{"id":1308,"date":"2017-10-16T22:03:57","date_gmt":"2017-10-16T22:03:57","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1308"},"modified":"2017-10-16T22:03:57","modified_gmt":"2017-10-16T22:03:57","slug":"die-eu-und-die-fluechtlingskrise-eine-neue-form-von-kolonisation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/die-eu-und-die-fluechtlingskrise-eine-neue-form-von-kolonisation\/","title":{"rendered":"Die EU und die \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c: \u201eEine neue Form von Kolonisation\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Von der Afrika-Politik Europas halten die drei nach Berlin gefl\u00fcchteten Afrikaner Mouhamed Tanko, Oussman Dawarda und Adam Mohamed gar nichts.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\"><strong>taz: Herr Tanko, Sie kommen aus Niger und leben seit vier Jahren in Berlin. Vor Kurzem hat die EU mit der Regierung Ihres Landes sowie Tschad und Libyen vereinbart, dass diese Geld und Ausr\u00fcstung bekommen, um MigrantInnen von Europa fernzuhalten. Asylverfahren sollen k\u00fcnftig in \u201eSchutzzonen\u201c in Niger und Tschad stattfinden. Was sagen Sie dazu?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Mouhamed Tanko<\/strong>: Was in Paris vereinbart wurde, ist f\u00fcr mich und andere junge Afrikaner hier in Europa ein Affront. Ich denke, was die Europ\u00e4er hier vorhaben, ist eine neue Form von Kolonisation. Wenn die europ\u00e4ischen Regierungen wirklich etwas gegen Migration tun wollten, k\u00f6nnten sie das einfach tun, das ist nicht das Problem.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Sondern?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Das Problem ist das System, das uns Europa aufgezwungen hat. Die afrikanischen L\u00e4nder sind nicht arm. Sie sind reich an Ressourcen. Aber unsere Regierungen haben nichts zu sagen. Regiert werden wir von Europa und den USA. Deren Regierungen bestimmen, was unsere Regierungen machen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Wenn unsere Regierungen sagen, behaltet eure Fl\u00fcchtlinge, macht Ihre Regierung das?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ich habe zehn Jahre in Agadez studiert (<em>Stadt in Niger, d. Red.<\/em>), wo Angela Merkel und Emmanuel Macron nun eine \u201eSchutzzone\u201c f\u00fcr asylsuchende Migranten einrichten wollen. Ich denke, es ist unm\u00f6glich, dort so etwas einzurichten.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Die B\u00fcrger von Niger, Tschad, Guinea, Kamerun oder anderswo w\u00fcrden ihren Regierungen niemals erlauben, ihre eigenen B\u00fcrger in solche Lager einzusperren. Wenn der Pr\u00e4sident von Niger die Grenze nach Libyen schlie\u00dfen w\u00fcrde, w\u00e4re er nach wenigen Tagen entmachtet. 90 Prozent der Nigrer h\u00e4ngen von Libyen, von Algerien ab, sie treiben Handel oder arbeiten dort. Wenn die Grenze geschlossen w\u00fcrde, w\u00fcrde das zusammenbrechen. Das g\u00e4be eine Rebellion.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Aber auch in Libyen gibt es Gef\u00e4ngnisse f\u00fcr Migranten, Tausende werden eingesperrt.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, das gibt es dort. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Es gibt etwas hinter den Kameras. Die Europ\u00e4er sind in Nordafrika nicht wegen der Migranten. Ich m\u00f6chte, dass die F\u00fchrer Europas ehrlich sind und sagen: Wir sind in Niger und Tschad, weil wir eure Rohstoffe kontrollieren wollen. Denn die Sahara ist sehr reich. In Niger zum Beispiel haben wir Uran, ohne uns w\u00e4ren die Franzosen keine Nuklearmacht! In Mali sind die Franzosen, weil es dort Gas gibt. Wegen all der Rohstoffe sind die Europ\u00e4er schon l\u00e4ngst in der Sahara pr\u00e4sent. Im Norden von Niger arbeiten sie mit den Drogendealern zusammen, bewaffnen und sch\u00fctzen verschiedene Rebellengruppen. Vor einigen Jahren erkl\u00e4rte Nigers Expr\u00e4sident Tandja Mamadou, er wolle keine Europ\u00e4er mehr im Norden haben. Das gefiel den Franzosen nicht, sie haben einen Putsch inszeniert und Mamadou 2010 abgesetzt.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Sie glauben den Europ\u00e4ern also nicht, wenn sie sagen, sie wollen die Schmugglerbanden und Schlepper bek\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<div class=\"article rack no11\">\n<div id=\"xid5454058\" class=\"even sect sect_profile big \" role=\"region\">\n<div class=\"secthead\" role=\"heading\">\n<h2><a name=\"im Interview:\"><\/a>im Interview:<\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<h4>Die drei Gespr\u00e4chspartner<\/h4>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"xid5454058\" class=\"even sect sect_profile-descr \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Oussman Dawarda,<\/b> geb. 1981 in Tschad, kam 2013 aus Libyen \u00fcber Italien nach Berlin. Er lebte erst am Oranienplatz, dann in einer Kirchengemeinde. Seit drei Monaten ist er obdachlos.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Adam Mohamed,<\/b> geb. 1982 in Tschad, kam ebenfalls aus Libyen nach Berlin. Auch seine Stationen sind Oranienplatz, Kirche, Obdachlosigkeit.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mouhamed Tanko,<\/b> geb. 1984 in Niger. Auch er fl\u00fcchtete zun\u00e4chst nach Libyen und kam dann 2011 \u00fcber Italien nach Berlin. Tanko hat einen Ausbildungsplatz als Glaser gefunden und damit eine Aufenthaltserlaubnis f\u00fcr drei Jahre bekommen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article even\">Nein, denn das machen sie nicht. Sie machen gar nichts gegen diese Leute. Ich habe viele Freunde in Agadez, die sagen, da passiert gar nichts, diese Banden k\u00f6nnen ungehindert tun, was sie wollen. Dabei gibt es dort ja schon franz\u00f6sische Soldaten: Sie helfen sogar Migranten die Grenze nach Libyen zu \u00fcberqueren! Heute noch!<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Die Franzosen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, sie sind an der Grenze zwischen Niger und Libyen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Also es geht nicht um Migration, sondern um Ressourcenkontrolle, sagen Sie.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja. Angela Merkel nennt Afrikaner \u201eWirtschaftsmigranten\u201c. Ja, wir sind Migranten. Aber wir sind hier wegen der Probleme, die Europa in Afrika verursacht. Deutschland macht viele Gesch\u00e4fte in Afrika, verkauft \u00fcberall Waffen, sogar illegal. Dar\u00fcber redet niemand. Unser Pr\u00e4sident hat das auch schon kritisiert, aber er hat keine Macht, das zu stoppen. Die Gesch\u00e4fte laufen sch\u00f6n weiter, und das Gerede \u00fcber Migration dient als Propaganda f\u00fcr die eigene Bev\u00f6lkerung. Wenn die Europ\u00e4er wirklich etwas gegen Migration unternehmen wollten, w\u00e4re das sehr einfach: Gebt uns Frieden! Gebt uns echte Kontrolle \u00fcber unsere eigene \u00d6konomie! Verkauft nicht illegal Waffen an Rebellen und Banditen! Mehr brauchen wir nicht.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Sie meinen, dann w\u00fcrde die Massenmigration nach Europa aufh\u00f6ren?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, klar. Wenn wir das haben, wird kein Afrikaner mehr nach Europa kommen. Wir haben ja alles in Afrika, hier haben wir nichts und werden auch noch schief angesehen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Oussman Dawarda, Sie kommen aus Tschad, einem der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt mit einer Diktatur und vielen Menschenrechtsverletzungen. Sollte die EU mit Ihrer Regierung zusammenarbeiten?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Oussman Dawarda<\/strong>: Tschad ist ein Land mit vielen Problemen. Unser Pr\u00e4sident regiert seit 27 Jahren. Es gibt sehr viele Ethnien in Tschad, aber nur eine regiert seit dieser langen Zeit, die anderen werden diskriminiert. Die B\u00fcrgerInnen von Tschad kennen nicht einmal die Bedeutung des Wortes Menschenrechte. Es gibt nur Regierungsmedien, keine ausl\u00e4ndischen oder unabh\u00e4ngigen. Aber der Pr\u00e4sident, ein Diktator, genie\u00dft den Schutz Frankreichs. Sie lassen ihn an der Macht, weil er ihre Interessen vertritt.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Welche w\u00e4ren das?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Die Kontrolle \u00fcber die Ressourcen, also \u00d6l und Baumwolle. Seit der Unabh\u00e4ngigkeit 1960 gab es sechs Pr\u00e4sidenten \u2013 und alle, die etwas gegen den franz\u00f6sischen Einfluss unternehmen wollten, wurden von den Franzosen gest\u00fcrzt. Als letztes haben sie 1990 haben Idriss D\u00e9by an die Macht gebracht, der ihnen gibt, was sie wollen. Nur die Probleme unseres Landes l\u00f6st er nicht, deswegen verlassen viele Menschen das Land oder schlie\u00dfen sich Rebellengruppen an, zum Beispiel im Grenzgebiet zu Sudan und Libyen. Darum kann ich mir gar nicht vorstellen, dass die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger von Tschad es zulassen werden, wenn in ihrem Land Asyllager f\u00fcr Europa errichtet werden. Das liegt nicht in ihrem Interesse, nur in dem der Regierung und der Europ\u00e4er.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Das ist ja auch die Kritik vieler Europ\u00e4er am Gipfel von Paris. Sie sagen, Merkel und Macron wollen Regimes, die selbst eine Ursache f\u00fcr Migration sind, daf\u00fcr bezahlen, Migranten abzuhalten.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Adam Mohamed:<\/strong> Die Grenzen zwischen Niger, Tschad und Libyen zu schlie\u00dfen, das ist eine ganz schreckliche Idee. Das widerspricht jeder Idee von Menschenrechten. Viele Menschen sterben dort, an Krankheiten, an Hunger. Die Idee von Menschenrechten ist, Grenzen einzurei\u00dfen. Warum sind wir hier? Weil Europa Diktaturen unterst\u00fctzt \u2013 und nicht Menschenrechte. Das ist das Problem. Jetzt wollen sie den Diktatoren noch mehr Geld geben, damit sie uns einsperren. Warum geben sie das Geld nicht der Bev\u00f6lkerung? Die Diktatoren sind schon reich. Auch unsere L\u00e4nder sind reich, wir haben dort eigentlich alles! Aber wo ist das \u00d6l, wo ist die Baumwolle? Hier in Europa! Europa ist mitverantwortlich f\u00fcr unsere Probleme. Trotzdem werden die Migranten hier nicht akzeptiert. Viele junge Afrikaner sterben im Mittelmeer, und wer nicht stirbt, muss hier auf der Stra\u00dfe leben, er bekommt keine Chance.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Mouhamed Tanko<\/strong>: Sie wollten uns nicht haben. Nicht weil wir Fl\u00fcchtlinge sind, sondern weil wir schwarz sind, Afrikaner. Andere Fl\u00fcchtlinge, die Syrer etwa, werden von euch akzeptiert. Afrikaner aber, die hier teils schon \u00fcber 20 Jahre leben, werden nicht akzeptiert. Deutschland, ein Land der Menschenrechte? Ein Land, in dem Menschen \u00fcber Jahre kein Recht haben, zu arbeiten oder irgenwas zu machen? Heute ist klar, wir Afrikaner haben hier keine Zukunft, keine M\u00f6glichkeiten \u2013 weil die europ\u00e4ischen F\u00fchrer uns nicht m\u00f6gen.<\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Oussman, wenn jemand aus Tschad zu Ihnen am Telefon sagt, er will auch nach Europa \u2013 was sagen Sie ihm?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Oussman Dawarda<\/strong>: Ich rate niemandem dazu. Aber die Leute sind gezwungen, das Land zu verlassen. Sie gehen nicht wegen Hunger, sondern wegen der Diskriminierungen durch die Diktatur. Lange war es so, dass sie nach Libyen gegangen sind, sie wollten nicht nach Europa. Dort lebten 20 Millionen Migranten aus ganz Afrika friedlich zusammen. Dann haben die Europ\u00e4er Gaddafi get\u00f6tet und Libyen zerst\u00f6rt. Nur darum sind wir hier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/EU-produziert-Fluechtlingskrise-selbst\/!5452000\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Afrika-Politik Europas halten die drei nach Berlin gefl\u00fcchteten Afrikaner Mouhamed Tanko, Oussman Dawarda und Adam Mohamed gar nichts. &nbsp; taz: Herr Tanko, Sie kommen aus Niger und leben seit vier Jahren in Berlin. 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