{"id":1017,"date":"2016-02-01T21:34:48","date_gmt":"2016-02-01T21:34:48","guid":{"rendered":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/?p=1017"},"modified":"2016-02-01T21:34:48","modified_gmt":"2016-02-01T21:34:48","slug":"fluchtpunkt-berlin-schule-ist-ein-guter-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iprberlin.com\/de\/fluchtpunkt-berlin-schule-ist-ein-guter-ort\/","title":{"rendered":"Fluchtpunkt Berlin: Schule ist ein guter Ort"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"body\">Die Kinder der Familie Mottaweh haben ihr erstes Zeugnis. Tats\u00e4chlich funktioniert in Berlin die Integration der Fl\u00fcchtlingskinder erstaunlich gut. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"article first odd\">\u201eAh, was ist das? Null Punkte!\u201c, ruft Mahmoud Mottaweh, wirft dramatisch beide Arme in die Luft und h\u00e4lt seinem neunj\u00e4hrigen Sohn dessen Halbjahreszeugnis unter die Nase. \u201eNull Punkte!\u201c Doch der Vater sagt es eine Spur zu theatralisch, seine Mundwinkel zucken, sodass Mohamads Br\u00fcder schlie\u00dflich doch anfangen m\u00fcssen zu kichern.<\/p>\n<p class=\"article even\">Freitagvormittag, in der Mensa der Adam-Ries-Schule am \u00f6stlichsten Rand von Lichtenberg riecht es nach dem Rosenkohl, den kein Kind essen mag. Es ist der letzte Tag des ersten Schulhalbjahrs. F\u00fcr Mohamad aus Damaskus und seine Br\u00fcder, die seit August mit ihren Eltern und zwei kleinen Schwestern in einer Fl\u00fcchtlingsunterkunft in der nahen Rhinstra\u00dfe wohnen, war es das erste in Deutschland \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Null Punkte f\u00fcrs Verbenkonjugieren sind da relativ, das wei\u00df auch Mohamads Vater. Im Heim wartet seine Frau mit dem zehn Tage alten Baby, das nicht schlafen kann, weil es einfach nie ruhig ist im Treppenhaus. Er sucht inzwischen auf eigene Faust eine Wohnung, weil er die Hoffnung aufgegeben hat, dass das Amt ihm irgendwann doch mal eine vermittelt. Es l\u00e4uft nicht gut: Wenn die Vermieter nicht schon am Telefon auflegen, ist Mahmoud Mottaweh froh.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die Schule aber ist ein guter Ort. Dass seine S\u00f6hne hier jeden Morgen herfahren, um Verben zu konjugieren und mit den anderen Kindern auf dem Schulhof Fu\u00dfball zu spielen, ist eine der wenigen Sachen, die f\u00fcr die Mottawehs bisher wirklich funktioniert hat in Berlin.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Tats\u00e4chlich gibt es derzeit in der Fl\u00fcchtlingskrise eine Sache, die die Stadt \u00fcberhaupt nicht auf die Reihe bekommt, und eine andere, die ziemlich ger\u00e4uschlos vonstattengeht: W\u00e4hrend die Unterbringung der Menschen immer noch nicht rundl\u00e4uft und viele von ihnen etwa viel zu lange in den Notunterk\u00fcnften auf dem Tempelhofer Feld ausharren m\u00fcssen, weil es schlicht keine Alternative gibt, hat die Integration der Kinder in die Schulen bisher alles in allem erst mal funktioniert.<\/p>\n<p class=\"article even\">Nat\u00fcrlich wird der Raum f\u00fcrs Gelingen knapper \u2013 die Obergrenze von zw\u00f6lf Kindern pro Willkommensklasse wird l\u00e4ngst nicht mehr \u00fcberall eingehalten. Und selbstverst\u00e4ndlich kann man darauf hinweisen, dass es erst so richtig schwierig werden d\u00fcrfte, wenn die Kinder nach und nach in die normalen Klassen wechseln \u2013 wo die Schulen doch schon jetzt aus allen N\u00e4hten platzen. Und doch: Inzwischen werden 7.000 Kinder in den Deutschlernklassen unterrichtet \u2013 am Schuljahresanfang waren es noch 5.000. Damit haben die Schulen innerhalb eines Halbjahres so viele Kinder in die Willkommensklassen aufgenommen wie zuvor im gesamten vergangenen Schuljahr.<\/p>\n<p class=\"article odd\">An Mohamads Schule gibt es drei Deutschlernklassen. Schulleiter Hans Strempel sagt, wenn man um die \u00dcbel im System wisse, sei das der Willkommensklassen durchaus nutzbar. Eines der \u00dcbel, die Strempel ausgemacht hat: die Befristung der Willkommenslehrer, die in der Regel Einjahresvertr\u00e4ge bekommen \u2013 weil sie oft keine volle Lehramtsausbildung haben. Er hat f\u00fcr seine KollegInnen unbefristete Vertr\u00e4ge ausgehandelt: \u201eAlles andere geht doch auf die Motivation.\u201c Und bei nur einer halben Sozialarbeiterstelle f\u00fcr mehr als 300 Kinder kann sich Strempel ausgebrannte KollegInnen nicht leisten.<\/p>\n<p class=\"article even\">Bei einem anderen \u00dcbel kommt der Schulleiter allerdings an seine Grenzen. Die Zuteilung in die Willkommensklassen richtet sich nicht immer nach dem Einzugsgebiet. Denn wenn ein Kind in eine normale Klasse wechselt, kann eine andere Schule zust\u00e4ndig sein. Dieses \u201eHin-und-Her-Geschicke\u201c sei kontraproduktiv f\u00fcr die Kinder, sagt Strempel. Aber inzwischen k\u00f6nne auch er sich nur noch bei Geschwisterkindern f\u00fcr eine Sonderregelung bei der Schulaufsicht einsetzen.<\/p>\n<h6>\u201eInsgesamt profitiert\u201c<\/h6>\n<p class=\"article odd\">Der Schulleiter sagt auch: \u201eInsgesamt hat unsere Schule profitiert.\u201c Am Anfang habe es \u201eVorurteile\u201c in der Elternschaft gegeben \u2013 \u201einsbesondere von denen, die selbst nicht so viel hatten und es als ungerecht empfanden, dass die Fl\u00fcchtlingskinder gratis essen d\u00fcrfen\u201c. Ein Sommerfest und ein Adventssingen sp\u00e4ter seien die Fronten weniger hart.<\/p>\n<p class=\"article even\">Die Klassenlehrerin von Mohamad verabschiedet die Kinder mit einem Schokoriegel in die Winterferien. Mohamad arbeitet mit anderen zusammen und \u00fcbernimmt freiwillig Aufgaben f\u00fcr die Klasse, steht in seinem Zeugnis. Der Vater l\u00e4sst es sich \u00fcbersetzen. Er nickt. Sein Sohn hat den Anfang gemacht.<\/p>\n<p class=\"article even\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_text \">\n<div class=\"secthead\">\n<h2><span style=\"font-size: 12pt;\">Die serbische Familie<\/span><\/h2>\n<\/div>\n<div class=\"sectbody\">\n<p>Familie Jovanovic hat inzwischen ihren Asylantrag gestellt \u2013 den dritten von Mutter Mitra und ihren Kindern Maria und Jagos seit 2012. Nach Weihnachten ging es nicht mehr: Die Bekannten, bei denen die Familie \u201eunregistriert\u201c geschlafen hatte, setzte sie auf die Stra\u00dfe. Doch ohne Asylantrag kein Heimplatz, kein Geld, keine Fahrkarte. \u201eEs war so kalt\u201c, sagt Maria.<\/p>\n<p>Jetzt sind sie in einem Heim in Lichtenberg. Nach den Winterferien k\u00f6nnen die Kinder in die Schule gehen. Oder ausgewiesen werden. Mit dem gerade beschlossenen Asylpaket II soll das f\u00fcr Antragsteller aus \u201esicheren Herkunftsstaaten\u201c in Zukunft noch schneller gehen. <i>(akl)<\/i><\/p>\n<p><strong>Fluchtpunkt Berlin<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_text \">\n<div class=\"sectbody\">\n<p><b>Das Projekt<\/b> Die Aussichten f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge auf ein Bleiberecht sind sehr ungleich verteilt: Was aber bedeutet das konkret f\u00fcr die Menschen? In loser Folge begleitet die taz eine syrische und eine serbische Fl\u00fcchtlingsfamilie in ihrem neuen Berliner Alltag.<\/p>\n<p><b>Zuletzt<\/b> staunten wir in der Ausgabe vom 23. Dezember mit der Familie Mottaweh \u00fcber die Weihnachtsbr\u00e4uche der Deutschen am Alexanderplatz.<\/p>\n<p><b>Im n\u00e4chsten Teil<\/b> der Serie erkl\u00e4rt eine Anw\u00e4ltin, warum auch Menschen aus einem &#8222;sicheren Herkunftsland&#8220; immer wieder versuchen m\u00fcssen, hier Asyl zu beantragen. <i>(taz)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Serie-Fluchtpunkt-Berlin-2\/!5270587\/\" target=\"_blank\">Quelle: taz<\/a><\/span><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kinder der Familie Mottaweh haben ihr erstes Zeugnis. Tats\u00e4chlich funktioniert in Berlin die Integration der Fl\u00fcchtlingskinder erstaunlich gut. &nbsp; \u201eAh, was ist das? 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