{"id":1153,"date":"2016-10-16T12:01:26","date_gmt":"2016-10-16T12:01:26","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1153"},"modified":"2016-10-16T12:01:26","modified_gmt":"2016-10-16T12:01:26","slug":"30-jahre-verein-iranischer-fluechtlinge-kann-man-so-lange-im-exil-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/30-jahre-verein-iranischer-fluechtlinge-kann-man-so-lange-im-exil-leben\/","title":{"rendered":"30 Jahre Verein Iranischer Fl\u00fcchtlinge: \u201eKann man so lange im Exil leben?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\">Hamid Nowzari floh selbst vor der Islamischen Revolution in Iran. Sein Verein hilft muslimischen Fl\u00fcchtlingen und arbeitet gegen Vorurteile aller Art.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\"><strong>taz: Herr Nowzari, Ihr Verein ist eine der \u00e4ltesten iranischen Exilorganisationen in Deutschland. Wer waren vor 30 Jahren die Gr\u00fcnderInnen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Hamid Nowzari:<\/strong> Wir waren Menschen, die in den Jahren nach der Revolution im Iran 1979 vor dem islamischen Mullah-Regime fl\u00fcchteten. Aber auch IranerInnen, die bereits fr\u00fcher vor dem Schah-Regime nach Deutschland geflohen waren. 1986 haben wir uns dann als Verein konstituiert.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Also GegnerInnen des Schahregimes und der islamischen Herrschaft?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Genau. Wir hatten nach der Revolution und dem Sturz des Schahs ja zun\u00e4chst gedacht, die politischen Verh\u00e4ltnisse im Iran w\u00fcrden sich verbessern. Aber wir haben uns leider get\u00e4uscht \u2013 in allen Punkten.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Mit der Macht\u00fcbernahme der schiitischen Islamisten nach der Revolution haben die Menschen im Iran nicht nur ihre politische, sondern auch ihre soziale und pers\u00f6nliche Freiheit verloren. Die Debatte dar\u00fcber, wie es dazu kommen konnte, hat neben der Beratung und Betreuung f\u00fcr Gefl\u00fcchtete auch unsere ersten Jahre im Exil gepr\u00e4gt. Viele von uns hatten die Revolution als Erhebung gegen das Schah-Regime ja unterst\u00fctzt. Wir haben uns gefragt, was wir falsch gemacht hatten.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Und zu welchen Ergebnissen sind sie damals gekommen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Wir hatten vielleicht zu wenig erkannt, wie wichtig es ist, pers\u00f6nliche Freiheiten, B\u00fcrgerrechte, Frauenrechte, Rechte von Minderheiten zu sch\u00fctzen. Der Kampf gegen die Diktatur des Schah-Regimes hatte diese Werte an den Rand r\u00fccken lassen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Hatte diese Einsicht Konsequenzen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ich w\u00fcrde sagen, dass sie sich ausgewirkt hat auf unsere politischen Vorstellungen und das, was wir heute tun und wie wir heute arbeiten.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Wir sind heute konfrontiert mit einer gesellschaftlichen Situation in Deutschland, in der wieder viele muslimische Fl\u00fcchtlinge kommen und gleichzeitig eine rechte und antiislamische Bewegung erstarkt. Wir sind selbst vor islamistischer Unterdr\u00fcckung gefl\u00fcchtet. In unserer Arbeit mit Gefl\u00fcchteten hier sehen wir uns in der Situation, muslimische Gefl\u00fcchtete gegen rassistische und antiislamische Anfeindungen sch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Gleichzeitig verteidigen wir die Rechte von Frauen, Homosexuellen, Andersgl\u00e4ubigen gegen Ressentiments mancher muslimischer Gefl\u00fcchteter. Da geht es um individuelle pers\u00f6nliche Freiheiten und B\u00fcrgerInnenrechte, die hier gl\u00fccklicherweise jedem zustehen \u2013 und f\u00fcr die wir k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Ihr Verein ber\u00e4t Fl\u00fcchtlinge aus dem Iran. Und seit sechs Jahren \u2013 im Auftrag des Berliner Senats \u2013 auch Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan. Wie beurteilen Sie die Bem\u00fchungen Deutschlands, Afghanistan zu einem sicheren Herkunftsland zu erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Aus unserer Sicht w\u00e4re das eine fatale Entscheidung. Afghanistan ist nicht sicher. Dass ihre Asylverfahren deswegen hinausgez\u00f6gert werden und dass ihnen st\u00e4ndig Abschiebung droht, versetzt die afghanischen Gefl\u00fcchteten hier in einen l\u00e4hmenden Zustand der Dauerangst.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Viele afghanische Gefl\u00fcchtete kommen auch aus dem Iran \u2026<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">\u2026 wo ihnen als Fl\u00fcchtlinge alle B\u00fcrgerrechte verweigert werden. Das ist f\u00fcr die erste Generation der in den Iran gefl\u00fcchteten Afghanen oft noch hinnehmbar: Sie finden irgendeine illegale Arbeit, mit der sie die Familie \u00fcber Wasser halten k\u00f6nnen. Aber wenn sie sehen, dass ihren Kindern dort Papiere und damit Bildung und eine bessere Zukunft verwehrt werden, schicken sie diese weiter auf die Flucht nach Europa. In diesem Jahr haben bereits mehr als 100.000 AfghanInnen Asylantr\u00e4ge gestellt in Deutschland, das sind sechsmal so viele wie 2015.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Worin besteht Ihre t\u00e4gliche Arbeit mit den Gefl\u00fcchteten?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Wir helfen beim Verstehen der Papiere, beraten im Asylverfahren und bei anderen Sachen. Wir machen auch Gruppenberatungen, bei denen die Gefl\u00fcchteten Kontakte miteinander kn\u00fcpfen k\u00f6nnen, und Besuche in Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften, um uns \u00fcber die Lebenssituation der Gefl\u00fcchteten auf dem Laufenden zu halten.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Gelingt es den Menschen, sich hier ein neues Leben aufzubauen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Das f\u00e4llt den iranischen Fl\u00fcchtlingen meist leichter als denen aus Afghanistan. Die meisten haben bessere Ausbildungen, sprechen Englisch und finden hier ein besseres Netzwerk vor. Bei den Afghanen dauert das oft etwas l\u00e4nger, weil ihr Bildungsstand meistens etwas schlechter ist. Aber viele finden einfache Jobs, und die J\u00fcngeren machen Ausbildungen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Sie sind 1980 aus dem Iran gefl\u00fcchtet. Haben Sie seinerzeit mit einer so langen Exilzeit gerechnet?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Dass ich mehr als drei Jahrzehnte hier leben w\u00fcrde, damit habe ich nie gerechnet. Wir dachten damals, wir k\u00f6nnen nach sp\u00e4testens zehn Jahren zur\u00fcck. Als ich hier herkam, habe ich jemanden getroffen, der bereits 27 Jahre lang als Fl\u00fcchtling vor dem Schah hier lebte. Damals habe ich gedacht: \u201eWie kann man so lange im Exil leben?\u201c Nun bin ich fast 37 Jahre hier. Und ich erlebe, dass die Fl\u00fcchtlinge, die heute aus dem Iran herkommen, auch denken, sie k\u00f6nnen in einigen Jahren zur\u00fcck. Das betrifft aber meiner Erfahrung nach Gefl\u00fcchtete aus allen L\u00e4ndern: Sie denken anfangs, sie k\u00f6nnten in wenigen Jahren zur\u00fcck \u2013 bis die Wirklichkeit sie einholt.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Halten Sie eine Ver\u00e4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse im Iran zum Besseren derzeit f\u00fcr m\u00f6glich?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Der Iran hat sich in einiger Hinsicht ge\u00e4ndert, aber nicht in politischer Hinsicht zum Besseren. Wer sich anpasst, unpolitisch bleibt und sich mit dem so genannten Reformfl\u00fcgel in der Politik zufrieden gibt, kann dort in relativer Ruhe leben. Kritiker werden aber nach wie vor verfolgt und zum Schweigen gebracht.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Sie waren seit Ihrer Flucht nie wieder im Iran. Warum?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Unabh\u00e4ngig davon, ob eine Reise dorthin f\u00fcr mich gef\u00e4hrlich w\u00e4re oder nicht: Ich m\u00f6chte nicht in ein Land zur\u00fcckkehren, in dem Verh\u00e4ltnisse herrschen, wie sie derzeit im Iran bestehen. Und solange sich das nicht \u00e4ndert, m\u00f6chte ich nicht in den Iran zur\u00fcck.<\/p>\n<div class=\"secthead\">\n<h2>Verein iranischer Fl\u00fcchtlinge<\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<p>Der Verein ist eine Beratungsstelle f\u00fcr in Berlin lebende Iraner und Afghanen. Er ber\u00e4t im Asylverfahren, hilft Gefl\u00fcchteten dabei, sich zu vernetzen, und besucht Heime.<\/p>\n<p>Am heutigen Mittwoch feiert der Verein seinen 30. Geburtstag ab 18.30 Uhr in der Werkstatt der Kulturen in Neuk\u00f6lln. Das Programm besteht aus einem Film \u00fcber die Arbeit des Vereins, Musik, Ansprachen unter anderem der Senatorin f\u00fcr Integra\u00adtion, Dilek Kolat (SPD), und einem Imbiss. <i>(taz)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/30-Jahre-Verein-Iranischer-Fluechtlinge\/!5343861\/\" target=\"_blank\"><span style=\"font-size: 18pt;\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamid Nowzari floh selbst vor der Islamischen Revolution in Iran. Sein Verein hilft muslimischen Fl\u00fcchtlingen und arbeitet gegen Vorurteile aller Art. &nbsp; taz: Herr Nowzari, Ihr Verein ist eine der \u00e4ltesten iranischen Exilorganisationen in Deutschland. Wer waren vor 30 Jahren die Gr\u00fcnderInnen? 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