{"id":1288,"date":"2017-09-06T20:23:00","date_gmt":"2017-09-06T20:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1288"},"modified":"2017-09-06T20:23:00","modified_gmt":"2017-09-06T20:23:00","slug":"familienberatung-fuer-fluechtlinge-ein-ort-fuer-wut-und-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/familienberatung-fuer-fluechtlinge-ein-ort-fuer-wut-und-angst\/","title":{"rendered":"Familienberatung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge: \u201eEin Ort f\u00fcr Wut und Angst\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Der Wechsel ins neue Wertesystem verunsichere viele Fl\u00fcchtlinge, sagt Hannes Rogler. Er ber\u00e4t gefl\u00fcchtete Familien \u2013 und will eine V\u00e4tergruppe starten.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\"><strong>taz: Herr Rogler, Sie gehen f\u00fcr die Caritas in Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte und beraten Familien. Was erleben Sie dort?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Hannes Rogler:<\/strong> Fl\u00fcchtlingsfamilien haben h\u00e4ufig mit verschiedenen Problemen zu k\u00e4mpfen. Viele sind psychisch erkrankt, leiden an Depressionen oder an einer posttraumatischen Belastungsst\u00f6rung. Die fehlende Zukunftsperspektive belastet die Familien zus\u00e4tzlich, ebenso die lange Wartezeit in den Heimen. Aber auch der \u00dcbergang in das neue Wertesystem verunsichert viele. Sie wissen nicht genau, was von ihren Kindern und von ihnen als Eltern erwartet wird.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Wie machen sich denn die Probleme im Alltagsleben bemerkbar?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Wenn der Vater oder die Mutter psychisch krank sind, kann es zum Beispiel passieren, dass ein Kind die Aufgaben der Eltern \u00fcbernimmt, sich um die Geschwister k\u00fcmmert, den Kontakt nach au\u00dfen h\u00e4lt. Das funktioniert vielleicht eine Weile, \u00fcberfordert das Kind aber letztlich. Wir versuchen es zu sch\u00fctzen und die Eltern \u00fcber ihre Situation aufzukl\u00e4ren. Die Symptome von psychischen Erkrankungen sind vielen nicht bekannt. Immer wieder kommt es in den Einrichtungen auch zu Gewalt zwischen den Elternteilen oder gegen\u00fcber den Kindern. Da muss man nat\u00fcrlich eingreifen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Was sagen Sie einem Vater oder einer Mutter, die ihre Kinder schlagen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ich schaue mir die Familie an und versuche zu verstehen, welche Not da ist, dass es zu der Gewalt kommt. Ich habe keine Eltern in den Beratungsgespr\u00e4chen, die Schl\u00e4ge in der Erziehung per se verteidigen w\u00fcrden. Mein Eindruck ist, dass die Menschen progressiver sind, als die Gesellschaft vermutet.<\/p>\n<div class=\"article rack no6\">\n<div id=\"xid5435820\" class=\"odd sect sect_profile big \" role=\"region\">\n<div class=\"secthead\" role=\"heading\">\n<h2><a name=\"im Interview:\"><\/a>im Interview:<\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<h4>Hannes Rogler<\/h4>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"xid5435820\" class=\"odd sect sect_profile-descr \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody\">\n<p class=\"bodytext\">32, ist Psychologe und macht f\u00fcr die Caritas Erziehungs- und Familienberatung in Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften. Seine Stelle entstand im Rahmen des Senats-Masterplans Integration.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\"><strong>Es ist sicher nicht leicht zu erreichen, dass sich die Familien Ihnen \u00fcberhaupt \u00f6ffnen.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Das Misstrauen gegen\u00fcber staatlichen oder staats\u00e4hnlichen Stellen ist zun\u00e4chst oft gro\u00df. Manche der Fl\u00fcchtlinge wurden im Heimatland vom Staat verfolgt. Andere bef\u00fcrchten, dass etwas aus der Beratung im Asylverfahren gegen sie verwendet werden k\u00f6nnte. Der Kontakt entsteht aber in meinem Fall \u00fcber vertraute Gesichter, \u00fcber die Sozialarbeiter in den Unterk\u00fcnften. Sie vermitteln die Beratung. Das hilft, \u00c4ngste abzubauen.<\/p>\n<div class=\"article rack no8\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_text \" role=\"region\">\n<div class=\"secthead\" role=\"heading\">\n<h2><a name=\"Mehr Beratung f\u00fcr Familien\"><\/a>Mehr Beratung f\u00fcr Familien<\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<p>In Berlin gibt es 28 <b>Erziehungs- und Familienberatungsstellen<\/b> an insgesamt 49 Standorten. Familien, Paare oder auch Einzelpersonen k\u00f6nnen sich dort anonym und kostenlos beraten lassen. 12 der Beratungsstellen sind in freier Tr\u00e4gerschaft \u2013 etwa bei der Caritas.<\/p>\n<p>Nach der starken Fl\u00fcchtlingszuwanderung 2015 beschloss der Senat den &#8222;Masterplan Integration und Sicherheit&#8220;. Dabei wurden im Sommer 2016 zw\u00f6lf halbe Stellen geschaffen f\u00fcr Familien- und ErziehungsberaterInnen, die in die <b>Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte<\/b> gehen. Einer davon ist Hannes Rogler.<\/p>\n<p>Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) will die Familienberatung angesichts der wachsenden Stadt weiter st\u00e4rken. &#8222;Es gibt Lebenssituationen, wo man die Dinge nicht alleine geregelt bekommt&#8220;, sagte die Senatorin am Dienstag. Daf\u00fcr m\u00fcsse man sich nicht sch\u00e4men. In den Haushaltsverhandlungen f\u00fcr 2018 und 2019 setzte Scheeres im Senat durch, dass in den n\u00e4chsten zwei Jahren <b>zw\u00f6lf neue Stellen<\/b> in der Familienberatung finanziert werden. <i>(all)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\"><strong>Wie genau unterst\u00fctzen Sie die Menschen dann?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ich rede mit ihnen mithilfe von Dolmetschern und schaue, ob beispielsweise psychische Erkrankungen vorliegen. Ich therapiere nicht selbst, aber kann an andere Stellen vermitteln. Wenn eine Familie beim Jugendamt wegen Gewalt in der Erziehung bereits bekannt ist, nehme ich auch an Gespr\u00e4chsrunden der Helfer teil und vermittle, wenn es Missverst\u00e4ndnisse gibt. Ich berate Familien zudem bei Fragen zu Kita und Schule.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Mitte September wollen Sie eine Gruppe f\u00fcr gefl\u00fcchtete V\u00e4ter ins Leben rufen. Warum ist das n\u00f6tig?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Es gibt in Berlin viele Angebote f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen und Kinder, aber nur wenige f\u00fcr V\u00e4ter. Gemeinsam mit einem ehemaligen Schulleiter aus Damaskus, der selbst aus Syrien gefl\u00fcchtet ist, will ich einmal in der Woche f\u00fcr zwei Stunden eine Gruppe von V\u00e4tern versammeln. Viele von ihnen waren in ihrem Herkunftsland der Ern\u00e4hrer der Familie. Der Verlust dieser Rolle besch\u00e4digt ihr Selbstwertgef\u00fchl. Wenn dann der Kontakt mit dem Jobcenter, f\u00fcr den sie sich verantwortlich f\u00fchlen, auch nicht gut klappt, wird es schwierig. Manche V\u00e4ter haben zudem eine andere Vorstellung von der Rolle der Frauen in der Familie. Dass die Tochter in die Schule geht, ist hierzulande aber selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>\u00dcber all das wollen Sie in der Gruppe reden?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja. Wir wollen einen sicheren Ort bieten, um auch \u00fcber Scham, Schuld, Wut und Angst zu sprechen. Die M\u00e4nner sollen diese Gef\u00fchle so bew\u00e4ltigen, dass sie keine destruktive Wirkung mehr in der Familie entfalten. Wir wollen die V\u00e4ter erreichen, bevor das Jugendamt eingeschaltet wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Familienberatung-fuer-Fluechtlinge\/!5435825\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wechsel ins neue Wertesystem verunsichere viele Fl\u00fcchtlinge, sagt Hannes Rogler. Er ber\u00e4t gefl\u00fcchtete Familien \u2013 und will eine V\u00e4tergruppe starten. &nbsp; taz: Herr Rogler, Sie gehen f\u00fcr die Caritas in Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte und beraten Familien. Was erleben Sie dort? Hannes Rogler: Fl\u00fcchtlingsfamilien haben h\u00e4ufig mit verschiedenen Problemen zu k\u00e4mpfen. 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