{"id":1347,"date":"2018-02-13T20:52:13","date_gmt":"2018-02-13T20:52:13","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1347"},"modified":"2018-02-13T20:52:13","modified_gmt":"2018-02-13T20:52:13","slug":"entscheidung-zum-familiennachzug-nachts-liegt-die-seele-bloss-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/entscheidung-zum-familiennachzug-nachts-liegt-die-seele-bloss-2\/","title":{"rendered":"Entscheidung zum Familiennachzug: Nachts liegt die Seele blo\u00df"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Seit zwei Jahren und sechs Monaten wartet der Kurde Jawan darauf, seine Frau und vier Kinder von Syrien nach Deutschland zu holen. Ein Erfahrungsbericht.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">Wie h\u00e4lt er das aus? Diese Frage stellen wir uns immer wieder. Seit dem Fr\u00fchjahr 2016 lebt Jawan in unserer Wohngemeinschaft. Seine Frau und seine vier Kinder hat er seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Die Familie lebt in Afrin. In dem kurdischen Kanton in Nordsyrien ist unl\u00e4ngst das t\u00fcrkische Milit\u00e4r einmarschiert. In Afrin herrscht jetzt Krieg. In Wirklichkeit hei\u00dft Jawan anders, seine Sorge ist, dass die Ver\u00f6ffentlichung seines richtigen Namens alles weiter schlimmer macht. \u201eNenn mich Jawan, das ist ein kurdischer Name\u201c, hat er gesagt.<\/p>\n<p class=\"article even\">Am 12. Januar 2018 haben wir Jawan zum ersten Mal weinen sehen. Jawan ist ein Mensch, der niemandem zur Last fallen m\u00f6chte. Normalerweise zieht er sich in sein Zimmer zur\u00fcck, wenn es ihm schlecht geht. Am 12. Januar, es war ein Freitag, hatten CDU\/CSU und SPD in den Sondierungsverhandlungen f\u00fcr eine Gro\u00dfe Koalition festgeklopft, dass der Familiennachzug f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge mit subsidi\u00e4rem Schutzstatus auf 1.000 Menschen pro Monat begrenzt wird.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Als wir uns nach dieser Nachricht zum ersten Mal in der K\u00fcche sehen, steht Jawan am Fenster und sch\u00e4lt eine Orange. Drau\u00dfen ist es dunkel, in der Scheibe sieht man sein Spiegelbild. Mitten im Satz wendet er sich ab, f\u00e4hrt sich mit der Hand \u00fcber die Augen, tut so, als sei ihm etwas hineingekommen. Dann zieht er ein Taschentuch raus, schn\u00e4uzt sich die Nase und verl\u00e4sst schnell den Raum.<\/p>\n<p class=\"article even\">Jawans \u00c4ltester ist gerade 16 geworden, die Kleinste ist drei. Sie kennt den Vater nur vom Telefon und Bildschirm \u00fcber Skype. Die Kleinste sei immer zuerst am Apparat, wenn er anrufe, erz\u00e4hlt Jawan. \u201eBaba, wann kommst du mal zu mir?\u201c, rufe sie dann fr\u00f6hlich ins Telefon. \u201eAlemania ist sehr weit\u201c, antwortet er dann.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>\u201eDeutschland ist ein soziales Land\u201c<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Jawan kam im Herbst 2015 auf der Balkanroute mit dem gro\u00dfen Fl\u00fcchtlingstreck nach Deutschland. Jawan ist Akademiker, er ist nicht mehr ganz jung. Als er in Syrien aufbrach, geschah das in dem Glauben, dass es sechs, maximal acht Monate dauern w\u00fcrde, bis die Familie in Deutschland wieder vereint sei. Der Unterschied zwischen subsidi\u00e4rem Schutz und Asyl nach der Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention war ihm nicht bekannt. Er habe geh\u00f6rt, dass Deutschland Arbeitskr\u00e4fte brauche, sagt Jawan. Mit der Familie in Deutschland in Sicherheit ein neues Leben aufbauen \u2013 das sei sein Ziel. \u201eIch habe gedacht, Deutschland ist ein gro\u00dfes soziales Land, eine Million Fl\u00fcchtlinge auf 80 Millionen Einwohner \u2013 das ist kein Problem.\u201c<\/p>\n<div class=\"article rack no6\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_text \" role=\"region\">\n<div class=\"secthead\" role=\"heading\">\n<h2><a name=\"Familiennachzug ausgesetzt\"><\/a>Familiennachzug ausgesetzt<\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<p><b>Subsidi\u00e4rer Schutz<\/b> Diesen eingeschr\u00e4nkten Schutzstatus erhalten Gefl\u00fcchtete, die nicht unter die Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention oder das deutsche Grundrecht auf Asyl fallen. Sie bekommen nur eine Aufenthaltsberechtigung von einem statt drei Jahren.<\/p>\n<p><b>Der Familiennachzug<\/b> Der Nachzug der Kernfamilie von Fl\u00fcchtlingen mit eingeschr\u00e4nktem Schutz bleibt bis 31. Juli ausgesetzt. Ab August d\u00fcrfen sie wieder Angeh\u00f6rige nach Deutschland nachholen, aber nur im Umfang von bis zu 1.000 Menschen pro Monat. Dazu gibt es die bereits bestehende H\u00e4rtefallregelung. <i>(dpa)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\">Warten. Vielleicht. Geduld. Diese Begriffe sind f\u00fcr Jawan Synonyme f\u00fcr Deutschland geworden. Warten mit Tausenden anderen Fl\u00fcchtlingen vor dem Berliner Lageso auf Erstregistrierung. Warten auf einen Anh\u00f6rungstermin beim Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (Bamf). Jawan ist schon fast ein Jahr in Berlin, als der Brief mit dem Termin endlich kommt.<\/p>\n<p class=\"article even\">Danach kommt das Warten auf den Bescheid. Drei weitere Monate vergehen, bis der endlich kommt. Nur den subsidi\u00e4ren Schutzstatus, auch der kleine Status genannt, hat das Bamf Jawan zuerkannt. Die Nachricht ist niederschmetternd.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Aufgrund politischer Vorgaben gew\u00e4hrt das Bamf Syrern seit M\u00e4rz 2016 im Regelfall nur noch subsidi\u00e4ren Schutz. Zeitgleich setzte die Gro\u00dfe Koalition den Familiennachzug f\u00fcr subsidi\u00e4r Gesch\u00fctzte bis M\u00e4rz 2018 aus. Folge davon ist, dass viele von ihnen dagegen vor dem Verwaltungsgericht klagen.<\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Er telefoniert endlos mit seiner Frau<\/strong><\/p>\n<p class=\"article odd\">Auch Jawan klagt gegen den Bescheid des Bamf. Einstweilen sind aber alle Hoffnungen auf ein baldiges Wiedersehen mit der Familie zerst\u00f6rt. F\u00fcr Jawan ist das eine schwere Zeit. Wenn in der Wohngemeinschaft l\u00e4ngst alle schlafen, schimmert unter seiner Zimmert\u00fcr Licht durch. Er telefoniert endlos mit seiner Frau, manchmal sind die Stimmen sehr laut. Nicht immer liegt das an der schlechten Verbindung.<\/p>\n<p class=\"article even\">Am Morgen sitzt Jawan mit zerfurchtem Gesicht am Fr\u00fchst\u00fccks\u00adtisch. Er hat kaum ein Auge zugetan. Tags\u00fcber kann er sich ablenken, nachts liegt die Seele blo\u00df. Um 8.30 Uhr morgens verl\u00e4sst er das Haus. In Gedanken bei der Familie, f\u00e4llt es ihm zwar schwer zu lernen, aber er geht immer zum Deutschkurs.<\/p>\n<div class=\"article rack no12\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_quote \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody quote obj\">\n<p>Warten. Vielleicht. Geduld. Diese Begriffe sind f\u00fcr Jawan Synonyme f\u00fcr Deutschland<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\">An die Klage und an das Datum M\u00e4rz 2018 klammert sich Jawans ganze Hoffnung. Das Jahr 2017 kommt und geht. Die Bundestagswahlen haben stattgefunden, die Jamaika-Sondierungen sind geplatzt, es l\u00e4uft wieder auf eine Gro\u00dfe Koalition hinaus. Die sozialen Netzwerke der Fl\u00fcchtlinge sind immer auf neuestem Stand.<\/p>\n<p class=\"article even\">Am 12. Januar 2018 bricht f\u00fcr Jawan eine Welt zusammen. Wenn ab August 1.000 Angeh\u00f6rige im Monat kommen k\u00f6nnen \u2013 wird es vermutlich Jahre dauern, bis die Frau und die vier Kinder in Berlin sind. Jawan versteht nicht, wie ein verbindliches Datum \u2013 der M\u00e4rz 2018 war das f\u00fcr ihn \u2013 einfach so ausgehebelt werden kann. Er spricht von Betrug \u2013 so viel Deutsch kann er schon.<\/p>\n<h6>Eine R\u00fcckkehr w\u00e4re Selbstmord<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Wenn er die Entwicklung selbst nicht versteht, wie soll er das dann anderen erkl\u00e4ren? In der Nacht telefoniert Jawan lange mit seiner Frau. Am Ende vereinbaren sie, den immer noch ausstehenden Prozess vor dem Verwaltungsgericht abzuwarten. F\u00fcr den Fall, dass die Klage abgewiesen wird, k\u00fcndigt Jawan seiner Frau an: \u201eDann komme ich zur\u00fcck.\u201c Die Frau, so erz\u00e4hlt es Jawan, erwidert: \u201eVielleicht kommst du nie bei uns an, weil sie dich bei der Einreise direkt ins Gef\u00e4ngnis werfen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Eine Woche nach dem Telefonat \u00fcberf\u00e4llt das t\u00fcrkische Milit\u00e4r Afrin. Jawan ist klar: Eine R\u00fcckkehr w\u00e4re Selbstmord. Jeder Blick aufs Handy ist f\u00fcr ihn mit der Angst verbunden, eine Todesnachricht vorzufinden. \u201eWenigstens du bist in Sicherheit\u201c, habe der Vater neulich am Telefon gesagt. Die Mutter habe laut geklagt. \u201eIch habe zu ihr gesagt, sie soll lieber f\u00fcr die kurdischen K\u00e4mpfer kochen, statt zu jammern.\u201c Das Einzige, was Jawan tun kann: demonstrieren gehen. F\u00fcr den Familiennachzug und gegen den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Wenn Jawan seine Deutschpr\u00fcfung besteht, hat er im M\u00e4rz B2-Level. Dann will er sich Arbeit suchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Entscheidung-zum-Familiennachzug\/!5479682\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">Quelle: taz<\/span><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit zwei Jahren und sechs Monaten wartet der Kurde Jawan darauf, seine Frau und vier Kinder von Syrien nach Deutschland zu holen. Ein Erfahrungsbericht. &nbsp; Wie h\u00e4lt er das aus? Diese Frage stellen wir uns immer wieder. Seit dem Fr\u00fchjahr 2016 lebt Jawan in unserer Wohngemeinschaft. 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