{"id":1262,"date":"2017-07-10T22:58:16","date_gmt":"2017-07-10T22:58:16","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1262"},"modified":"2017-07-10T22:58:16","modified_gmt":"2017-07-10T22:58:16","slug":"unterbringung-von-gefluechteten-in-berlin-es-gibt-ein-zweiklassensystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/unterbringung-von-gefluechteten-in-berlin-es-gibt-ein-zweiklassensystem\/","title":{"rendered":"Unterbringung von Gefl\u00fcchteten in Berlin: \u201eEs gibt ein Zweiklassensystem\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\">Zwei Jahre nach dem Fl\u00fcchtlingssommer l\u00e4uft weiterhin viel schief, sagt Diana Henniges von \u201eMoabit hilft\u201c. Zudem halte sich Rot-Rot-Gr\u00fcn sich nicht an Wahlversprechen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\"><strong>taz: Frau Henniges, vor fast zwei Jahren begann die Fl\u00fcchtlingskrise und \u201eMoabit hilft\u201c wurde bundesweit bekannt als Helfer in der Not f\u00fcr tausende Fl\u00fcchtlinge, die vor dem Lageso gestrandet waren. Sind Sie inzwischen arbeitslos geworden?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Diana Henniges<\/strong>: Nein, im Gegenteil. Die ganze Szene der Fl\u00fcchtlingshelfer hat sich professionalisiert, in vielen Organisationen, nicht nur unserer, arbeiten jetzt Leute auf hauptamtlicher Ebene. Wir haben derzeit viereinhalb bezahlte Stellen und acht Bufdis.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Was machen die alle?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Vieles, das von au\u00dfen gar nicht sichtbar sind. Wir bereiten Fl\u00fcchtlinge auf ihre Asylanh\u00f6rung vor, \u00fcbersetzen f\u00fcr sie, machen ihre Korrespondenz mit Jobcenter, Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde und anderen \u00c4mtern, wir besorgen Duldungen, sch\u00fctzen vor der Abschiebung, indem wir Perspektiven bieten, etwa helfen eine Ausbildung zu finden oder einen Sprachkurs. Und wir machen immer noch ganz viel Monitoring.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Das hei\u00dft?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Wir gehen in die Unterk\u00fcnfte und dokumentieren, wie die Zust\u00e4nde dort sind. Dann versuchen wir mit den Betreibern und Helferorganisationen vor Ort die Dinge zu verbessern. Wenn das nicht funkioniert, wenden wir uns ans LAF (<em>Landesamt f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsangelegenheiten, Anm.d.Red.<\/em>), an sein Qualit\u00e4tsmangement. Das arbeitet allerdings sehr holprig, da die viel zu wenig Personal haben. Wenn das auch nicht funktioniert, wenden wir uns an das B\u00fcro von Sozialsenatorin Elke Breitenbach. Das ganze gestaltet sich aber sehr schwierig.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Sie meinen, die Qualit\u00e4t der Unterk\u00fcnfte zu verbessern?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja. Das und die fehlende Informationspolitik gegen\u00fcber den Fl\u00fcchtlingen. Es geht immer um die Pflichten der Fl\u00fcchtlinge, nie um ihre Rechte. Dann bekommen sie Unterlagen, die sie nicht verstehen. Es gibt keine einzige Beh\u00f6rde, die so kommuniziert, dass es verst\u00e4ndlich ist f\u00fcr einen Gefl\u00fcchteten. Das ist B\u00fcrokratendeutsch mit katastrophalen \u00dcbersetzungen! Und dann bekomme teilweise Iraner eine arabische \u00dcbersetzung, Araber was auf Albanisch, alles sehr chaotisch. Ich sehe da zwar schon Verbesserungen, aber es sind noch sehr viele Dinge im Argen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Damals wurde kritisiert, dass die Freiwilligen die Arbeit machen, die eigentlich Sache von Beh\u00f6rden ist. Es klingt, als sei es heute nicht anders.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, leider es gibt immer noch Staatsversagen. Auch akut versagt die Senatsverwaltung heftigst. Viele Unterbringungsleistungen sind ungen\u00fcgend. Und man kann sich nun nicht mehr damit rausreden, dass es nicht gen\u00fcgend Unterk\u00fcnfte gibt. Man muss die Versorgung in den Heimen nat\u00fcrlich auf Menschenw\u00fcrde aufbauen. Wenn Betreiber wie ASB, Caritas, AWO sich dazu bekennen, dass sie Leistungen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden erbringen wollen, dann muss man sich daran halten.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Was sind denn die gr\u00f6\u00dften Probleme in den Unterk\u00fcnften?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ein ganz, ganz gro\u00dfes ist Wanzenbefall, den haben wir in vielen Unterk\u00fcnften. Und es ist sehr teuer, dagegen professionell vorzugehen \u2013 also sparen sich das die Betreiber. Man braucht K\u00e4ltekammern, muss Matratzen austauschen, regelm\u00e4\u00dfige Hygienekontrollen machen, den ganzen Tag ausreichend Duschen mit hei\u00dfem Wasser vorhalten. Man weigert sich aber nach wie vor erg\u00e4nzende Duschcontainer aufzustellen, weil das in der Anschaffung teuer ist. Die Betreiber sagen dann, ach, wir schlie\u00dfen eh Ende des Jahres oder Mitte n\u00e4chsten Jahres. Die Endlichkeit der Unterbringung f\u00fchrt dazu, dass die Qualit\u00e4t immer weiter herab sinkt. Es fehlt mancherorts an abschlie\u00dfbaren T\u00fcren \u2013 seit zwei Jahren! Menschen, die eine Chemotherapie bekommen, sind in Notunterk\u00fcnften, wo sie sich nicht selbst versorgen k\u00f6nnen und mit sechs Leuten in einem Zimmer wohnen m\u00fcssen. Gefl\u00fcchtete mit schweren Traumatisierungen ebenfalls!<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Es gab zuletzt viele Proteste wegen des Essens. Sehen Sie das auch als gro\u00dfes Problem?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja. Ich denke, nach zwei, teilweise drei Jahren will keiner mehr aus Folien essen. Das Essen ist gr\u00f6\u00dftenteils wirklich schlecht. Viele Caterer bem\u00fchen sich zwar redlich, eine bessere Verpflegung zu schaffen. Aber es ist schwierig f\u00fcr 800 Personen gut zu kochen. Und die Qualit\u00e4t der Lebensmittel ist oft schlecht, weil die billigsten Produkte genommen werden \u2013 weil die Tagess\u00e4tze niedrig sind und viele Betreiber zudem eine maximale Gewinnspanne rausholen wollen. Man spart, wo es geht, beim Essen, bei den Matratzen, den Mitarbeitern. Uns fehlen immer noch Kinderbetreuer in ganz vielen Unterk\u00fcnften.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Das Lageso hei\u00dft nun LAF. Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit des Amtes heute?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Nach wie vor arbeiten dort Menschen, die sich extrem M\u00fche geben, sich ein Bein ausrei\u00dfen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete. Und dann gibt es die, die Dienst nach Vorschrift machen, f\u00fcr absolute Katastrophen sorgen und kein Interesse haben, mit uns zusammen arbeiten. Auch die neue Pr\u00e4sidentin des LAF, Claudia Langeheine, ist f\u00fcr uns ein Phantom geblieben, wir haben sie nur einmal gesehen, seit sie vorigen August ins Amt kam. Seitens des LAF scheint kein gro\u00dfes Interesse an Zusammenarbeit zu bestehen. Das sagen auch andere Initiativen. Wir w\u00fcrden daher gerne verst\u00e4rkt mit der Senatsverwaltung f\u00fcr Soziales zusammenarbeiten, die ist ja weisungsbefugt gegen\u00fcber dem LAF.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Wie finden Sie die neue Sozialsenatorin Elke Breitenbach?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ich muss leider sagen, nach \u00fcber einem halben Jahr Rot-Rot-Gr\u00fcn und zwei Gespr\u00e4chen, die wir bislang mit ihrem B\u00fcro hatten, sind da sehr viele Worte und Beteuerungen, aber die eigentlichen Ergebnisse entt\u00e4uschen uns sehr.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Was fordern Sie denn von ihr?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Eine unserer Forderungen ist derzeit, dass Menschen aus sicheren Herkunftsl\u00e4ndern, wenn sie l\u00e4nger hier bleiben in Gemeinschaftsunterk\u00fcnften untergebracht werden, nicht in Notunterk\u00fcnften mit Sachleistungsprinzip wie es die bundesweite Gesetzeslage vorsieht. Frau Breitenbach hat sich dazu mehrfach uns gegen\u00fcber schriftlich bekannt, aber dies leider nicht in die Praxis umgesetzt.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Menschen aus sicheren Herkunftsl\u00e4ndern werden gezielt in Notunterk\u00fcnften gehalten?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja. Sie werden separiert, es gibt eine Zwei-Klassen-Fl\u00fcchtlingsunterbringung. Eine weitere Forderung von uns ist, dass die neue \u201eFl\u00fcchtlingsschule\u201c, nur mit Willkommensklassen, in der Sch\u00f6neberger Teske-Schule nicht realisiert wird. F\u00fcr die Kinder dort ist es fast unm\u00f6glich sich ins Regelschulsystem zu integrieren. Das ist auch ein Armutszeugnis f\u00fcr die Linke, die vor der Wahl ganz klar gesagt hat, dass es mit ihr so etwas nicht geben wird. Hier haben wir schon die erste Wahll\u00fcge. Dann fordern wir auch einen Heim-T\u00dcV.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Der steht auch im Koalitionsvertrag.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, genau. Aber man hat uns gesagt: Ja, wenn erstmal die Vertr\u00e4ge mit Betreibern erneuert sind, das k\u00f6nnte ein bis zwei Jahre dauern, dann k\u00f6nnte man anfangen auf dieser Basis einen Heim-T\u00dcV einzuf\u00fchren. Das hei\u00dft im Umkehrschluss: Die Betreiber d\u00fcrfen nahezu alles machen, was sie wollen, solange sie keinen neuen Vertr\u00e4ge haben.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Aber f\u00fcr die neuen Unterk\u00fcnften, die so genannten MUFs und Tempohomes, gibt es doch Vertr\u00e4ge.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, genau. Aber das hilft nat\u00fcrlich nicht den Leuten, die jetzt in einer Notunterkunft leben. Da gibt es viele Punkte, \u00fcber die man reden muss, da muss die Sozialverwaltung mehr liefern! Es muss jetzt etwas getan werden f\u00fcr die Unterk\u00fcnfte ohne Vertr\u00e4ge, wenigstens muss das Personal beim LAF f\u00fcr die Kontrollen massiv aufgestockt werden.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Wenn morgen erneut ein Fl\u00fcchtlingsansturm wie 2015 k\u00e4me \u2013 w\u00e4re Berlin besser vorbereitet?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Auf jeden Fall. Es gibt ein Ankunftszentrum, es gibt frei gehaltene Pl\u00e4tze in Unterk\u00fcnften und viele Dinge, die heute einfacher w\u00e4ren. Aber die Menschen w\u00e4ren \u00f6ffentlich nicht mehr zu sehen, anders als damals am Lageso, das w\u00e4re ganz schlecht. Weil unterhalb des Radars eben immer noch viel schief l\u00e4uft, viele gesetzliche Leistungen nicht erbracht werden.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Viele Helferorganisationen klagen, die Hilfsbereitschaft der B\u00fcrgerInnen gehe zur\u00fcck. Sp\u00fcren Sie das auch?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Wir haben immer noch die stetigen, hartn\u00e4ckigen Menschen, die kaum Luft holen vor lauter Engagement. Aber auch wir haben ein Problem Leute zu finden etwa f\u00fcr die Kleiderkammer, keiner will mehr Klamotten sortieren. Au\u00dferdem sind unsere Arbeitszeiten schwierig, wir haben ja tags\u00fcber auf, das k\u00f6nnen Arbeitnehmer nicht. Und bei vielen Ehrenamtlichen ist die Luft raus, weil sie sagen, sie haben keinen Bock mehr die Arbeit der Senatsverwaltung zu machen. Viele haben auch keine Kapazit\u00e4t mehr sich so einzusetzen wir vorletztes oder letztes Jahr. Damals haben sie ihren Jahresurlaub genommen um zu helfen, daf\u00fcr hat heute kein Arbeitgeber mehr Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p class=\"article even\">\n<p class=\"article even\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Unterbringung-von-Gefluechteten-in-Berlin\/!5423759\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Jahre nach dem Fl\u00fcchtlingssommer l\u00e4uft weiterhin viel schief, sagt Diana Henniges von \u201eMoabit hilft\u201c. Zudem halte sich Rot-Rot-Gr\u00fcn sich nicht an Wahlversprechen. &nbsp; taz: Frau Henniges, vor fast zwei Jahren begann die Fl\u00fcchtlingskrise und \u201eMoabit hilft\u201c wurde bundesweit bekannt als Helfer in der Not f\u00fcr tausende Fl\u00fcchtlinge, die vor dem Lageso gestrandet waren. 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