{"id":1119,"date":"2016-08-19T09:46:52","date_gmt":"2016-08-19T09:46:52","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1119"},"modified":"2016-08-19T09:46:52","modified_gmt":"2016-08-19T09:46:52","slug":"fluechtlinge-in-griechenland-eigentlich-keine-kraft-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/fluechtlinge-in-griechenland-eigentlich-keine-kraft-mehr\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge in Griechenland: Eigentlich keine Kraft mehr"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\">Die Familie Marbuk sitzt in einem griechischen Milit\u00e4rcamp im Lager Softex fest. Dabei m\u00fcsste sie l\u00e4ngst an einem anderen Ort sein.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">SALONIKI <em>taz<\/em> | Zu sechst leben die Marbuks in einem Milit\u00e4rzelt. Dicht an dicht stehen diese Zelte in einer dunklen ehemaligen Fabrikhalle. \u201eDie Nachbarn h\u00f6ren alles mit, und es ist rund um die Uhr laut\u201c, sagt Suzan Marbuk. Dabei f\u00fchlt sich die Familie noch privilegiert. Jenen, die das Camp sp\u00e4ter erreichten, blieb nur ein Zelt drau\u00dfen auf dem Vorplatz.<\/p>\n<p class=\"article even\">Seit drei Monaten brennt die Sonne Tag f\u00fcr Tag auf die 1.400 BewohnerInnen des Softex-Camps herunter, einem der rund zwanzig Milit\u00e4rcamps f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in der Region um Thessaloniki. Immer wieder kollabieren Menschen unter den harten Bedingungen. \u201eWenn wir unter diesen Bedingungen weiterleben, brechen wir alle bald zusammen\u201c, sagt Familienoberhaupt Mosshen Marbuk. \u201eDer Junge ist traurig, vermisst seine Eltern. Wir alle hier sind traurig.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">In den Duschboxen neben der Fabrikhalle flie\u00dft nur kaltes Wasser. Zweimal am Tag f\u00e4hrt ein Lkw vor und wirft knapp bemessene, eingeschwei\u00dfte Essensrationen ab. Fast jeder hier kann entz\u00fcndete Insektenstiche vorzeigen. Die griechische Gesundheitsbeh\u00f6rde empfahl im Juli der Regierung gar, die Camps in Nordgriechenland zu schlie\u00dfen, da sie allzu oft in der N\u00e4he von Brutst\u00e4tten einer gef\u00e4hrlichen Stechm\u00fcckenart gebaut wurden.<\/p>\n<p class=\"article even\">Viele Menschen im Softex-Camp teilen denselben Gesichtsausdruck, einen m\u00fcden, teilweise apathischen Blick. Der Trostlosigkeit trotzen manche mit Drogen. Ein 17-J\u00e4hriger erz\u00e4hlt mit verlangsamter Stimme: \u201eIch bin alleine hier. Zu Hause wusste ich nicht einmal, was Drogen sind, ehrlich. Hier rauche ich Zigaretten, Marihuana, alles. Weil ich es sonst nicht aushalte.\u201c Er hebt seine Arme zur entschuldigenden Geste, sein rechtes Handgelenk ist verbunden, die linke Armbeuge ebenfalls.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Den ber\u00fcchtigten Schleppern Kundschaft zu vermitteln, damit verdient sich der Junge das Geld f\u00fcr seinen n\u00e4chsten Rausch. Gewalt ist bei der angespannten Atmosph\u00e4re ebenfalls keine Seltenheit. Es gibt auch Berichte von sexuellem Missbrauch an Kindern. Eine Vertreterin von \u00c4rzte ohne Grenzen erz\u00e4hlt, viele Frauen und Kinder trauten sich nachts nicht mehr aus dem Zelt. Auch andere Freiwillige wollen gegen\u00fcber der taz von Missbrauchsf\u00e4llen geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<h6>Polizei und Milit\u00e4r schauen zu<\/h6>\n<p class=\"article even\">Die Polizei und das Milit\u00e4r bleiben bei Gewalt bislang passiv. \u00dcberhaupt zeigen die Beh\u00f6rden praktisch keine Pr\u00e4senz. Von vier Zug\u00e4ngen wird ein einziger kontrolliert. Und das, obwohl die Beh\u00f6rden f\u00fcr die Sicherheit im Camp zust\u00e4ndig sind.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Das Camp \u00f6ffnete nach der R\u00e4umung Idomenis. Auch Mosshen und seine Familie harrten zuvor in den Feldern um Idomeni aus. Am 25. Mai dr\u00e4ngte sie die griechische Polizei in Busse und brachte sie in das Lager: \u201eAls ich das hier sah, kamen mir die Tr\u00e4nen\u201c, erinnert sich Suzan.<\/p>\n<p class=\"article even\">In den ersten zwei Tagen habe es keine Toilette gegeben, erz\u00e4hlt sie. Feldbetten bekamen sie erst nach Wochen. Dauernd h\u00e4tten die Milit\u00e4rs Verbesserung gelobt, passiert sei kaum etwas. Die NGOs Save the children und Intervolve haben in den vergangenen Tagen eine Schule ge\u00f6ffnet, um die Stimmung aufzulockern. \u201eWir k\u00f6nnen uns kaum konzentrieren und vergessen immer mehr von dem, was wir einmal konnten\u201c, sagt Suzan. Sie und ihr Mann arbeiteten beide als Ingenieure in Aleppo, bevor der Krieg sie zur Flucht zwang.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Auch die Ersparnisse sind nach sechs Monaten aufgebraucht. Nicht einmal den Bus in die Stadt kann sich die Familie noch regelm\u00e4\u00dfig leisten. Aus Mosshen spricht schiere Verzweiflung: \u201eF\u00fcr meine Kinder bin ich der Papa, der es schon geregelt bekommt. Aber ich bekomme es nicht geregelt. Vor ihnen muss ich stark sein, dabei habe ich eigentlich keine Kraft mehr.\u201c<\/p>\n<h6>Protestaktion in Thessaloniki<\/h6>\n<p class=\"article even\">Anfang August immerhin setzten die BewohnerInnen ein Zeichen. Acht Tage lang verweigerten sie das angelieferte Essen und blockierten am letzten Tag eine Stunde lang eine der Hauptachsen der Innenstadt von Thessaloniki. Die Polizei versprach schlie\u00dflich Verhandlungen mit den Gefl\u00fcchteten. Auch Mosshen geh\u00f6rte zu den f\u00fcnf BewohnerInnen, die sich am 8. August mit Vertretern der Polizei, des Milit\u00e4rs, des UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerks und der Regierung trafen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Eine schnelle L\u00f6sung f\u00fcr die besonders prek\u00e4ren F\u00e4lle wurde versprochen sowie eine verbesserte Infrastruktur. Auf seine wichtigste Frage aber, wie lange sie bleiben m\u00fcssten, erhielt Mosshen keine Antwort. \u201eWir kamen vor dem EU-T\u00fcrkei-Deal an. Warum l\u00e4sst man uns nicht weiter?\u201c, fragt er.<\/p>\n<p class=\"article even\">Auch wohin das sogenannte Relocation-Programm seine Familie bringt, wei\u00df er nicht. \u201eDas ist das gr\u00f6\u00dfte Problem\u201c, meint Mosshen: \u201eWenn mir jemand sagt, in sechs Monaten kommt ihr dahin, kann ich die Zeit nutzen, um die Sprache zu lernen und mich auf das Land und seine Menschen vorzubereiten. So aber sind wir zum Warten verdammt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Fluechtlinge-in-Griechenland\/!5325761\/\" target=\"_blank\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quelle: taz<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Familie Marbuk sitzt in einem griechischen Milit\u00e4rcamp im Lager Softex fest. Dabei m\u00fcsste sie l\u00e4ngst an einem anderen Ort sein. &nbsp; &nbsp; SALONIKI taz | Zu sechst leben die Marbuks in einem Milit\u00e4rzelt. 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