{"id":1499,"date":"2019-02-07T21:59:24","date_gmt":"2019-02-07T21:59:24","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1499"},"modified":"2019-02-07T21:59:24","modified_gmt":"2019-02-07T21:59:24","slug":"40-jahre-islamische-revolution-am-wendepunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/40-jahre-islamische-revolution-am-wendepunkt\/","title":{"rendered":"40 Jahre Islamische Revolution: Am Wendepunkt"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Nach der Islamischen Revolution im Iran kamen tausende Regime-Gegner nach Berlin. Doch die Zeit der politischen Fl\u00fcchtlinge ist vorbei.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">Als das Flugzeug mit \u201eRevolutionsf\u00fchrer\u201c Chomeini an Bord am 1. Februar 1979 aus Paris in Teheran landete, sa\u00df Nasrin Bassiri in Berlin schon auf gepackten Koffern. \u201eIch bin zwei Tage nach ihm angekommen\u201c, erinnert sich die 73-J\u00e4hrige.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die promovierte Politologin war schon in den Wochen zuvor, als es im Iran t\u00e4glich Demons\u00adtrationen gegen den Schah und sein Regime gab, nicht unt\u00e4tig geblieben. \u201eIch habe mit anderen die iranische Botschaft in Ostberlin besetzt\u201c, erz\u00e4hlt Bassiri. Nun wollte, musste sie zur\u00fcck zu ihrem \u201eLieblingsort\u201c, zur\u00fcck in den Iran. \u201eIch sagte meinen Kolleginnen an der Fachhochschule f\u00fcr Wirtschaft, wo ich unterrichtete, Bescheid und war weg.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Auch der bekannte Oppositionelle, Buchautor und 68er Bahman Nirumand ging damals wie viele Exil-Iraner zur\u00fcck. Was kommen w\u00fcrde, nachdem der Schah am 16. Januar geflohen war, wusste niemand \u2013 aber alle waren voller Hoffnung. \u201eEs herrschte eine wahnsinnige Euphorie, ein unglaubliches Gef\u00fchl der Freiheit\u201c, erz\u00e4hlt Nirumand im R\u00fcckblick. \u201eNie war ich so gl\u00fccklich wie damals.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Die Hoffnung verflog schnell. Schon nach wenigen Wochen habe er in einem Artikel f\u00fcr eine deutsche Zeitung geschrieben, \u201edass ich die neue Diktatur rieche\u201c, erinnert sich der 82-J\u00e4hrige, der nach wie vor <a href=\"https:\/\/taz.de\/40-Jahre-Islamische-Revolution\/!5567037\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">f\u00fcr die taz<\/a> und andere Medien schreibt. Trotzdem k\u00e4mpfte er damals noch drei Jahre lang im Land f\u00fcr eine Neuauflage der durch den CIA-Putsch von 1953 abgew\u00fcrgten \u201enational-demokratischen\u201c Politik von Mohammad Mossadegh. Doch 1982 musste Nirumand erneut fliehen.<\/p>\n<h6>Erst Schah- dann Chomeini-Fl\u00fcchtlinge<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Bassiri hielt es, im Untergrund damit besch\u00e4ftigt, gef\u00e4hrdete Frauen \u00fcber die Grenze zu schmuggeln, noch zwei Jahre l\u00e4nger aus. Auch sie war aber 1984 wieder zur\u00fcck in Berlin.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die Iranische Revolution von 1979 war ein Wendepunkt nicht nur in der Geschichte Irans. In den Jahren darauf kamen nach Berlin immer mehr Fl\u00fcchtlinge, vor allem politische, die ihre Auseinandersetzung um die Zukunft Irans hier weiterf\u00fchrten, sich aber auch in die hiesige Stadtgesellschaft einmischten und sie ver\u00e4nderten \u2013 als Lobbyisten f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsrechte etwa.<\/p>\n<div class=\"article rack no7\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_quote \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody quote obj\"><span class=\"person\">Hamid Nowzari<\/span>\u201eWie viele wusste ich nicht genau, wohin es gehen sollte. Aber wir waren irgendwie links und haben tagaus, tagein demonstriert\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\">Nat\u00fcrlich waren auch zu Schah-Zeiten schon Oppositionelle hierher geflohen, so wie Nirumand, oder konnten nicht mehr zur\u00fcck in ihr Land, weil sie hier in Studentenorganisationen politisch aktiv gewesen waren wie Bassiri. Viele waren es allerdings nicht: 1960 lebten rund 1.000 iranische Staatsb\u00fcrger in Westberlin (Zahlen f\u00fcr den Ostteil hat das Statistische Landesamt nicht), 1978 waren es 2.400. Dennoch pr\u00e4gten sie, weil es vornehmlich politisch aktive Studenten und Akademiker waren, die damalige deutsche Gesellschaft nachhaltig mit. \u201eWir Iraner waren wichtige Mitspieler bei der deutschen 68er Bewegung\u201c, sagt Nirumand.<\/p>\n<p class=\"article even\">In der Tat: Sein 1967 erschienenes Buch \u201ePersien, Modell eines Entwicklungslandes\u201c war seinerzeit ein Bestseller. \u201eViele haben mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, dass sie dadurch politisiert worden seien\u201c, erinnert sich der Deutsch\u00adiraner. Die Diktatur im Iran wurde \u2013 wie der Vietnamkrieg \u2013 ein gro\u00dfes Thema unter deutschen Studenten. Als der Schah im Juni 1967 zum Staatsbesuch nach Berlin kam, demonstrierten Tausende vor der Deutschen Oper. Es kam zum ber\u00fcchtigten Angriff der \u201eJubelperser\u201c auf die Demonstranten und im Verlauf dieses Tages zum Mord an Benno Ohnesorg \u2013 \u201eeinem Wendepunkt der 68er\u201c, bilanziert Nirumand.<\/p>\n<h6>Enges deutsch-iranisches Verh\u00e4ltnis<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Ein besonderes Verh\u00e4ltnis zwischen dem Iran und Deutschland gibt es sogar noch l\u00e4nger. Seit dem 19. Jahrhundert pflegten die Deutschen ein romantisierendes Persienbild, gespeist aus M\u00e4rchen von Tausendundeiner Nacht, Boulevardgeschichten vom Pfauenthron und Berichten \u00fcber sagenhafte Reicht\u00fcmern. Die Iraner wiederum waren vor allem von deutscher Industrie und Technik begeistert \u2013 eine gegenseitige Faszination mit gesch\u00e4ftlicher Komponente.\u201c<\/p>\n<div class=\"article rack no11\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_text \" role=\"region\">\n<div class=\"secthead\" role=\"heading\">\n<h2><a name=\"Iraner in Berlin\"><\/a>Iraner in Berlin<\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<p><b>Zahlen und Daten<\/b>Rund 7.600 iranische Staatsb\u00fcrger leben in Berlin (Stand: Ende 2017), hinzu kommen (mindestens) 8.359 Deutsche mit iranischem Migrationshintergrund. Wie f\u00fcr alle Fl\u00fcchtlinge ist es auch f\u00fcr Iraner zunehmend schwieriger, nach Deutschland zu kommen: 2016 gab es bundesweit 26.872 Asylantr\u00e4ge von Iranern, davon 1.247 in Berlin. 2018 waren es 11.100 (bundesweit) und 505 (Berlin).<\/p>\n<p><b>Pro und contra Regime<\/b><\/p>\n<p>Mehr Iraner als in Berlin leben in Hamburg (gut 20.000). Dort sitzt auch das (schiitische) Islamische Zentrum Hamburg, das als langer Arm Teherans gilt und die j\u00e4hrliche antisemitische Al-Quds-Demo in Berlin unterst\u00fctzt. In der Hauptstadt gibt es daf\u00fcr eine Vielzahl s\u00e4kularer oder \u00fcberkonfessioneller Gruppen, die seit Beginn der aktuellen Protestwelle im Iran wieder vermehrt gegen das Regime demonstrieren \u2013 allerdings meist getrennt. Zuletzt demonstrierte der links-demokratische Verein Iranischer Fl\u00fcchtlinge am Montag vor Irans Botschaft mit 50 Menschen. <i>(sum)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article even\">Eng blieb das Verh\u00e4ltnis auch in der Nazi-Zeit: \u201eHitler war im Iran sehr beliebt, auch ich war von ihm begeistert als Kind\u201c, erinnert sich Nirumand. \u201eMein Vater, ein enger Mitarbeiter des alten Schahs, nannte mich manchmal sogar \u201aGeneral Keitel\u2018!\u201c\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Es d\u00fcrfte zum Teil auch dieser gemeinsamen Geschichte geschuldet sein, dass Iraner bis heute bei vielen Deutschen besser angesehen sind als andere Migranten. Hinzu kommt: Iraner in Berlin (und Deutschland) kamen \u2013 ob zu Schah- oder Chomeini-Zeiten \u2013 vorwiegend aus der gro\u00dfst\u00e4dtisch und akademisch gepr\u00e4gten Mittel- und Oberschicht. Entsprechend leicht konnten sie sich integrieren und in angesehenen Berufen, etwa als \u00c4rzte und Ingenieure, re\u00fcssieren. \u201eIraner passen sich schnell an, sprechen meist gutes Deutsch\u201c, so Nirumand.<\/p>\n<p class=\"article even\">Letzteres gelte auch f\u00fcr die j\u00fcngste Generation der iranischen Einwanderer, obwohl diese sich soziologisch von den vorigen unterscheide. \u201eHeute kommen vor allem die Kinder von Leuten, die unter dem Regime zu Geld gekommen sind. Das ist die fr\u00fchere Unterschicht\u201c, sagt Nirumand, die durch die Revolution nach oben gesp\u00fclt worden sei. Dass nun also die Kinder der Profiteure des Regimes das Land verlassen, k\u00f6nnte ein Zeichen sein, dass Iran wieder an einem Wendepunkt steht.<\/p>\n<h6>Iranische K\u00e4mpfe in der TU-Mensa<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Hamid Nowzari war 1979 gerade zwanzig Jahre alt, aus der Armee desertiert und begeistert von der Revolution im Iran. \u201eWie viele wusste ich nicht genau, wohin es gehen sollte. Aber wir waren irgendwie links und haben tagaus, tagein demonstriert.\u201c Ein Jahr sp\u00e4ter, als die neue Islamische Republik die Revolution bereits erstickt hatte, schickte ihn seine Familie au\u00dfer Landes. \u201eSie sagten, ich br\u00e4chte die ganze Familie in Gefahr.\u201c Der studierte Bauingenieur hat ein Treffen in der Neuk\u00f6llner Reuterstra\u00dfe in den R\u00e4umen des Vereins Iranischer Fl\u00fcchtlinge vorgeschlagen, bei dem er seit fast 28 Jahren die Gesch\u00e4fte f\u00fchrt.<\/p>\n<div class=\"article rack no16\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_quote \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody quote obj\"><span class=\"person\">Nasrin Bassiri<\/span>\u201e\u00c4ltere Iraner sind oft verbittert, weil sie hier nicht Fu\u00df fassten als Intellektuelle oder K\u00fcnstler\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article even\">Schon nach kurzer Zeit, berichtet Nowzari, habe er sich auch in Berlin wieder in die Politik gest\u00fcrzt. \u201eDie Mensa der TU war voll von iranischen Studenten aller Art. Jeden Tag gab es B\u00fcchertische, in der einen Ecke wir, in der anderen die Unterst\u00fctzer der Islamischen Republik\u201c, erinnert er sich. Eine Zeit lang habe man einander noch toleriert.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Doch die Zuspitzung der Lage im Iran schwappte auch nach Berlin. Als im Juni 1981 Staatspr\u00e4sident Abolhassan Banisadr abgesetzt und alle politische Opposition verboten wurde, \u201ekam es auch in der TU zu Auseinandersetzungen mit Handgreiflichkeiten\u201c, erz\u00e4hlt Nowzari. Das Studentenwerk habe die verfeindeten Gruppen fortan nur noch an verschiedenen Tagen in die Mensa gelassen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Mit den beginnenden \u201eschwarzen 80er Jahren\u201c der massiven politischen Verfolgung Andersdenkender und dem sich versch\u00e4rfenden Iran-Irak-Krieg kamen immer mehr Iraner nach Deutschland \u2013 und viele \u00fcber Berlin.<\/p>\n<h6>Flucht \u00fcber die DDR nach West-Berlin<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Eine wichtige Fluchtroute zwischen 1982 und 1988: mit der damaligen DDR-Fluglinie Interflug von Ankara oder Istanbul nach Sch\u00f6nefeld, dann per S-Bahn zum Grenz\u00fcbergang Friedrichstra\u00dfe. \u201eDie DDR war sehr solidarisch, hat jeden durchgelassen, auch Leute ohne Papiere\u201c, sagt Nowzari.<\/p>\n<p class=\"article even\">Auf der Westberliner Seite begr\u00fc\u00dften er und andere Studenten Woche f\u00fcr Woche Dutzende Neuank\u00f6mmlinge, brachten sie zur Registrierungsstelle f\u00fcr Asylbewerber in der Friedrichstra\u00dfe 219 (ab 1986 am Friedrich-Krause-Ufer) und gaben ihnen erste Tipps.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Ein Gro\u00dfteil der Neuank\u00f6mmlinge wurde \u00fcber den \u201eK\u00f6nigsteiner Schl\u00fcssel\u201c f\u00fcr Asylbewerber nach Westdeutschland verteilt. So gelangten 1984 rund 2.600 iranische Asylbewerber nach Deutschland, 1985 waren es 8.840, 1986 sogar 21.700. Die meisten mussten weiter nach Hamburg, wo heute die gr\u00f6\u00dfte iranische Gemeinde in Deutschland existiert.<\/p>\n<p class=\"article even\">Aber auch in Berlin stieg die Zahl der iranischen Staatsb\u00fcrger stetig weiter: 1984 waren es 3.800, 1985 schon 5.100, ein Jahr sp\u00e4ter 7.000.<\/p>\n<h6>Grenzen dicht, hie\u00df es damals schon<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Allerdings stie\u00df diese verst\u00e4rkte iranische Einwanderung konservativen westdeutschen Politikern mit der Zeit sauer auf. \u201eEigentlich war es wie bei den Fl\u00fcchtlingen von 2015\/16 und der Debatte \u00fcber offene Grenzen in Bayern: Die CDU machte Stimmung, wie das gehen solle mit so vielen Fl\u00fcchtlingen, und drohte der DDR mit Geldentzug\u201c, erz\u00e4hlt Nowzari. Ende 1987 wurde die Grenze dicht gemacht, erinnert er sich, Iraner ohne Visum in der T\u00fcrkei wurden gar nicht mehr ins Flugzeug gelassen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Auch Nasrin Bassiri, seit 1984 zur\u00fcck in Berlin, nahm sich der frisch angekommenen Iraner an. Weil sie gut Deutsch sprach und sich auskannte in der Stadt, war sie viel gefragt als Begleiterin f\u00fcr Beh\u00f6rden- und Arztg\u00e4nge. \u201eUm mich zu entlasten, habe ich eine Brosch\u00fcre geschrieben mit Adressen und Tipps, was ein iranischer Fl\u00fcchtling wissen muss\u201c, erz\u00e4hlt sie. Sie arbeitete in Fl\u00fcchtlingsheimen, engagierte sich im Fl\u00fcchtlingsrat.<\/p>\n<p class=\"article odd\">1986 gr\u00fcndete sie mit Gleichgesinnten den Verein Iranischer Fl\u00fcchtlinge. Bis heute ist er eine wichtige Anlaufstelle f\u00fcr Neuank\u00f6mmlinge aus dem Iran, seit einigen Jahren zus\u00e4tzlich zust\u00e4ndig f\u00fcr Afghanen. In den R\u00e4umen am Reuterplatz gibt es Deutschkurse und andere Integrationsangebote sowie Beratung in sozialen und asylrechtlichen Fragen. Der Verein macht regelm\u00e4\u00dfig Kulturveranstaltungen, etwa zum persischen Neujahrsfest Norouz, \u00d6ffentlichkeitsarbeit gegen Menschenrechtsverletzungen im Iran und organisiert Protestaktionen, etwa vor der iranischen Botschaft. Gleichzeitig versteht er sich seit je als Lobbyorganisation f\u00fcr mehr Fl\u00fcchtlingsrechte.<\/p>\n<p class=\"article even\">Um die war es in den 80ern schlecht bestellt, erinnert sich Bassiri. \u201eFl\u00fcchtlinge, die abgelehnt wurden, mussten manchmal sechs Jahre und l\u00e4nger im Heim leben, durften nicht arbeiten, nicht studieren, ihr Leben war ruiniert.\u201c Auch sei der Rassismus gegen Fl\u00fcchtlinge damals viel st\u00e4rker als heute gewesen, besonders nach der Wiedervereinigung 1990. \u201eIm Sozialamt haben uns die Beamten geduzt.\u201c Heute sei ein solches Verhalten zumindest offiziell verp\u00f6nt, \u201eman ist sensibler geworden\u201c, findet sie.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Zu dieser Entwicklung habe der Verein einiges beigetragen, sagt Nowzari, der seit 1991 aktiv mitarbeitet. \u201eDass Fl\u00fcchtlinge Rechte haben, ein Teil der Gesellschaft werden sollen, Bargeld bekommen statt Chipkarten, eine Krankenversicherung, dass sie recht schnell eine Wohnung suchen d\u00fcrfen \u2013 bei diesen Dingen war Berlin oft Vorreiter. Dazu haben wir vom Verein einen Teil beigetragen. Das macht mich schon stolz.\u201c<\/p>\n<h6>Ein schwarzer Tag<\/h6>\n<p class=\"article even\">Dann kam der Tag, den Berliner Iraner, zumindest die Oppositionellen unter ihnen, bis heute nicht vergessen haben: Am 17. September 1992 wurden im griechischen Restaurant Mykonos in der Prager Stra\u00dfe in Wilmersdorf vier kurdisch-iranische Politiker erschossen. Einer von ihnen, Nouri Dehkordi, war ein enger Freund Bassiris. Noch heute kommen ihr die Tr\u00e4nen, wenn sie erz\u00e4hlt, wie sie zusammen mit der Ehefrau den Leichnam identifizieren musste. \u201eIch konnte ihn gar nicht richtig ansehen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Der Prozess gegen die M\u00f6rder des \u201eMykonos-Attentats\u201c dauerte dreieinhalb Jahre und fand weltweit Beachtung. Denn die Bundesanwaltschaft als Ankl\u00e4gerin wies nach, dass hinter dem Organisator des Anschlags, dem Iraner Kazem Darabi, und seinen drei Helfern der iranische Geheimdienst stand. Das Urteil, verk\u00fcndet im \u00adApril 1997, l\u00f6ste ein politisches Erdbeben aus \u2013 erstmals wurde der iranische Staat als M\u00f6rder benannt. \u201eEs folgten Monate der Eiszeit zwischen Europa und Iran\u201c, erinnert sich Nowzari, der damals als Beobachter f\u00fcr den Verein keinen Prozesstag vers\u00e4umte und der Community ausf\u00fchrlich berichtete.<\/p>\n<p class=\"article even\">Immerhin: Danach h\u00f6rten die Anschl\u00e4ge auf Exil-Iraner in Europa, die es immer wieder gegeben hatte, f\u00fcr einige Jahre auf. 2004 erreichten der Verein und Nowzari, dass am Ort des Attentats eine Gedenkplatte angebracht wurde.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Mitte der 90er Jahre eskalierte im Verein Iranischer Fl\u00fcchtlinge ein schon l\u00e4nger schwelender Konflikt, der in gewisser Weise symptomatisch ist f\u00fcr die oft abgrundtiefe Zerstrittenheit, zu der oppositionelle Exil-Iraner bis heute neigen.<\/p>\n<h6>Die Exilanten und die \u201eReformkr\u00e4fte\u201c im Iran<\/h6>\n<p class=\"article even\">Es ging um die Beurteilung der \u201eReform\u201c-Kr\u00e4fte um den sp\u00e4teren Pr\u00e4sidenten Mohammed Chatami \u2013 so erz\u00e4hlt es Nasrin Bassiri: \u201eEr hat eine \u00d6ffnung und mehr Freiheiten versprochen, innerhalb der Grenzen, die ihm das System lie\u00df. Ich selbst wollte nat\u00fcrlich radikalere \u00c4nderungen. Aber nur weil ich im Verein darauf hingewiesen habe, dass es diese \u00d6ffnung gibt, wurde mir in einer Versammlung vorgeworfen, ich arbeite mit der iranischen Regierung zusammen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Bei Hamid Nowzari klingt die Sache so: Man habe darum gestritten, \u201eob man diese so genannten Moderaten vom Ausland aus unterst\u00fctzen soll. Die meisten im Verein fanden das politisch falsch, zumal es unsere politische Menschenrechtsarbeit weniger glaubw\u00fcrdig gemacht h\u00e4tte.\u201c Er wolle damit nicht sagen, dass Bassiri und ihre Leute \u201eUnterst\u00fctzer des Systems\u201c waren. \u201eAber sie wollten den Akzent in Bezug auf bestimmte Kreise im Iran verschieben.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Am Ende verlie\u00df Bassiri mit einigen anderen den Verein. Politisch konzentrierte sie sich mehr auf ihre journalistische Arbeit, f\u00fcr den <em>Spiegel<\/em> etwa, aber vor allem beim Radiosender Multikulti, wo sie 15 Jahre lang, bis Ende 2008, das Persische Programm leitete. Sie berichtete \u00fcber Studentenproteste im Iran, interviewte Regisseure, die zur Berlinale eingeladen wurden.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Doch auch diese Arbeit h\u00e4tten ihr hiesige Iraner des \u00f6fteren vorgeworfen: sie sei zu radikal, sagten die einen, zu systemfreundlich, die anderen. Viele, meint sie, seien offenbar nur neidisch. \u201e\u00c4ltere Iraner sind oft verbittert, weil sie nicht die Chance hatten, hier Fu\u00df zu fassen als Intellektuelle oder K\u00fcnstler.\u201c Und sich zum Beispiel als Taxifahrer \u00fcber Wasser halten m\u00fcssen. Gleichzeitig seien sie gedanklich nur mit dem Iran besch\u00e4ftigt \u2013 das Hier und Jetzt in Berlin w\u00fcrden sie gar nicht wahrnehmen. \u201eDas ist eine Schizophrenie\u201c, sagt Bassiri.<\/p>\n<h6>Neid und Rivalit\u00e4t<\/h6>\n<p class=\"article even\">F\u00fcr Nirumand ist der Hauptgrund f\u00fcr die Zerstrittenheit der Exil-Iraner die Entt\u00e4uschung \u00fcber die gescheiterte Revolution, die bis heute nicht verwunden, geschweige aufgearbeitet sei. \u201eEs gibt viele Schuldzuweisungen, viel Unausgesprochenes. So ist eine Zersplitterung eingetreten. Viele mussten unverrichteter Dinge fliehen. Die Entt\u00e4uschung und die Exil-Situation haben zu Neid und Rivalit\u00e4ten gef\u00fchrt\u201c, analysiert er.<\/p>\n<p class=\"article odd\">So sind die Gegner des Regimes \u2013 in Berlin wie anderswo \u2013 in \u201eHunderte Gruppen\u201c, so Nirumand, gespalten: in Monarchisten, die den Schah beziehungsweise seinen Sohn wiederhaben wollen, Kommunisten, Sozialisten, Liberale, Reformer\u2026 Nicht zu vergessen die f\u00fcr Au\u00dfenstehende besonders dubios wirkenden Volksmudschahedin, die den politischen Islam mit Sozialismus verbinden wollen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Immerhin, sagt Bassiri, scheinen j\u00fcngere Iraner anders zu sein \u2013 weniger ideologisch, unverkrampfter, durch soziale Medien und gute Englischkenntnisse international vernetzt. \u201eSie sind auch optimistischer, lebensfroh, das teile ich mit ihnen\u201c, sagt sie. Andere wie Nowzari finden dagegen einen Gro\u00dfteil der jungen Generation zu unpolitisch, zu pragmatisch, auf Karriere bedacht.<\/p>\n<h6>J\u00fcngere Iraner sind \u201eideologisch offener\u201c<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Der 29-j\u00e4hrige Omid Rezaee glaubt, dass an beiden Positionen etwas dran ist. Rezaee, der in Berlin als freier Journalist arbeitet, wurde 2009 als in der \u201eGr\u00fcnen Bewegung\u201c aktiver Student in der Stadt Rasht verhaftet. 2011 wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt, konnte aber in den Nordirak fliehen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Mit einem Programm der Bundesregierung, die laut Rezaee rund 300 Aktivisten der Gr\u00fcnen Bewegung gezielt aus dem Irak und der T\u00fcrkei nach Deutschland holte, kam er 2014 nach Berlin. Schon bevor er hier war, erz\u00e4hlt er beim Treffen im taz-Caf\u00e9, kannte er in der Stadt \u201emindestens 50 politische Freunde durch Facebook\u201c. Einer von ihnen: Hamid Nowzari, der ihm half hierherzukommen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">\u201eDas Netzwerk hat mir den Anfang hier viel leichter gemacht. Ich konnte bei Freunden \u00fcbernachten, manche halfen bei der Wohnungs-, andere bei der Jobsuche. Keiner, der aus politischen Gr\u00fcnden nach Berlin kommt, f\u00fchlt sich hier allein.\u201c Bemerkenswert ist die Breite des Spektrums dieses Netzwerkes: \u201eKommunisten, Rechtsliberale, Linksradikale, Bahais \u2013 alles dabei\u201c, sagt Rezaee. \u201eMan kann die politischen Unterschiede au\u00dfen vor lassen, weil wir wenige sind und uns helfen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Nun hilft auch der Verein Iranischer Fl\u00fcchtlinge Neuankommenden ohne Ansehen ihrer politischen Richtung, wenn es um Asyl, Jobcenter und andere soziale Fragen geht. Neu ist allerdings, dass Junge wie Rezaee auch Andersdenkende \u201epolitische Freunde\u201c nennen. \u201eDie Alten sind ideologisch h\u00e4rter, wir sind da offener\u201c, glaubt er.<\/p>\n<h6>Die neuen Fl\u00fcchtlinge sind meist \u201eNichtpolitische\u201c<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Und noch eine gro\u00dfe Ver\u00e4nderung zu fr\u00fcher gibt es: Die meisten Iraner, die in den letzten drei, vier Jahren nach Berlin kamen, sind, so sagen Nirumand, Nowzari und Rezaee \u00fcbereinstimmend, \u201eNichtpolitische\u201c. In Rezaees Worten: \u201eDie meisten kommen heute aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden. Das ist die neue Mittelschicht, die Geld f\u00fcr die Reise hat, deren Kinder im Westen studieren und ein besseres Leben haben sollen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Zahlenm\u00e4\u00dfig viele sind das bis heute nicht: Im Zuge des gro\u00dfen Fl\u00fcchtlingsjahres 2016 kamen auch 1.250 iranische Asylbewerber nach Berlin. Ein Jahr vorher waren es 600 und ein Jahr sp\u00e4ter nur noch 450.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Mit diesen Iranern k\u00f6nnen alte Regimegegner wie Nowzari wenig anfangen: \u201eSie denken zuerst an ihre Karriere und daran, ob politische Arbeit f\u00fcr sie Nachteile hat. Sie denken, dass sie in wenigen Jahren einen deutschen Pass haben werden und dann sch\u00f6n hin- und herfliegen k\u00f6nnen zwischen dem Iran und hier.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Nowzari, Nirumand und Bassari k\u00f6nnen das bis heute nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/40-Jahre-Islamische-Revolution\/!5567086\/?fbclid=IwAR2fi3kLeY5waWAY3-6g9l0jAweqKbAUnhxjs37JqS2JQ2nFG_gePKoGotY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Quelle: taz<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Islamischen Revolution im Iran kamen tausende Regime-Gegner nach Berlin. Doch die Zeit der politischen Fl\u00fcchtlinge ist vorbei. &nbsp; Als das Flugzeug mit \u201eRevolutionsf\u00fchrer\u201c Chomeini an Bord am 1. Februar 1979 aus Paris in Teheran landete, sa\u00df Nasrin Bassiri in Berlin schon auf gepackten Koffern. \u201eIch bin zwei Tage nach ihm angekommen\u201c, erinnert sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1500,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1499","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/photo_2019-02-07_22-58-52.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1499","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1499"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1499\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1501,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1499\/revisions\/1501"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1500"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1499"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1499"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1499"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}