{"id":1093,"date":"2016-05-19T09:49:25","date_gmt":"2016-05-19T09:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1093"},"modified":"2016-05-19T09:49:25","modified_gmt":"2016-05-19T09:49:25","slug":"serie-fluchtpunkt-ehrenamtliche-helfer-eigennutz-spielt-eine-rolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/serie-fluchtpunkt-ehrenamtliche-helfer-eigennutz-spielt-eine-rolle\/","title":{"rendered":"Serie Fluchtpunkt: Ehrenamtliche Helfer: \u201eEigennutz spielt eine Rolle\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\">Ehrenamt kann Selbstzweck sein \u2013 schlimm ist das nicht, sagt die Sozialwissenschaftlerin Misun Han-Broich: Weil der Nutzen f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge \u00fcberwiegt.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\"><strong>taz: Frau Han-Broich, Sie besch\u00e4ftigen sich als Sozialwissenschaftlerin mit dem Thema Ehrenamt. Warum helfen Menschen anderen Menschen, ohne daf\u00fcr eine Gegenleistung zu verlangen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\"><strong>Misun Han-Broich:<\/strong> Da gibt es die verschiedensten Motive. Ich unterscheide aber grunds\u00e4tzlich zwei Helfertypen: Bei den einen kommt der Antrieb aus dem Inneren heraus \u2013 etwa, weil es ihnen im Elternhaus und in ihrem privaten Umfeld vorgelebt wurde oder weil sie es im Rahmen eines christlich-religi\u00f6s motivierten Wertesystems f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich erachten. Andere werden eher durch einen konkreten, \u00e4u\u00dferen Anlass motiviert \u2013 etwa durch die aktuelle Fl\u00fcchtlingskrise.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>L\u00e4sst sich das denn so einfach trennen, innere Einstellung und \u00e4u\u00dfere Motivation?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Nein. Nat\u00fcrlich kann sich jemand auch zum Beispiel durch die gesellschaftliche Dynamik, die es da in der Fl\u00fcchtlingskrise gab, als pl\u00f6tzlich Tausende Menschen versorgt werden mussten, angesprochen f\u00fchlen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Weil man das Gef\u00fchl hat, dabei sein zu wollen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, und dann vielleicht merkt, dass es einem aber auch ein innerer Antrieb ist, zu helfen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Alles andere w\u00e4re ja auch weniger Hilfsbereitschaft als Eigennutz \u2013 oder?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Eigennutz spielt sicherlich eine gewisse Rolle im Ehrenamt. Die urspr\u00fcngliche Motivation ist es aber h\u00e4ufig nicht, sondern eher ein n\u00fctzlicher Nebeneffekt. Man merkt, dass man etwas zur\u00fcckbekommt, wenn man hilft. Ob das nun Dankbarkeit ist oder Anerkennung oder ein pers\u00f6nliches Erfolgserlebnis, weil man zum Beispiel Fl\u00fcchtlingen Deutsch beibringt und ihnen damit vielleicht ein St\u00fcck Perspektive geben kann.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Ist Eigennutz aber nicht verwerflich, wenn es eigentlich darum gehen soll, anderen zu helfen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ich f\u00e4nde es bedenklich, wenn Organisationen damit werben: Kommt, weil ihr hier viele nette Leute kennenlernt oder Kontakte kn\u00fcpfen k\u00f6nnt. Das sollte nicht im Vordergrund stehen. Aber ansonsten w\u00fcrde ich den Selbstzweck, aus dem heraus Menschen helfen, gar nicht so sehr verurteilen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Die taz begleitet eine syrische Familie, denen seit ihrer Ankunft in Berlin eine deutsche Familie im Alltag hilft. Die Frau sagt, dass sie das auch f\u00fcr sich macht: weil sie da eine Ersatzfamilie gefunden habe, nachdem ihr Sohn nun erwachsen ist.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ich bin sicher, dass die syrische Familie von dieser N\u00e4he profitiert \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer sie hergestellt wird. Ich habe viele Gespr\u00e4che mit Fl\u00fcchtlingen und Ehrenamtlichen gef\u00fchrt. Und immer da, wo es gelang, seelisch-emotionale Beziehungen zwischen beiden Gruppen herzustellen, konnten offizielle Strukturen wie zum Beispiel Begegnungscaf\u00e9s oder Begleitungen im Alltag \u00fcberhaupt erst wirken.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Geben Sie mal ein Beispiel.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ich habe in den 90er Jahren als Sozialarbeiterin in M\u00fcnster mit jugoslawischen Fl\u00fcchtlingen gearbeitet: Frauen, die w\u00e4hrend des Kriegs in ihrer Heimat Opfer von Vergewaltigungen wurden. Diese Frauen waren zwar alle in professioneller, therapeutischer Behandlung. Aber wirklich ge\u00f6ffnet haben sie sich erst den ehrenamtlichen Frauen, denen es mit der Zeit gelang, ein pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis aufzubauen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Ist ehrenamtliche Hilfe unterschiedlich wertvoll \u2013 je nachdem, aus welchem Antrieb sie kommt?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Wie gesagt: Wenn Menschen die Bereitschaft mitbringen, eine Beziehung eingehen zu wollen, ist das gut. Allerdings kann man sagen: Diejenigen, die vor allem durch einen \u00e4u\u00dferen Anlass motiviert werden, steigen zwar oft mit sehr viel Einsatz ein und sind in der Sache sehr zielstrebig. Sie k\u00f6nnen aber, auch das habe ich in vielen Interviews festgestellt, Entt\u00e4uschungen schlechter kompensieren. Wenn sie keinen Erfolg sehen oder wenn der \u00e4u\u00dfere Antrieb weg f\u00e4llt, reagieren sie nicht selten mit Frustration und geben das Ehrenamt auch schnell wieder auf. Diejenigen, die sich st\u00e4rker aus einer inneren Motivation heraus engagieren, sind meistens frustrationstoleranter.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Das Ehrenamt als solches \u2013 die Suppenk\u00fcche f\u00fcr Obdachlose, der Gespr\u00e4chskreis im Altenheim \u2013 hat durch die Fl\u00fcchtlingskrise nicht unbedingt einen Popularit\u00e4tsschub erfahren, oder?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Nein, wohl nicht. Im \u00dcbrigen, was auch noch eine Erkenntnis aus der Fl\u00fcchtlingskrise ist: Viele, die helfen wollen, sind gar nicht so sehr auf \u00e4u\u00dfere Strukturen angewiesen. Ich habe im vergangenen Jahr Ehrenamtliche interviewt, die in einer Turnhalle der Freien Universit\u00e4t geholfen haben, wo man Fl\u00fcchtlinge untergebracht hatte. Da gab es Helfer, die sehr schnell einfach losgelegt haben. Ich habe mit einer Frau gesprochen, die etwa 20 Fl\u00fcchtlinge bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen betreut hat \u2013 noch bevor es da so etwas wie Struktur in der Halle gab.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Das klingt so, als ob es die Hauptamtlichen gar nicht braucht.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Doch nat\u00fcrlich braucht es die. Aber: mehr Koordination und Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die Ehrenamtlichen w\u00e4re sch\u00f6n. H\u00e4ufig werden sie n\u00e4mlich nur als zus\u00e4tzliche Belastung von den Hauptamtlichen wahrgenommen. Deswegen ist es auch gut, dass zumindest die gro\u00dfen Tr\u00e4ger in der Fl\u00fcchtlingshilfe zunehmend hauptamtliche Koordinatoren f\u00fcr die Ehrenamtsarbeit einstellen.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Die taz begleitet neben der syrischen auch eine serbische Roma-Familie, die inzwischen ihren dritten Asylantrag gestellt hat. Dieser Familie hat nie jemand privat Hilfe angeboten. Warum erfahren einige Fl\u00fcchtlingsgruppen eher Hilfe als andere?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Da sind auch die Medien nicht ganz unschuldig daran, dass die Roma und Sinti quasi keine Lobby haben. Da ist die Rede von Kriegsfl\u00fcchtlingen, von einer akuten Notlage, in der wir Verantwortung \u00fcbernehmen sollen. Und eben von jenen, die in der Hoffnung auf ein menschenw\u00fcrdiges Leben kommen, was aber offenbar nicht z\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"article odd\"><strong>Die sogenannten Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge.<\/strong><\/p>\n<p class=\"article even\">Ja, dieses Wort ist eine sprachliche Unversch\u00e4mtheit. Wenn jemand aus absoluter Perspektivlosigkeit flieht oder weil er sich und seine Familie nicht mehr ern\u00e4hren kann, dann ist das kein \u201ewirtschaftlicher Grund\u201c, sondern ganz einfach eine existenzgef\u00e4hrdende Bedrohung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Serie-Fluchtpunkt-Ehrenamtliche-Helfer\/!5301853\/\" target=\"_blank\">Quelle: taz<\/a><\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ehrenamt kann Selbstzweck sein \u2013 schlimm ist das nicht, sagt die Sozialwissenschaftlerin Misun Han-Broich: Weil der Nutzen f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge \u00fcberwiegt. &nbsp; taz: Frau Han-Broich, Sie besch\u00e4ftigen sich als Sozialwissenschaftlerin mit dem Thema Ehrenamt. Warum helfen Menschen anderen Menschen, ohne daf\u00fcr eine Gegenleistung zu verlangen? Misun Han-Broich: Da gibt es die verschiedensten Motive. 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