{"id":1280,"date":"2017-08-17T06:05:35","date_gmt":"2017-08-17T06:05:35","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1280"},"modified":"2017-08-17T06:05:35","modified_gmt":"2017-08-17T06:05:35","slug":"zahl-depressiver-und-traumatisierter-fluechtlinge-nimmt-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/zahl-depressiver-und-traumatisierter-fluechtlinge-nimmt-zu\/","title":{"rendered":"Zahl depressiver und traumatisierter Fl\u00fcchtlinge nimmt zu"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Fall des Hamburger Messerstechers Ahmad A. deutet auf ein Problem der deutschen Fl\u00fcchtlingspolitik hin: Psychisch auff\u00e4llige Asylbewerber werden nicht ausreichend betreut.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war Anfang vergangenen Jahres, als Freunde eine deutliche Wesensver\u00e4nderung an Ahmad A. bemerkten. Mal zog sich der in Saudi-Arabien geborene Pal\u00e4stinenser tagelang zur\u00fcck, trank keinen Alkohol und kiffte nicht mehr. Er ging dann \u00f6fter in die Moschee und beschimpfte seine muslimischen Freunde, sie w\u00fcrden die Regeln des Islam nicht befolgen.<\/p>\n<p>Von einem Tag auf den anderen war er aber wieder ganz normal: ein h\u00f6flicher, nachdenklicher junger Mann, der ab und an f\u00fcr seine Freunde kochte und die Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland nicht aufgegeben hatte. Er sei wohl einfach &#8222;psychisch fertig&#8220;, dachten die Freunde und Mitbewohner, ein bisschen neben der Spur.<\/p>\n<p>Anderthalb Jahre sp\u00e4ter stach Ahmad A. in Hamburg-Barmbek mit einem K\u00fcchenmesser auf f\u00fcnf Menschen ein und brachte einen von ihnen um.<\/p>\n<p>Der tragische Fall beleuchtet ein Problem der deutschen Fl\u00fcchtlingspolitik: Obwohl die Zahl psychisch auff\u00e4lliger <a class=\"text-link-int lp-text-link-int\" title=\"Fl\u00fcchtlinge\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/fluechtlinge\/\">Fl\u00fcchtlinge<\/a> in Deutschland w\u00e4chst, hinkt ihre Betreuung dieser Entwicklung weit hinterher. Bei Ahmad A. war das fatal. Trotz vieler Hinweise auf seine Ausf\u00e4lle, k\u00fcmmerte sich offenbar kein Psychologe um ihn, kein Arzt (lesen Sie dazu die <a class=\"spTextlinkExt text-link-ext lp-text-link-ext\" title=\"DER SPIEGEL 32\/2017: Der Fall Ahmad A. - Wie er sich vom freundlichen Abiturienten zum Attent\u00e4ter wandelte\" href=\"https:\/\/magazin.spiegel.de\/SP\/2017\/32\/152488138\/index.html\" target=\"_self\">Geschichte im SPIEGEL &#8222;Der Terror wird hierherkommen&#8220;<\/a>).<\/p>\n<p>Krieg, <a class=\"text-link-int lp-text-link-int\" title=\"Folter\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/folter\/\">Folter<\/a>, der Verlust von Angeh\u00f6rigen, wom\u00f6glich eine Flucht unter Lebensgefahr &#8211; viele Fl\u00fcchtlinge sind mit traumatischen Erfahrungen nach Deutschland gekommen: 2012 wurden in einer zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Bayern bei 62,3 Prozent aller Ankommenden eine oder mehrere psychiatrische Diagnosen gestellt. Rund ein Drittel aller Fl\u00fcchtlinge, so belegen wissenschaftliche Studien, leiden unter posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen &#8211; der Wert liegt um das Zehnfache h\u00f6her als in der deutschen Bev\u00f6lkerung. Rund 40 Prozent haben Anzeichen einer Depression, Suizidgedanken sind vor allem unter den M\u00e4nnern verbreitet.<\/p>\n<p>Aber auch wer keine traumatischen Erlebnisse mit nach Deutschland bringt, kann hier psychische Krisen entwickeln. Angst und Unsicherheit, sagt Mechthild Wenk-Ansohn, seien daf\u00fcr der N\u00e4hrboden.<\/p>\n<p>Seit 23 Jahren arbeitet die \u00c4rztin und Psychotherapeutin in der Ambulanz des Berliner Zentrums &#8222;\u00dcberleben&#8220;. Seit zwei Jahren erreichen sie und ihre 14 Kollegen, die in der Ambulanten Abteilung f\u00fcr die Behandlung von Folteropfern und traumatisierten Fl\u00fcchtlinge arbeiten, rund 20 Anfragen pro Woche. Viele k\u00f6nnen sie nur beraten und versuchen weiterzuvermitteln. Die Kapazit\u00e4ten reichen bei Weitem nicht aus.<\/p>\n<p><b>&#8222;Das beste Heilmittel ist eine klare Perspektive&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Zwar sei die Gesellschaft in den vergangenen Monaten offener geworden f\u00fcr die gesundheitlichen und seelischen Bed\u00fcrfnisse von Fl\u00fcchtlingen, sagt Wenk-Ansohn. Zwar habe es auch etwas mehr Geld f\u00fcr Personal und Dolmetscher gegeben, aber die Entscheidungen der Politik erschwerten oft genug die Arbeit der Therapeuten.<\/p>\n<p>Drohende <a class=\"text-link-int lp-text-link-int\" title=\"Abschiebung\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/abschiebung\/\">Abschiebung<\/a>, kein Zugang zu Deutschkursen, der erschwerte Familiennachzug &#8211; jede Versch\u00e4rfung in der Asylgesetzgebung kann die \u00c4rztin direkt an ihren Patienten ablesen. &#8222;Mit jemandem, der gerade mitbekommen hat, wie sein Zimmernachbar aus der Unterkunft zur Abschiebung abgeholt wurde, und nun Angst hat, dass er der N\u00e4chste ist, mit dem k\u00f6nnen Sie nicht \u00fcber seine traumatischen Kriegserlebnisse reden. Als Therapeuten k\u00f6nnen wir versuchen, einen Halt zu geben.&#8220; Das beste Heilmittel f\u00fcr traumatisierte Gefl\u00fcchtete sei Wertsch\u00e4tzung, Sicherheit &#8211; vor allem aber eine klare Perspektive.<\/p>\n<p>Wer diese nicht hat, wer keine Kurse besuchen und nicht arbeiten kann, wer nur im Heim herumsitzt und keine Aufgabe hat, der f\u00fchle sich schnell gedem\u00fctigt und w\u00fctend, der sei anf\u00e4lliger f\u00fcr eine psychische Krise &#8211; und damit im Extremfall auch f\u00fcr Terrorgruppen wie den &#8222;Islamischen Staat&#8220;. &#8222;Solche Gruppen suchen gezielt die Entwurzelten, die psychisch Labilisierten und geben ihnen vermeintlichen Halt&#8220;, sagt Wenk-Ansohn. Sie selbst hat vor Monaten solche Anwerbeversuche auf dem Gel\u00e4nde der Zentralen Aufnahmestelle f\u00fcr Asylbewerber in Berlin beobachtet. &#8222;Es kamen die Zeugen Jehovas, die Salafisten und sprachen die verzweifelten Wartenden an.&#8220; Der Verfassungsschutz registrierte in diesem Jahr bereits 430 F\u00e4lle, in denen <a class=\"text-link-int lp-text-link-int\" title=\"Islamisten\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/islamisten\/\">Islamisten<\/a> Kontakt zu Fl\u00fcchtlingen suchten.<\/p>\n<p>Deshalb m\u00fcssten die Betreuer in den Heimen f\u00fcr diese Entwicklungen sensibilisiert werden. Ver\u00e4ndert sich einer der Bewohner? Zieht er sich zur\u00fcck? Wird er pl\u00f6tzlich aggressiv? Es fehle vielen Betreuern jedoch Zeit und Fortbildung, um psychisch Belastete zu erkennen, mit ihnen zu sprechen &#8211; mithilfe eines Dolmetschers &#8211; und sie notfalls an Behandlungsstellen zu vermitteln, sagt die \u00c4rztin.<\/p>\n<p>Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr <a class=\"text-link-int lp-text-link-int\" title=\"Psychiatrie\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/psychiatrie\/\">Psychiatrie<\/a> und <a class=\"text-link-int lp-text-link-int\" title=\"Psychotherapie\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/psychotherapie\/\">Psychotherapie<\/a>, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat bereits im M\u00e4rz vergangenen Jahres in einem Positionspapier unter anderen gefordert, die Asylsuchenden bei der medizinischen Erstuntersuchung auch auf psychische Auff\u00e4lligkeiten hin zu testen und das Personal in den Aufnahme- und Betreuungseinrichtungen f\u00fcr psychische Krankheiten der Bewohner zu sensibilisieren. Viel sei seitdem nicht passiert, sagt Iris Hauth aus dem Vorstand der DGPPN. &#8222;Das Land Berlin zum Beispiel hat ein tolles Konzept erarbeitet, mit vielen niederschwelligen Angeboten f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Bisher wurde es aber nur ansatzweise umgesetzt.&#8220;<\/p>\n<p>Das Problem, sagt Hauth, versch\u00e4rfe sich von Jahr zu Jahr. Je l\u00e4nger ein Asylverfahren dauere, desto h\u00f6her sei die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr psychische Krankheiten. Die Chef\u00e4rztin einer psychiatrischen Klinik in Berlin Pankow sieht das an ihren eigenen Aufnahmezahlen. In dem Bezirk mit rund 5000 Asylbewerbern seien im vergangenen Jahr 80 Fl\u00fcchtlinge wegen akuter Krisen aufgenommen worden. Die Zahl sei in diesem Jahr schon nach sechs Monaten erreicht worden.<\/p>\n<p>Die Frage, ob eine rechtszeitige psychologische Betreuung Radikalisierte wie den Hamburger Attent\u00e4ter Ahmad A. davon abhalten k\u00f6nne, gewaltt\u00e4tig zu werden, l\u00e4sst sich schwer beantworten. Umgekehrt sagt die Traumatherapeutin Cornelia Reher: Gar nichts zu unternehmen wie im Fall von Ahmad A. ist von allen M\u00f6glichkeiten die schlechteste. Reher ist Vorsitzende von Segemi e.V., einem Hamburger Verein, der sich f\u00fcr eine bessere Betreuung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Migranten einsetzt. Von ihrer Arbeit wei\u00df sie, dass die allermeisten der Fl\u00fcchtlinge, die psychologische Betreuung brauchen, &#8222;eher depressiv und \u00e4ngstlich sind und ganz bestimmt nicht aggressiv&#8220;. Ist eine Person radikalisiert, hat sie laut Reher in der Regel kein Interesse mehr an einer Therapie.<\/p>\n<p>Das Problem k\u00f6nnte in naher Zukunft allerdings noch gr\u00f6\u00dfer werden: Nach der Befreiung von Rakka und Mossul aus der Macht des IS k\u00f6nnten zahlreiche ehemalige Dschihadisten nach Europa zur\u00fcckkehren. Neben der \u00dcberlegung, wie man sie bestrafen muss, stellt sich auch die Frage, in welcher Geistesverfassung sie zur\u00fcckkommen. Vertreter des &#8222;Radicalisation Awareness Network&#8220;, einem europ\u00e4ischen Zusammenschluss f\u00fchrender Experten auf dem Gebiet, fordern deshalb in einem aktuellen Bericht eine intensive Untersuchung der Psyche dieser Ex-K\u00e4mpfer. Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen, fr\u00fcherer Drogenmissbrauch, Symptome mentaler Erkrankungen, ein instabiles Umfeld: All das sind f\u00fcr sie Indizien f\u00fcr ein erh\u00f6htes Risiko. Manche der R\u00fcckkehrer, so halten die Fachleute n\u00fcchtern fest, &#8222;werden lebenslange Betreuung ben\u00f6tigen&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/fluechtlinge-zahl-depressiver-und-traumatisierter-asylbewerber-waechst-a-1161722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Quelle: Spiegel.de<\/strong><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fall des Hamburger Messerstechers Ahmad A. deutet auf ein Problem der deutschen Fl\u00fcchtlingspolitik hin: Psychisch auff\u00e4llige Asylbewerber werden nicht ausreichend betreut. &nbsp; Es war Anfang vergangenen Jahres, als Freunde eine deutliche Wesensver\u00e4nderung an Ahmad A. bemerkten. Mal zog sich der in Saudi-Arabien geborene Pal\u00e4stinenser tagelang zur\u00fcck, trank keinen Alkohol und kiffte nicht mehr. 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