rund drei Jahren werden Journalisten in den R\u00e4umen nur selten zugelassen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu wecken.<\/p>\n<p class=\"article even\">In jedem Zimmer leben bis zu vier Menschen, zugewiesen werden sie von Sozialarbeitern. In ihrem zugigen B\u00fcro auf der Gemeinschaftsetage der Unterkunft erz\u00e4hlt Sanogo, dass es oft Konflikte zwischen den Bewohnern gibt. Sie alle bringen unterschiedliche Temperamente und Traumata mit, die bearbeitet werden wollen. \u201eDamit umzugehen kann manchmal sehr schwierig sein\u201c, sagt sie angestrengt. Am Anfang kamen in die Unterkunft vor allem Gefl\u00fcchtete aus dem Nahen Osten, aus L\u00e4ndern wie dem Irak, dem Iran, Saudi-Arabien und Jemen. In den letzten zwei Jahren aber gab es einen Anstieg queerer Gefl\u00fcchteter aus L\u00e4ndern der ehemaligen Sowjetunion, wie Georgien, Moldau, Tadschikistan, Aserbaidschan und Turkmenistan. \u201eEin Grund ist, dass es nicht ganz so schwer ist, von dort hier einzureisen. Aber in allen diesen L\u00e4ndern gibt es Gesetze, die gegen queere Menschen gerichtet sind, und deshalb werden viele von ihnen hier als Fl\u00fcchtlinge anerkannt. Das ist besonders, da Nicht-LGBTI-Personen aus diesen L\u00e4ndern diesen Status nicht bekommen\u201c, erl\u00e4utert Antje.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Als 2015 eine gro\u00dfe Zahl an Fl\u00fcchtlingen den Weg nach Deutschland fanden, stieg auch der Anteil queerer Gefl\u00fcchteter, die nach Berlin kamen. Und so entschied das Schwuz, eine \u201eRefugees welcome\u201c-Party zu schmei\u00dfen. \u201eWir wollten auch der Behauptung entgegenwirken, dass Gefl\u00fcchtete die LGBTI-Community angreifen w\u00fcrden\u201c, sagt LCavaliero Mann, k\u00fcnstlerischer Leiter des Clubs. Dass die T\u00fcr f\u00fcr queere Gefl\u00fcchtete aufgemacht wurde, stie\u00df dabei auf Kritik von \u00fcberwiegend wei\u00dfen, deutschen Schwulen. \u201eRassismus und die Fetischisierung von M\u00e4nnern aus dem Nahen Osten sind ein gro\u00dfes Problem in der Community\u201c, sagt Mahmoud. Das Schwuz hat mehrere Anl\u00e4ufe genommen, eine klare Haltung zu kommunizieren und ein inklusiver Partyraum zu sein. Dazu geh\u00f6rt die Anstellung von Dolmetschern an der T\u00fcr, die Integrierung von Musik aus den Herkunftsl\u00e4ndern und die Verteilung mehrsprachiger Brosch\u00fcren \u00fcber den Club schon am Eingang. \u201eAu\u00dferdem machen wir Workshops, um mit internalisiertem Rassismus umzugehen\u201c, erkl\u00e4rt LCavaliero. Auch andere queere Clubs und Bars, wie das About Blank, das SO36 und das Silver Future haben Initiativen entwickelt wie extra G\u00e4stelisten, Drag Performances, Spendenaktionen und besondere Playlisten, um queeren Gefl\u00fcchteten das Ankommen zu erleichtern.<\/p>\n<p class=\"article even\">Darwish, inzwischen ein popul\u00e4res Gesicht in queeren Kreisen, hatte Erfolg mit seinem Asylantrag. Das gestattet ihm, f\u00fcr die n\u00e4chsten drei Jahre zu bleiben, dann muss die Erneuerung beantragt werden. F\u00fcr diverse queere Fl\u00fcchtlinge, die mit der gro\u00dfen Zahl neuer Gefl\u00fcchteter kamen, laufen genau diese ersten drei Jahre gerade ab. \u201eDas ist jedoch nicht zu schwer, solange du nachweisen kannst, dass du Fortschritte bei der Integration machst, was das Erlernen der Sprache einschlie\u00dft\u201c, erl\u00e4utert Kakavand. Weshalb Darwish auch plant, weiterzulernen. \u201eIch kann nicht f\u00fcr immer tanzen. K\u00fcnstlerisch habe ich genug erreicht und will mich mehr auf das Akademische konzentrieren\u201c, sagt er. Mahmood, die einen Friseurkurs in D\u00e4nemark besuchte, hofft, als Stylistin in Berlin arbeiten und eines Tages einen eigenen Salon er\u00f6ffnen zu k\u00f6nnen. Bogolepov, der sich einen Namen als queerer Aktivist gemacht hat, versucht sich neben seinem Tagesjob als DJ, als Musiker und in Performance-K\u00fcnsten. \u201eDamals, 2017, da habe ich meine Tage gez\u00e4hlt\u201c, sagt er, auf Berlin unter seinem Fenster schauend. \u201eAber jetzt bin ich gl\u00fccklich. Eine der wichtigsten Sachen f\u00fcr ein gl\u00fcckliches Leben ist doch, sich sicher zu f\u00fchlen. Und hier f\u00fchle ich mich sicher.\u201c<\/p>\n<p class=\"article last odd\"><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen Dani\u00e9l Kretschmar<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Queere-Gefluechtete\/!5637069\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin gibt es viele queere Schutzr\u00e4ume. Dennoch sehen sich Gefl\u00fcchtete in ihrer neuen Heimat mit vielen Herausforderungen konfrontiert. &nbsp; Ein Artikel von Kennith Rosario &nbsp; Gene Bogolepov ist 34 Jahre alt und bekommt, wann immer die T\u00fcrklingel unerwartet l\u00e4utet, eine Panikattacke. Er h\u00e4lt sich an einem Bier fest, w\u00e4hrend er durchs Fenster seines gerade [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1582,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1581","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/biosymbols001.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1581"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1583,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1581\/revisions\/1583"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1582"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}