{"id":1270,"date":"2017-07-30T20:48:30","date_gmt":"2017-07-30T20:48:30","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1270"},"modified":"2017-07-30T20:48:30","modified_gmt":"2017-07-30T20:48:30","slug":"integration-von-fluechtlingen-in-marzahn-ein-gluecksfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/integration-von-fluechtlingen-in-marzahn-ein-gluecksfall\/","title":{"rendered":"Integration von Fl\u00fcchtlingen in Marzahn: Ein Gl\u00fccksfall"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\" role=\"main\">Martin Zoonobi ist aus dem Iran gefl\u00fcchtet und spielt nun Fu\u00dfball beim 1. FC Marzahn. Das ist dort keine gro\u00dfe Sache: \u201eFu\u00dfball f\u00fcr alle\u201c lautet der Slogan des Clubs.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">Martin Zoonobi wartet, bis er an der Reihe ist. Sein Fu\u00df ruht auf dem Ball, die H\u00e4nde hat der schmale Mann mit den kurzen Haaren in die H\u00fcften gestemmt. Dann dribbelt er los, l\u00e4uft auf das Tor zu, schie\u00dft \u2013 und der Ball geht in der unteren linken Ecke ins Tor. Seit etwa einem Jahr trainiert Martin Zoonobi beim 1. FC Marzahn 94: Seit er mit seiner Familie aus einer Fl\u00fcchtlingsunterkunft in K\u00f6penick ausgezogen ist und in der N\u00e4he des S-Bahnhofs Ahrensfelde eine Wohnung gefunden hat.<\/p>\n<p class=\"article even\">Eine Stunde vorher. Zoonobi betritt die Terrasse des Vereinsheims. \u201eDie Jungs haben gesagt, ich soll n\u00e4chste Woche beim Turnier spielen\u201c, ruft er Tino Streuffert zu, dem zweiten Vorsitzenden des Vereins. \u201eKlar\u201c, antwortet dieser. \u201eDa gibt es das ganze Programm: spielen, grillen, trinken!\u201c Die beiden lachen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Zoonobi stammt aus der Stadt Schiras im S\u00fcden Irans. \u201eDa habe ich auch schon Fu\u00dfball gespielt\u201c, berichtet er. Vor zwei Jahren floh er mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Deutschland. In Berlin lie\u00df er sich taufen \u2013 im Iran h\u00e4tten darauf Folter oder sogar die Todesstrafe gestanden. Nur historisch verwurzelte Gruppen wie etwa die armenischen Gemeinden haben dort gewisse Rechte. Konvertiten sowie deren Nachfahren hingegen werden verfolgt und sind gezwungen, ihren Glauben im Geheimen auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"article even\">Beim 1. FC Marzahn 94 nennen ihn viele der Jungs, mit denen Zoonobi jede Woche kickt, \u201eMomo\u201c. Das ist die Kurzform des Vornamens, den er bei seiner Taufe abgelegt hat: Mohammed Ali. Jetzt hei\u00dft er Martin. Auf seiner Brust baumelt im Ausschnitt des ge\u00f6ffneten Hemds eine Kette mit einem Kreuzanh\u00e4nger. Zoonobi strahlt. \u201eMein Deutsch ist noch nicht so gut\u201c, sagt er, \u201eaber es wird besser. Und notfalls mit Pantomime.\u201c Dann verschwindet er Richtung Umkleidekabine.<\/p>\n<p class=\"article odd\">\u201eDer Momo ist f\u00fcr uns ein Gl\u00fccksfall, sowohl fu\u00dfballerisch als auch menschlich\u201c, sagt Andr\u00e9 Krause-Hofses, dritter Vorsitzender des Vereins und Trainer der Zweiten Herrenmannschaft. \u201eDer ist inzwischen fester Bestandteil der Mannschaft.\u201c Am Anfang habe Zoonobi auch als Freiwilliger bei der Bewirtschaftung des Platzes geholfen: \u201eRasen gem\u00e4ht, sich um die B\u00e4lle gek\u00fcmmert, so was\u201c, sagt Krause-Hofses. \u201eDa war sein Asylverfahren noch nicht durch. Er durfte nicht arbeiten und hatte den ganzen Tag nichts zu tun. Da hat er gefragt, ob er hier helfen kann\u201c, erg\u00e4nzt Streuffert.<\/p>\n<p class=\"article even\">Jetzt ist Zoonobi auf Jobsuche. Beim Grillen nach dem Heimspiel oder beim Zusammensitzen nach dem Training ist er trotzdem immer dabei. \u201eMomo ist beliebt in der Mannschaft\u201c, sagt Streuffert.<\/p>\n<h6>Alle spielen eben Fu\u00dfball<\/h6>\n<div class=\"article rack no7\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_quote \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody quote obj\">\n<p>Besonderen Wirbel macht der Verein um sein Engagement nicht. Nirgends ein \u201eRefugees Welcome\u201c-Banner, keine Eintr\u00e4ge auf der Webseite.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article odd\">Der Fu\u00dfballverein, in dem auch Gefl\u00fcchtete spielen \u2013 es ist eins der fast schon zu klischeehaften Idealbilder funktionierender Willkommenskultur. Besonderen Wirbel macht der 1. FC Marzahn 94 um sein Engagement aber nicht. Nirgends ein \u201eRefugees Welcome\u201c-Banner, keine Eintr\u00e4ge auf der Webseite oder gro\u00dfe Medienberichterstattung, keine Antr\u00e4ge auf F\u00f6rdergelder. \u201eDer Slogan unseres Vereins lautet schon von jeher: \u201aFu\u00dfball f\u00fcr alle\u2018\u201c, betont Streuffert. Und so spielen sie halt Fu\u00dfball.<\/p>\n<p class=\"article even\">Gefl\u00fcchtete mit solch einer fast schon banalen Selbstverst\u00e4ndlichkeit in den Spielalltag zu integrieren, das ist kein Regelfall in einem Bezirk wie Marzahn-Hellersdorf. 13,9 Prozent der AnwohnerInnen haben hier einen Migrationshintergrund, der Ausl\u00e4nderanteil liegt bei 5,9 Prozent \u2013 mit beiden Werten belegt der Bezirk berlinweit den vorletzten Platz.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Was hingegen hoch ist, ist die Zahl rechtsextremer und rassistischer Aktivit\u00e4ten. \u201eIch erinnere mich noch gut an die Montagsmahnwachen\u201c, sagt Krause-Hofses. Auch bei ihnen zu Hause seien diese von Neonazis initiierten Protestm\u00e4rsche gegen Fl\u00fcchtlingsheime vorbeigelaufen. Der Verein sei von Anfeindungen aber verschont geblieben.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Marzahn-Hellersdorf<\/p>\n<div class=\"article rack no10\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_text \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody\">\n<p><b>Der Bezirk:<\/b> Marzahn-Hellersdorf entstand 2001 durch die Fusion der Bezirke Marzahn und Hellersdorf; es hat 262.000 Einwohner. Hier befindet sich die gr\u00f6\u00dfte Gro\u00dfsiedlung, die in industrieller Plattenbauweise in der DDR errichtet wurde. Nach der Wende erfuhr der Bezirk Abwanderung und Abwertung. Inzwischen sind Wohnungen hier so schwer zu finden wie in ganz Berlin.<\/p>\n<p><b>Die Serie:<\/b> Seit April bringt die Internationale Gartenausstellung (IGA) \u2013 sie l\u00e4uft noch bis Oktober \u2013 viele Besucher nach Marzahn-Hellersdorf. Parallel dazu widmet sich die taz dem Wandel im Bezirk mit einer Serie. <i>(taz)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article even\">Etwa 280 Mitglieder hat der 1. FC Marzahn 94, etwa ein Viertel davon hat Migrationshintergrund, sch\u00e4tzt Streuffert. \u201eWir haben hier viele Vietnamesen, Russen und Leute aus den baltischen Staaten.\u201c Der Verein will offen sein f\u00fcr alle und w\u00e4hlt seine Mitglieder nicht nach Leistung aus. \u201eDeswegen haben wir auch gerade bei den Jugendlichen viele aus sozial schwachen Familien\u201c, sagt Streuffert. \u201eDie trainieren wir nicht nur, die betreuen wir bis zu einem gewissen Grad auch.\u201c Etwa die H\u00e4lfte der Jugendlichen begleiche die Mitgliedsbeitr\u00e4ge \u00fcber Bildungsgutscheine vom Jobcenter.<\/p>\n<h6>Aktiv bei der Integration<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Auch im Hellersdorfer FC spielen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung gemeinsam Fu\u00dfball. Ende 2015 schauten dort ein paar Kinder mit Inter\u00adesse am Fu\u00dfballspielen aus einer nahe gelegenen Unterkunft vorbei. Anfang 2016 entschied sich der Verein dann aktiv daf\u00fcr, Gefl\u00fcchtete ins Training zu integrieren, beantragte F\u00f6rdergelder, unter anderem beim Landessportbund. Auch der Berliner Fu\u00dfballverband sei auf sie zugekommen, sagt Gabriel Preu\u00df, Vorsitzender des Hellersdorfer FC.<\/p>\n<p class=\"article even\">\u201eWir sind da ein bisschen blau\u00e4ugig reingeschlittert\u201c, sagt Preu\u00df. \u201eWir hatten eine Person, die das hauptamtlich gemacht hat. Aber bald war die Nachfrage so gro\u00df, dass das f\u00fcr einen allein nicht mehr zu schaffen war.\u201c Seitdem gibt es f\u00fcr die gefl\u00fcchteten Kinder und Jugendlichen einen eigenen Spieltermin. \u201eAber Kinder, die nicht nur Lust auf ein bisschen Kicken mit Freunden haben, sondern richtig Fu\u00dfball spielen wollen, integrieren wir schrittweise in den normalen Spielbetrieb.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Anfangs habe es durchaus Ressentiments gegeben, vor allem unter den Eltern, erz\u00e4hlt Preu\u00df. \u201eDie haben sich dar\u00fcber beschwert, dass ihr Kind zahlen muss, w\u00e4hrend die gefl\u00fcchteten Kinder kostenfrei spielen k\u00f6nnen.\u201c Einmal habe ein Jugendlicher auch \u201enicht so freundliche Worte\u201c den gefl\u00fcchteten Mitspielern gegen\u00fcber in den Mund genommen. \u201eAber wir haben da als Verein gut drauf reagiert\u201c, findet Preu\u00df: Der Jugendliche sei des Platzes verwiesen und sp\u00e4ter vom Vorstand zur Rede gestellt worden.<\/p>\n<p class=\"article even\">\u201eIch h\u00e4tte erwartet, dass gerade von der \u201aLaufkundschaft\u2018, also von den Anwohnern, mehr \u00fcber den Zaun gerufen wird\u201c, sagt Preu\u00df. Aber auch da habe es nur einen Fall gegeben, ganz zu Anfang. Inzwischen trainieren knapp 40 gefl\u00fcchtete Kinder und 15 Erwachsene im Verein, viele davon wohnten in der gerade leergezogenen Notunterkunft Ruschestra\u00dfe in Lichtenberg.<\/p>\n<h6>Ein Mannschaftssport<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Auch beim 1. FC Marzahn 94 ist Martin Zoonobi nicht der einzige Gefl\u00fcchtete, der auf dem Platz des Vereins Fu\u00dfball spielt. Bei den Ersten Herren kommt einer der Spieler urspr\u00fcnglich aus dem Irak. Es seien mal mehr Spieler gewesen, sagt Streuffert. Einige seien inzwischen in anderen Bundesl\u00e4ndern, andere h\u00e4tten mit dem Training aufgeh\u00f6rt. Auch bei den Jugendlichen spielen Kinder aus gefl\u00fcchteten Familien, die in der k\u00fcrzlich er\u00f6ffneten Unterkunft in der Wittenberger Stra\u00dfe wohnen.<\/p>\n<p class=\"article even\">Eine Spielzeit pro Woche hat der Verein einer Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der zwei Kilometer entfernten Notunterkunft Bitterfelder Stra\u00dfe \u00fcberlassen. Damit habe es auch angefangen, sagt Streuffert. Die Volkssolidarit\u00e4t habe als Betreiber der Unterkunft damals angefragt, und montags sei noch ein Zeitfenster frei gewesen. Der Verein habe das Team dann mit aussortierten Trikots ausgestattet, und das Training konnte losgehen. \u201eDas ist ein tolles Erlebnis f\u00fcr die Jugendlichen\u201c, sagt Streuffert.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Auch f\u00fcr die Erwachsenen kommt beim Training mehr heraus als nur sportliche Bet\u00e4tigung. \u201eAm Anfang haben Momo und ich uns noch viel \u00fcber das Smartphone verst\u00e4ndigt, da konnte er eine App zum \u00dcbersetzen benutzen\u201c, sagt Streuffert. Heute sei das nicht mehr n\u00f6tig. Und nicht nur sprachlich helfe das Training beim Ankommen: \u201eFu\u00dfball ist ein Mannschaftssport. Einer allein kommt da nicht weit\u201c, so Streuffert. \u201eMan muss sich einbringen und an\u00adein\u00adander anpassen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Integration-von-Fluechtlingen-in-Marzahn\/!5412463\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Zoonobi ist aus dem Iran gefl\u00fcchtet und spielt nun Fu\u00dfball beim 1. FC Marzahn. Das ist dort keine gro\u00dfe Sache: \u201eFu\u00dfball f\u00fcr alle\u201c lautet der Slogan des Clubs. &nbsp; Martin Zoonobi wartet, bis er an der Reihe ist. 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